Anton Rüssel, John der Stinker & eine Idee

Anton Rüssel hat Probleme. Große Probleme. John der Stinker ist hinter ihm her, und wenn John der Stinker hinter jemandem her ist, kann der sich gleich einen Sarg bestellen.

Aber Anton Rüssel will keinen Sarg, er will lieber leben. Und darum muss er verschwinden, so weit weg wie irgend möglich. 

Vor fünf Minuten hat er einen Anruf erhalten. Eine unterdrückte Nummer, was ja selten etwas Gutes bedeutet. „John ist ziemlich enttäuscht von dir, Antonio“, hat die unbekannte Stimme in einem ‚Der-Pate‘-Tonfall gesagt, und prompt hatten sich sämtliche Härchen auf Antons Armen aufgestellt.

„Er will dich sehen, Antonio. Am Donnerstag um Mitternacht im Stadtpark.“

Dann hat der Pate aufgelegt.

Anton macht sich erst einmal auf in die Hafenbar, seine Stammkneipe. Der Tresen ist leer, es sind keine Gäste da. Kein Wunder, es ist erst zwei Uhr nachmittags. Der Raum ist schummrig, nur durch die bräunlichen Butzenscheiben dringt honigfarbenes Licht herein. Es riecht nach Bier und chemischer Zitrone. Valeska schwingt nämlich gerade den Schrubber. Anton zieht geräuschvoll einen Hocker zu sich heran und Valeska hebt prompt den Kopf. Erkennt ihn.

„Anton!“, ruft sie und stellt den Schrubber gegen den alten Flipperautomaten. „Was machst du denn hier? Ich hab noch geschlossen, ist dir das klar?“

„Valeska, ich brauche unbedingt ein Bier“, sagt er. Seine Stimme klingt so niedergeschlagen wie er sich fühlt. Sie seufzt und nimmt ihren Platz hinter dem Tresen ein. „Ein Bier kriegst du auch in jedem Supermarkt“, stellt sie trocken fest, „noch dazu viel billiger". Sie fischt aber dennoch ein Bierglas aus der Halterung über ihr, hält es unter den Zapfhahn und zieht den Hebel in ihre Richtung. Die goldene Flüssigkeit läuft ins Glas. Anton Rüssel liebt diesen Anblick.

„Du willst reden, deshalb bist du hier“, sagt Valeska, drückt den Hebel wieder nach hinten und wartet darauf, dass der Schaum sich senkt. Sie schaut Anton auffordernd an. „Also sagt schon: Was ist los?“ Er druckst einen Moment herum, weiß nicht recht, wie er anfangen soll. Wie sagt man der Frau, in die man heimlich verliebt ist, dass ein stadtbekannter Killer darauf aus ist, ihn mit Kugeln zu durchsieben? „Du kennst doch John?“, fragt er schließlich.

„Den Stinker? Klar, wer kennt den nicht?“ Sie rümpft die Nase und lässt mehr Bier ins Glas laufen.

John der Stinker heißt eigentlich Johannes Meyer. Das hat Anton von einem Kumpel erfahren, der früher mal als Journalist gearbeitet hat. Der kleine Johannes Meyer war mit siebzehn das erste Mal im Gefängnis, weil er einem anderen aus Eifersucht eine Jack-Daniels-Flasche über den Kopf gezogen hat und der Kerl kurz darauf krepiert ist. Auch das weiß Anton von dem Ex-Reporter. Im Knast lernte Johannes nicht nur viele Gauner kennen, er erlernte auch das Einmaleins der Verbrecher, und als er nach acht Jahren wegen guter Führung entlassen wurde, hatte er eine Metamorphose durchgemacht. Aus dem naiven und aggressiven Schulabbrecher Johannes Meyer war der skrupellose und eiskalte Gangster John der Stinker geworden. Im Gefängnis hatten sie ihn so genannt, weil er eine Vorliebe für Knoblauch und eine Abneigung gegen Körperhygiene hat.

