Auf der Flucht


 

Diese Nacht ist vollmondhell,
die Straße gleicht ‘ner dunklen Schlucht.

Um die Ecke rast, sehr schnell,

eine Frau, wie auf der Flucht.

Panisch schaut sie hinter sich,

den Mund geöffnet wie zum Schrei
Sie stolpert, doch dann fängt sie sich.
Ihre Knie sind weich wie Brei.


Die Gerüchte fall‘n ihr ein,
von den zwei Leichen, die man fand.
Wird sie das nächste Opfer sein?
Liegt bald auch ihr Leib tot im Sand?

Dort hinten, da beginnt der Wald,
vielleicht kann sie sich dort verstecken.
Luft und Herz sind schneidend kalt.
Vor ihr tanzen Schattenflecken.

Schnelle Schritte folgen ihr,
der Rhythmus dröhnt ihr in den Ohren.

Er jagt sie wie ein wildes Tier.

Bald wird sein Messer sie durchbohren.

Sie fliegt fast über den Asphalt,
die schützend‘ Bäume sind nicht fern.
Dann endlich ist er da, der Wald,
hoch über ihr glänzt hell ein Stern.

Sie taucht zwischen zwei Fichten ein,

totes Laub und Zweige knacken.

Blätter rascheln, Käuze schrei’n.

Wird ihr Verfolger sie gleich packen?

 

Immer weiter muss sie hasten,
auf der Flucht vor der Gefahr.
Die Bäume ragen auf wie Masten,

und Zweige greifen in ihr Haar.

Sie keucht und japst, die Seite sticht.

„Ich krieg dich“, ruft er mit Triumph,
„vergiss es, du entkommst mir nicht!“

Da übersieht sie einen Stumpf.

 

Sie stolpert, fällt, schreit auf vor Schreck,
bleibt schluchzend liegen, ist am Ende.

Sie schafft’s nicht mehr in ein Versteck.

Gleich greifen nach ihr fremde Hände.


Es ist vorbei, sie hat verloren.
Des Mörders Schritte nähern sich.
Ihr Blut ist jäh zu Eis gefroren.
Wieso nur will er gerade mich?

Sie kann den Killer keuchen hören.

Ist er am End mit seiner Kraft?
Sie überlegt, ihn zu beschwören,

bezweifelt aber, dass sie’s schafft.

Zitternd kommt sie auf die Knie,
ertastet dabei einen Stein.
Vielleicht gibt’s doch ‘ne Chance für sie.
Dies soll noch nicht ihr Ende sein.

„Na los, steh auf!“, befiehlt er kalt.
„Du kannst am Schicksal nichts mehr drehen.

Wir sind allein in diesem Wald.

Du wirst die Sonne nie mehr sehen.“

 

Sie presst die Lippen fest zusammen,

will sich noch nicht geschlagen geben.

Aus ihrem Herzen schlagen Flammen.

Sie wird kämpfen um ihr Leben!

Die Rechte um den Stein geschlungen,

steht sie auf und schaut ihn an.

Die Stimme hat so hart geklungen,

und hart wirkt auch der ganze Mann.

 

Das Mondlicht zeigt den kalten Blick,

die Lippen lächeln Grausamkeit.

Erneut klebt Angst ihr im Genick,

doch gibt der Stein ihr Sicherheit.


Er fühlt sich gut an, groß und glatt.
Entschlossen holt sie aus, ganz weit …
Da ertönt ein lautes „Cut!“
Es ist der Regisseur, der’s schreit.

Licht flammt auf, sie schließt die Lider.
Wird von Stimmen jäh umspült.
Dann öffnet sie die Augen wieder,
und Freude ist es, die sie fühlt.

Die Szene war die Wirklichkeit,

und sie verschmolz mit ihrer Rolle.

Der Chef versprüht Zufriedenheit

und streicht sich über seine Tolle.

 

„Das war dicht am Oscar dran“,

meint ihr Partner, lächelt froh.
„Komm, schau’n wir uns die Szene an,
und dann muss ich ganz schnell aufs Klo.“

ENDE