Annes Dilemma

Anne atmete tief durch und genoss die frische, salzige Luft. Noch war es herrlich ruhig am Hafen. Kein Wunder. Es war erst kurz nach sechs und noch dazu Sonntag. Die Masten der Segelschiffe, die an der Anlegestelle vor sich hindümpelten, malten schwarze Striche in das grelle Orange der Sonne. Das hinderte diese jedoch nicht daran, die gesamte Umgebung in warmes, goldenes Licht zu tauchen.

Anne wünschte, sie könne die Zeit anhalten und die Sonne so daran hindern, höher zu steigen. Da das nicht ging, würde sie sich beeilen müssen. Zur Sicherheit machte sie mit ihrer Handykamera ein paar Aufnahmen, ehe sie ihre Staffelei aufstellte und die mitgebrachte Leinwand mit den Längsseiten nach oben und unten drapierte.
Nach der schlaflosen Nacht, die sie hinter sich hatte, waren ein paar Stunden mit dem Pinsel in der Hand genau das Richtige. Ungestört würde sie die Schönheit ihrer Umgebung festhalten und dabei nachdenken. Darüber, wie – und ob – ihre Beziehung zu Marten weitergehen sollte. Wie sie ihre Zukunft gestalten wollte. Mit ihm oder ohne ihn. Hier auf Amrum oder im Bayerischen Wald.
Gegensätzlicher ging es kaum.
„Das ist eine einmalige Chance für mich, Anne“, hatte Marten gestern Abend gesagt. Seine Firma hatte ihm die Leitung des Tochterbetriebs in Passau angeboten. Schon in zwei Monaten könne er dort anfangen. „Verstehst du, endlich habe ich die Möglichkeit, mich zu beweisen. Ich kann meine Ideen umsetzen, ohne vorher meinen Vorgesetzten zu fragen. Weil ich der Chef bin. Das ist ein echter Vertrauensbeweis meiner Firma und ich würde ihn nur ungern ausschlagen.“ Dann hatte er sie fest in die Arme genommen und gesagt: „Aber ich gehe nur, wenn du mitkommst, denn ohne dich würde ich dort eingehen.“
Anne verstand, dass ihn das Angebot reizte, doch begeistert war sie nicht von der Idee, hier fortzuziehen. Sie liebte Amrum. Den weiten Himmel, das Meer, die Schreie der Möwen und den Wind im Gesicht.
Nicht zuletzt lebten hier ihre Familie und all ihre Freunde.
Aber sie liebte auch Marten. Sie waren seit drei Jahren ein Paar und sehr glücklich miteinander. Er war ihr Traummann: Sensibel, humorvoll, klug und charmant. Einen wie ihn fand sie bestimmt nicht wieder.
„Moin.“
Sie wandte den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war und grüßte zurück. „Moin, Hendrik. Auch früh hoch?“
„Jo. Der frühe Fisch fängt den Wurm.“ Er grinste und hob wie zum Beweis die Blechdose mit den Ködern hoch.
„Petri heil“, sagte Anne lächelnd. Hendrik nickte und befestigte einen Wurm am Angelhaken, ehe er ausholte und die Schnur ins Meer schleuderte. Dann setzte er sich auf den kleinen Klapphocker, den er mitgebracht hatte, und sah aufs Meer hinaus.
Hendrik war der Nachbar ihrer Eltern und Anne kannte ihn ihr ganzes Leben lang. Er war ein gemütlicher Mann in den Vierzigern mit braungebranntem Gesicht, vergnügt blitzenden blauen Augen und einer dunklen Wollmütze auf den schwarzen Haaren, die an den Schläfen silbern schimmerten.

Annes Blick blieb am Horizont hängen. Die Sonne brachte das Meer zum Glitzern, es sah aus, als hätte jemand Diamanten auf eine dunkelblaue Decke gekippt. „Ist das nicht schön?“, fragte sie schwärmerisch.  