„Ich hab ihm ein paar Bilder verkauft“, berichtet Anton nun. „Hab ihm gesagt, es wären Frühwerke von Henri Matisse. Aber in Wirklichkeit hab ich sie gemalt.“ Anton hat ein paar Semester Kunst studiert und malt am liebsten alte Klassiker ab.

Valeska pfiff leise durch die Zähne. „Mutig“, sagte sie. „Und er hat es rausgekriegt?“

„Leider ja", sagt Anton. Dabei kann er Matisse eigentlich besonders gut kopieren. Aber auch John der Stinker hat sich im Laufe der Zeit Kenntnisse angeeignet. Schon, damit er nicht übers Ohr gehauen werden kann. Der Stinker mag kein kluger Kopf sein, doch er besitzt die angeborene Schläue eines Straßenköters. Anton hat ihn unterschätzt.

„Blöderweise hat er den Braten bereits gerochen, ehe er für die Bilder bezahlt hat", fügt Anton hinzu. „Und nun ist er hinter mir her.“

Mit einem mitleidigen Lächeln stellt Valeska das Bier auf einen Bierdeckel und schiebt es Anton hin. „Was hast du jetzt vor?“

„Na, was wohl? Ich muss verschwinden. Nach Afrika oder Zentralasien oder Rio de Janeiro – ganz egal. Hauptsache weit weg.“ Anton hebt das Bier an den Mund und trinkt einen großen Schluck. Das tut gut. Obwohl er der Lösung seines Problems nicht nähergekommen ist, fühlt er sich ein klein wenig besser.

Valeska legt ihre Unterarme auf dem Tresen ab, so dass Anton einen Blick in ihr Dekolletee erhaschen kann. Kein Bild von Matisse ist so schön wie dieser Anblick, denkt er verträumt. „Ich weiß ja nicht, ob es dir hilft“, sagt Valeska leise, obwohl sie allein in der Kneipe sind, „aber ein Freund von mir hat ein Schiff am Hafen und will morgen auslaufen. Nach Australien. Das hat er mir gestern erzählt. Vielleicht nimmt er dich mit.“ Antons Herz schlägt höher. „Kannst du ihn fragen?“

Valeska zuckt mit den Achseln. „Sicher.“ Sie zieht ihr Handy aus einer Hintertasche ihrer engen Jeans und sucht die Nummer heraus. Dann drückt sie auf  'Anruf ' und zwinkert Anton zu.

„Hi Kenny!“, sagt sie fröhlich. 

Sie kann ja auch fröhlich sein, denkt Anton schwermütig. Sie steht nicht auf der Abschussliste von John dem Stinker. „Du, ich hab einen Freund, der unbedingt nach Australien möchte“, sagt Valeska. „Ich hab ihm von dir erzählt. Meinst du, du hast auf deinem Kahn ein Plätzchen für ihn frei? Das geht?“ Sie schenkt Anton ein zufriedenes Lächeln. Er hält vor Aufregung den Atem an. „Aha“, sagt Valeska. „Gut, ich sag es ihm. Alles klar, ciao!“ Sie steckt das Telefon zurück in die Tasche, wo es sich an ihre weichen Kurven schmiegen darf, schießt es Anton eifersüchtig durch den Kopf.

„Er sagt, er nimmt dich mit. Aber die Überfahrt kostet dich eine Kleinigkeit.“

„Wie groß ist die Kleinigkeit?“

„Zwanzigtausend“, sagt Valeska.

Anton dreht niedergeschlagen das Glas in seinen Händen. „So viel hab ich nicht mal ansatzweise.“

Valeska geht zu ihrem Schrubber zurück. „Dann sieh zu, dass du die Summe auftreibst. Er läuft morgen Mittag um zwölf aus.“

Anton kennt nur eine Person, die garantiert so viel Geld zu Hause aufbewahrt. Blöderweise ist diese Person ausgerechnet John der Stinker.

John lebt in einem villenähnlichen Haus am Strand. Selbstverständlich hat er immer seine Leibwächter in der Nähe, die auf ihren Boss aufpassen wie Schießhunde. Alarmgesichert ist die Bude garantiert auch. Der Stinker fühlt sich selbst wie ein Mafioso, weshalb er seinen Bluthunden Namen wie Vito oder Paolo gibt, auch wenn sie Jörg und Martin heißen. Außerdem hat er ein Faible für Tötungsarten, wie man sie aus Mafiafilmen kennt. Es wurden bereits Männer aus dem Hafen gefischt, deren Füße in einer Schüssel voller Beton steckten. Gut möglich, dass der Stinker sich etwas in der Art auch für Anton ausgedacht hat. Entsprechend bummert dessen Herz, als er an diesem Abend auf das Haus von John dem Stinker zugeht. Natürlich geht er nicht als Anton Rüssel, sondern hat sich mit Valeskas Hilfe unkenntlich gemacht, nachdem sie ihn auf eine Idee gebracht hat.

Mit blonder Perücke, falschem Bart, Brille und einem umgeschnallten Bauch, in den Händen einen großen Pizzakarton, klingelt Anton an der Tür. Vor Angst läuft ihm Schweiß den Rücken hinunter und seine Hände zittern. Einer von Johns Gorillas öffnet. „Ja?“, brummt er. Anton erkennt die Stimme wieder. Es ist die des Anrufers von vorhin. „Tach!“, sagt Anton mit Berliner Dialekt, was ihm nicht schwerfällt, denn er ist in der Hauptstadt aufgewachsen. „Wenn ick mir kurz vorstellen dürfte, ick bin Kalle Koslowski aus Berlin. Ick bin nebenan einjezogen und wollte mir ma bekannt machen, wa? Und da ick noch nischt jejessen hab, dachte ick mir, ick bring einfach wat mit.“ Der Gorilla mustert Anton von oben bis unten. Dessen Knie fühlen sich unter diesem Blick so weich an, als wären sie aus Badeschaum. Dann sagt der Leibwächter „Einen Moment“ und schließt die Tür.

Ein Schweißtropfen läuft Anton über die Stirn und bis ins linke Auge. Er blinzelt. Wenn das nur gut geht!

Nach wenigen Minuten, die Anton vorkommen wie Stunden, geht die Tür wieder auf und der Gorilla grunzt einladend. Anton und die große Pizzaschachtel gehen trotz der Badeschaum-Knie erstaunlich unfallfrei an ihm vorbei ins Haus. „Da lang!“ Der Gorilla, Anton weiß nicht, ob es Vito oder Paolo ist, deutet mit dem Kinn in Richtung einer zweiflügeligen Tür. Mit rasendem Puls geht Anton auf den Raum zu und tritt über die Schwelle. Das Zentrum des Raums bildet ein großer Tisch. Der andere Leibwächter, mindestens ebenso groß und breit wie sein Pendant an der Tür, rollt gerade eine grüne Filzmatte auf der Tischplatte aus. John der Stinker kommt auf Anton zu, ein breites Lächeln im grobschlächtigen Gesicht. „Willkommen“, sagt er und breitet einladend die Arme aus. „Ich hörte, Sie sind ein neuer Nachbar von uns. Nehmen Sie doch Platz.“ Damit weist er auf einen der Stühle am Tisch.