„Und ob“, stimmte Hendrik zu. „Da lohnt sich das frühe Aufstehen.“

„Find ich auch. All die Schlafmützen wissen gar nicht, was sie verpassen.“

„So wie Wenke und die Kinner, die sind auch noch nicht wach. Da hab ich mir gedacht, ich sorg fürs Mittagessen und fang ein paar Forellen. Und du fängst den Sonnenaufgang ein, wa?“
„Das ist der Plan“, bestätigte Anne. Sie fischte ihren Bleistift aus der kleinen Ledertasche und begann, die Szenerie zu skizzieren. Die Sonne sollte das Zentrum des Bildes werden. Eine besondere Herausforderung bildete das Glitzern auf der Wasseroberfläche. Hoffentlich gelang es ihr, das einigermaßen gut darzustellen. Konzentriert zeichnete sie die Umrisse der Häuser im Hintergrund und die Leiber der Segelboote. Das leise Plätschern des Wassers an der Kaimauer war das einzige Geräusch, nur hin und wieder unterbrochen vom Schrei einer Möwe. Anne genoss die frische Meeresluft, den Duft nach Seetang und Salz. So eine Idylle wie hier gab es im Bayerischen Wald bestimmt nicht.
„Warst du schon mal in Passau?“, fragte sie.
„Nee. Soll aber ganz schön sein.“
„Da ist aber kein Meer.“
„Dafür die Donau. Und noch zwei Flüsse mehr, die Inn und die Ilz. Oder der Ilz? Na, is ja wurscht.“
„Drei Flüsse?“
„Jo. Darum heißt Passau auch die Drei-Flüsse-Stadt. Der Stephansdom soll auch wunderschön sein.“
“Ich dachte, der steht in Wien.“
„Gibt noch mehr davon.“
„Aha.“
„Und denn ist da noch so ‘ne Festung, uralt. Doch, Passau hat was.“
„Woher weißt du das alles?“, wunderte sich Anne. Sie dachte immer, Hendrik kenne sich nur mit Fischen und Holz aus. Hendrik galt als der beste Zimmermann der Insel.
„Meine Oma kam von da.“
„Und die hat dir davon erzählt?“
„Erzählt? Geschwärmt hat die!“ Er machte eine Pause. „Eigentlich müsste ich da echt ma hin. Mit der Wenke. Würde ihr bestimmt gefallen.“
„Ja, bestimmt.“
Sie malte, Hendrik angelte, das Wasser klatschte sacht gegen die Mauer. Frau Petersen kam mit ihrer Mischlings-Töle vorbei und ließ sie an einem Poller das Bein heben. „Moin“, sagte sie.
„Moin“, antworteten Anne und Hendrik wie aus einem Mund.
„Wird bestimmt schön heute“, sagte Frau Petersen mit Blick gen Himmel.
„Hmhm“, stimmten die zwei anderen zu.
Die Töle schüttelte sich und lief weiter. „Na, denn tschüss!“, rief Frau Petersen.
„Jo, tschüss“, rief Hendrik.
„Schönen Tach noch“, fügte Anne hinzu.
Dann schwiegen sie wieder.
„Sach ma, Deern, wieso wolltest du das eigentlich wissen“, fragte Hendrik nach einer Weile. „Ich mein, das mit Passau.“
Anne seufzte und berichtete mit wenigen Worten von Martens neuem Job.
„Soso. Und nu weißt du nich, ob du mitgehen sollst.“
Das war keine Frage, stellte Anne fest. Eher eine Feststellung. „Genau.“
„Meine Oma stand damals vor derselben Entscheidung. Nur andersrum“, sagte Hendrik.
Anne dachte eine Weile nach. „Und?“, wollte sie wissen. „Hat sie je bereut, ihre Heimat verlassen zu haben?“
Hendrik schüttelte den Kopf. „Nich, dass ich wüsste. ‚Liebe hat nix mit einem Ort zu tun‘, hat sie immer gesagt. ‚Heimat is da, wo du glücklich bist. Auch, wenn es nich dein Geburtsort is.‘“
„Scheint ‘ne kluge Frau gewesen zu sein, deine Oma.“
„Jo, dat kann man so sagen.“
Anne tauchte ihren Pinsel in die orangene Farbe und begann, den Sonnenball auf ihrem Bild auszumalen. Zunächst ganz vorsichtig mit der Pinselspitze am Rand entlang. Sie stellte sich vor, wie es wäre, statt Segelbooten und Schiffsmasten eine Festung zu malen, die malerisch auf einem Hügel über der Donau thronte.

Ihren Job als Lektorin konnte sie auch woanders ausüben.
Vielleicht wäre es gar nicht so übel, mit Marten in den Bayerischen Wald zu ziehen. Wälder und Berge statt Meer und Strand.

Wenn sie Urlaub hatten, konnten sie ja immer hierher zurückkehren. Dann hätte sie beides.
Ein Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „In der Donau schwimmen bestimmt auch Fische“, sinnierte sie. „Wenn du mit Wenke nach Passau reist, dann müsst ihr uns besuchen. Wir könnten uns die Gegend zusammen anschauen. Was meinst du?“
Hendrik drehte den Kopf zu ihr und zwinkerte Anne zu. „So machen wir das.“
Abrupt sprang er auf. Die Angel bog sich. „Ich hab was gefangen!“, rief er aufgeregt und begann, an der Kurbel zu drehen.
Und ich hab mich entschieden, dachte Anne, während sie mit einem zufriedenen Lächeln ihren Pinsel in das Wasserblau tunkte.