Anton stellt die Pizza ab. „Ick hoffe, Sie ha’m Hunger“, sagt er und fürchtet, John könnte an seinem kieksenden Tonfall seine Nervosität erkennen. Dessen Aufmerksamkeit gilt allerdings der Pizza. Er hebt den Deckel an. „Ah, Salami und Peperoni“, sagt er erfreut. „Meine Lieblingspizza. Vito, hol doch mal Teller für meinen Gast und mich, ja?“

Der Gorilla streicht noch einmal die grüne Filzmatte glatt, nickt und verlässt den Raum. John der Stinker setzt sich und Anton tut es ihm nach. Leider sitzt er so dicht neben John, dass die Wolke aus Knoblauch und Schweiß, die den Stinker stets umgibt, auf ihn zu wabert. Anton muss einen Würgereiz unterdrücken und atmet lieber durch den Mund weiter. Wenig später kommt Vito zurück, stellt zwei Teller auf dem Tisch ab und beginnt, die Pizza mit einem Pizzamesser zu zerschneiden.

„Ick nehm det Stück ohne Peperoni, wenn det okay ist, wa?“, sagt Anton. „Von Peperoni wird mir immer schlecht.“ Gerade jetzt ist ihm ebenfalls ausgesprochen übel. Das liegt allerdings nicht an den kleinen grünen Schoten auf der Pizza, sondern an der Situation und Johns Körperausdünstungen.

„Erzählen Sie mal, Herr Koslowski“, sagt John der Stinker, „was führt Sie von Berlin in unsere kleine Stadt?“ „Ick hatte die Großstadt satt“, behauptet Anton. „Und det Meer mochte ick schon immer jerne.“

Vito reicht Anton und John je einen gefüllten Teller. Dann macht er einen Schritt nach hinten und verschränkt die Arme hinter sich. Wie ein Butler aus Downton Abbey, denkt Anton.

„Ihre Freunde könn‘ gern mit uns essen“, regt er an, „is doch jenuch da. Los, Jungs, greift euch auch ein Stück.“ Er lacht und hofft, dass niemand merkt, dass ihm ganz und gar nicht zum Lachen zumute ist.

John der Stinker, der gerade in sein Pizzastück beißen will, macht den Mund wieder zu und wendet sich an Anton. „Eigentlich haben sie keine Erlaubnis, während der Arbeit zu essen“, sagt er.

„Wat arbeiten die denn?“

„Sie kümmern sich um mich“, antwortet John der Stinker und lächelt diabolisch. Zumindest kommt Anton dieses Lächeln diabolisch vor. Mafia-artig, irgendwie.

Dann schaut der Stinker zu Vito. „Aber ich will mal nicht so sein. Die Pizza ist viel zu groß für nur zwei Personen. Und es wäre ein Jammer, so ein Festmahl zu verschwenden.“ Er beißt genüsslich ab und nickt Vito und Paolo zu. „Na los, Jungs. Nehmt euch auch was.“

Vor Erleichterung fühlt sich Anton ganz schwach. Sein Plan kann nur gelingen, wenn alle drei etwas essen.

„Dat is ja ne schicke Bude“, lobt Anton mit vollem Mund. „Darf ick fragen, watt Sie beruflich machen, Herr Meyer?“ „Im- und Export“, antwortet der Stinker knapp.

„Ah, vastehe“, sagt Anton nickend und schielt auf seine Armbanduhr. „Im- und exportieren Sie wat Bestimmtes?“ John schüttelt den Kopf. „Nein, wir handeln mit allem, von Katzenstreu über Kleidung bis hin zu Fertigbauteilen für Bürogebäude.“

Dass es sich bei den Waren, mit denen John der Stinker handelt, eigentlich um Diebesgut, Drogen und Falschgeld handelt, weiß Anton von seinem Reporterkumpel.

„Was machen Sie denn beruflich?“, will John wissen.

„Ick arbeite bei der Bank“, behauptet Anton. „In der Kreditabteilung.“

John horcht auf. „Was Sie nicht sagen“, meint er gedehnt. „Wie interessant.“

Anton winkt ab. „Ach, so interessant ist det jarnich. Aber man kann janz orndlich davon leben, wa?“ Er lacht schallend, als hätte er einen guten Witz gemacht.

John der Stinker lacht ebenfalls. „Wie wäre es mit einem Glas Wein?“, fragt er und beißt noch einmal von seiner Pizza ab.

„Da sach ich nich nein.“

John wendet sich an Paolo. „Hol uns was zu trinken“, sagt er kauend.

Paolo steht wortlos auf und geht an die Bar. Anton bemerkt, dass John der Stinker auf einmal die Augen zusammenkneift. Dann reißt er sie wieder auf und blinzelt mehrmals. Der Kopf von Vito, der Anton gegenübersitzt, sackt langsam nach vorne. Ruckartig kommt der Gorilla wieder hoch. Auch seine Augen weiten sich, ehe die Lider sich wie in Zeitlupe senken. Der unsichere Gang von Paolo, der mit einer Flasche Wein und zwei Gläsern zum Tisch zurückkommt, hat etwas von einem Betrunkenen.

Endlich fängt das Zeug an zu wirken, denkt Anton erleichtert. Für einen Moment hat er geglaubt, die Kerle wären gegen das Schlafmittel, das Valeska in die Peperoni getan hat, immun. Ein bisschen Wein geht daneben, als Paolo die Gläser füllt, doch John scheint das gar nicht zu merken. Anschließend fällt der Gorilla auf seinen Stuhl. Er wirkt, als habe ihn alle Kraft verlassen.

Anton hält den Atem an. Jetzt kann es sich nur noch um Minuten handeln.

„Was is mit mir?“, nuschelt John und lässt den Rest seines Pizzastücks auf den Teller fallen. Wieder kneift er die Augen zusammen, nur um sie dann wieder aufzureißen und Anton misstrauisch zu mustern. „Was zum Teufel … ? Was haben Sie in die …?“ Dann verstummt er abrupt und knallt mit dem Kopf auf seinen Pizzarest. Vito und Paolo fahren erschrocken zusammen. „Boss!“, lallt Vito und versucht vergeblich, seinen massigen Körper aus dem Stuhl zu stemmen.

Paolos Hand verschwindet unter seinem schwarzen Jackett und kommt mit einer Waffe wieder hervor. „Oh, Scheiße!“, flüstert Anton und will schon in Deckung gehen, doch in der Gorillahand ist nicht mehr genügend Kraft. Die Waffe entgleitet ihr und poltert auf den Teppichboden. Dann kippt Paolo vom Stuhl und legt sich neben der Waffe schlafen. Vito ist im Sitzen eingepennt.

Anton lässt die Luft, die er angehalten hat, entweichen und steht auf. Die drei sind ausgeschaltet, zumindest für eine Weile. Jetzt muss es schnell gehen. Anton eilt aus dem Raum und die Treppe hinauf. „Der Safe befindet sich im Schlafzimmer hinter einem Gemälde von van Gogh“, hört er Valeska wieder sagen. Sie weiß es von einer Freundin, die eine Exfreundin von John dem Stinker kennt. Sie konnte ihn irgendwann nicht mehr riechen und hat sich von ihm getrennt, obwohl er sie mit Geschenken überhäuft hat. „Und der Schlüssel zum Safe befindet sich im Spiegelschrank im Bad. In einer Tablettenschach-tel. Pia hat einmal heimlich beobachtet, wie John den Schlüssel dort deponierte.“

Das Schlafzimmer ist ein Traum. Groß, elegant eingerichtet, mit einem dicken weißen Teppich ausgelegt. Antons Blick schweift über die Wände. Kein van Gogh. Er runzelt die Stirn. Dann entdeckt er, dass hinter der weit geöffneten Tür ein Stück Rahmen hervorlugt. Sein Herz macht einen erleichterten Hüpfer. Er schließt die Tür und steht vor dem van Gogh. Erkennt das Bild sofort. Den leuchtenden Sichelmond in der oberen rechten Ecke, der Baumstumpf auf der linken Seite. Es ist „Die Sternennacht“ von 1889. Natürlich eine Kopie, aber gut gemacht. Andächtig nimmt Anton das Bild von der and. Der darin eingelassene Safe kommt zum Vorschein. Er ist nicht sehr groß, vielleicht dreißig mal vierzig Zentimeter, aber Geld und Juwelen benötigen nicht viel Platz.

Anton wendet sich ab und betritt das angrenzende Bad. Stellt sich vor das marmorne Waschbecken und öffnet den Spiegelschrank, der etwa dreimal so groß ist wie der Safe. „Ach du heilige Scheiße“, murmelt er. Mindestens fünfzig Medikamentenschachteln bewahrt John der Stinker hier auf. Anton überfliegt die Beschriftungen. Da sind normale Schmerztabletten, Pillen gegen Haarausfall, Viagra, Hustendragees, Entzündungshemmer und Halstabletten, ein Mittel gegen Schuppenflechte, eins gegen Verstopfung und und und. Offenbar leidet John der Stinker an allem, was man nur haben kann. Anton nimmt eine Schachtel nach der anderen, öffnet sie und lässt den Inhalt in das große Wasch-becken fallen. Er hat bereits über dreißig Schachteln geleert, als endlich ein kleiner Schlüssel auf die Pappschachteln fällt und darunter rutscht. „Heureka!“, denkt Anton zufrieden, gräbt zwischen den Pappschachteln und den eingeschweißten Tabletten nach dem Schlüssel und hält ihn Schließlich in der Hand. Flugs sprintet er zurück ins Schlafzimmer und öffnet langsam den Safe. Die Tür quietscht und Antons Herzschlag beschleunigt sich. Lauschend hält er in der Bewegung inne, doch die drei Männer im Erdgeschoss schlafen offenbar noch immer tief und fest.

Ein breites Lächeln zieht sich durch Antons Gesicht, als er den üppigen Inhalt des kleinen Tresors inspiziert. Seine Fahrkarte in die Freiheit. Er wird Valeska fragen, ob sie ihn nach Australien begleitet. Er könnte sich dort eine kleine Schafzucht zulegen und nebenbei malen. Keine Kopien mehr, nimmt er sich vor. Stattdessen vielleicht Aktbilder von Valeskas Traumkörper.

Anton streckt beide Hände aus und packt die Geldbündel. Als er sie jedoch anhebt, schrillt jäh ein Alarm los, der Anton durch und durch geht. Vor Schreck lässt er die Bündel fallen. Von einer Alarmanlage, die erst losgeht, wenn man den Inhalt eines Safes herausnimmt, hat er schon mal gehört, doch nicht damit gerechnet, dass John der Stinker auf diese Weise sein Vermögen sichert.

Fluchend hebt er das Geld von dem weichen Teppich und stopft die Bündel in seine Jackentaschen. Er muss so schnell wie möglich hier verschwinden. Jeden Moment könnte die Polizei mit quietschenden Bremsen vor dem Haus halten und mit gezückten Waffen das Gebäude stürmen.

So schnell er kann rennt er die Treppe hinunter und zum hinteren Teil des Hauses. Von der Küche aus gelangt man durch eine Terrassentür in den weitläufigen Garten. Schwer atmend reißt er die Tür auf und stürzt nach draußen. Sieht die Kameras, die diesen Teil des Hauses überwachen. Egal, denkt Anton. Erstens bin ich bald weit weg und zweitens erkennt mich in dieser Aufmachung ohnehin niemand. Also läuft er los, klettert ungelenk über einen hüfthohen Maschendrahtzaun in den Nachbargarten und von dort auf die Straße. Seinen Wagen hat er um die nächste Ecke geparkt.

Als er hinter dem Steuer sitzt, keucht er vor Erschöpfung. Unter seiner Verkleidung läuft ihm der Schweiß nur so herunter. Er dreht den Zündschlüssel und gibt Gas. Zunächst fährt er Richtung Autobahn und steuert dort den nächstbesten Rastplatz an, auf dem es lediglich ein paar Holzbänke mit Tischen und eine öffentliche Toilette gibt. Nur ein weiteres Auto parkt derzeit dort. Anton stellt seinen Wagen weit entfernt von dem anderen ab und wartet. Endlich kommt der Fahrer des anderen Autos aus dem Klo. „Los, fahr weiter“, flüstert Anton. Der Mann denkt allerdings gar nicht daran. Er zündet sich eine Zigarette an, kratzt sich am Hintern und geht ein paar Schritte. Dreht um und wandert wieder zum Klo zurück. Antons Finger trommeln auf das Lenkrad ein. Wie lange braucht dieser Kerl, um eine Zigarette zu rauchen?

Endlich, als die Anspannung in Anton kaum noch zu ertragen ist, drückt der Mann seinen Glimmstängel in einem Aschenbecher aus und schlendert auf sein Auto zu. Steigt ein und fährt davon. Anton atmet aus und fährt seinen Wagen bis dicht vor die Toilette. Dann verschwindet er in dem kastenartigen kleinen Gebäude und betritt eine der Kabinen. Wenig später liegt ein Bündel in dem Abfallkorb des Toilettenhäuschens, bestehend aus einem falschen Bart, einer Brille, einer Perücke und einem falschen Umschnallbauch.

Gegen neun Uhr abends betritt Anton Valeskas Kneipe. Nun ist deutlich mehr los, doch am Tresen ist noch ein Hocker frei. Valeska schiebt ihm wortlos ein Bier hin und sieht ihn fragend an. Er nickt unmerklich. Längst hat er das Geld gezählt, das er aus dem Tresor hat mitgehen lassen. Es sind fünfundfünfzigtausend Euro. Mehr, als er erhofft hat. Valeska gibt ihm eine ihrer kleinen Speisekarten. Viel Auswahl bietet diese nicht, aber Anton hat auch keinerlei Hunger. Trotzdem öffnet er sie und tut so, als würde er interessiert darin lesen. Bockwurst mit Senf und Brot, Erbsensuppe, Käsebrot mit Trauben, oder Frikadellen mit Senf – nichts davon reizt ihn auch nur im Mindesten. Er zieht einen Umschlag aus der Innentasche seiner Jacke und legt ihn unauffällig in die Speisekarte. Klappt sie zu und reicht sie Valeska zurück. Sie nimmt sie und verschwindet damit hinter der Tür, die zur Küche führt. Nervös trinkt Anton sein Bier. Er hat zwanzigtausend Euro in den Umschlag getan. Valeskas Anteil. Schließlich hätte er ohne sie das Ding gar nicht durchziehen können. Seine Nervosität rührt aber von dem Zettel her, der sich ebenfalls in dem Umschlag befindet. „Was hältst du davon, mich nach Australien zu begleiten?“, steht darauf. Er lässt die schmale Tür nicht aus den Augen, hypnotisiert sie geradezu. Als sie sich endlich öffnet, knibbelt er nervös an der Haut um seinen Daumennagel. Wird sie mit ihm kommen?

Ihr Gesicht ist ausdruckslos, als sie ihn ansieht. Anton braucht in keinen Spiegel zu schauen um zu wissen, dass er sie wie ein Hund anguckt, der um ein Leckerli bettelt. Valeskas Gesichtsausdruck verändert sich. Ein breites Lächeln macht es noch schöner, als es ohnehin ist. Ihre Augen strahlen ihn an und ihre Lippen bilden ein Wort. ‚Ja!‘

Augenblicklich fühlt Anton sich so leicht, als wäre die Schwerkraft aufgehoben. Er kann sein Glück kaum fassen, würde am liebsten laut jubeln und eine Lokalrunde schmeißen. Doch er beherrscht sich. Valeska legt einen Bierdeckel vor ihn auf den Tresen, dann wendet sie sich ab und nimmt die Bestellung eines Pärchens entgegen. Anton nimmt den Bierdeckel. ‚Morgen um halb zwölf bei der Seeschwalbe‘, steht dort. Glücklich trinkt er sein Bier aus, legt fünf Euro auf den Tresen und verlässt voller Vorfreude die Kneipe. Er will heim. Packen.

Pünktlich um elf Uhr dreißig am nächsten Vormittag steht er am Hafen und hält Ausschau nach Valeska. In der Nacht hat er kaum schlafen können vor Aufregung. Nachdem er seine notwendigsten Sachen noch am Abend zuvor in einen Koffer gestopft hatte, verließ er seine kleine Wohnung und nahm sich ein Hotelzimmer, denn er befürchtete, dass John der Stinker und seine Gorillas ihm auf die Schliche gekommen sein könnten und ihm einen nächtlichen Besuch abstatten wollten. Da ging er doch lieber auf Nummer sicher.

Von Valeska ist noch nichts zu sehen. Aber auf der Seeschwalbe tut sich etwas. Ein kleiner, rundlicher Mann mit Glatze steht am Bug und mustert Anton. Der hebt grüßend die Hand. „Bist du der Freund von Valeska?“, fragt der Glatzkopf. Anton nickt und betritt die Planke, die aufs Schiff führt. „Ich bin Anton“, sagt er und reicht seinem Gegenüber die Hand.

„Kenny.“ Der Seemann hat einen kräftigen Händedruck.

„Freut mich, dich kennenzulernen, Kenny. Hat Valeska sich bei dir gemeldet? Sie wollte nämlich mit uns kommen.“

Kenny schielt auf seine Armbanduhr. „Dann muss sie sich beeilen. In zehn Minuten laufen wir aus.“

Er sieht Anton an. „Hast du das Geld?“

„Selbstverständlich.“ Anton zückt einen Umschlag und reicht ihn Kenny. Der öffnet ihn und prüft den Inhalt. „Okay“, brummt er und steckt den Umschlag vorn in seine Hose. „Geh ruhig schon mal unter Deck und verstau deinen Kram“, sagt er mit Blick auf Antons Koffer.

Anton würde zwar lieber oben bleiben und auf Valeska warten, nähert sich aber dennoch der kleinen Treppe, die nach unten führt. Er wird seinen Koffer abstellen und wieder nach oben kommen, um sie zur Begrüßung in die Arme zu nehmen. Anton steht in einem düsteren und engen Raum mit niedriger Decke und sieht sich um. Es gibt eine Eckbank und einen Tisch sowie eine kleine Küchenzeile. Am anderen Ende des Raums befindet sich eine Tür, die sich nun öffnet. Gleichzeitig schließt sich hinter ihm mit einem satten Ton die Luke und ein Riegel wird vorgeschoben. In Antons Ohren beginnt es unheilverkündend zu rauschen. Mit einem unguten Gefühl im Magen sieht er zu der Tür ihm gegenüber und erkennt trotz des dämmrigen Lichts, wer auf ihn zukommt. Es ist Valeska.

Anton atmet erleichtert aus. Sie ist längst da und Kenny hat die Tür geschlossen, um ihnen Gelegenheit zu geben, sich ungestört zu begrüßen. Dafür hätte er aber nicht den Riegel vorschieben müssen, sagt eine kleine Stimme in seinem Kopf. 

Hinter Valeska erscheint plötzlich eine zweite Gestalt.

„Hallo Antonio“, sagt John der Stinker. „Oder soll ich dich Kalle Koslowski nennen?“ Er verschränkt seine Hände und lässt die Knochen knacken. Sieht von Anton zu Valeska und wieder zurück zu Anton. Lächelt breit. „Darf ich dir meine kleine Schwester vorstellen?“