Blumen, Brot und Totenköpfe


„Da sind wir, Querida“, sagt Pablo, und ich kann den Stolz in seiner Stimme hören. „Bienvenido en Amatlán.“
Interessiert schaue ich mich um. Pablos Jeep holpert über das Kopfsteinpflaster einer Gasse, die links und rechts von mit bunten Blumen geschmückten Restaurants und Geschäften gesäumt wird. Vor uns erstreckt sich eine zerklüftete Felswand und davor sehe ich grüne Obstbäume und violette Bougainvillea. Dies ist mein erster Besuch in Mexiko, und schon die einstündige Fahrt von der Hauptstadt hierher hat mich begeistert. Dieses Land ist so farbenprächtig, so lebensfroh und lebendig, dass mir Deutschland dagegen trist und grau erscheint. Pablos rechte Hand drückt meine Linke, er strahlt mich an. „Wie gefällt es dir?“
„Es ist wunderschön“, sage ich ehrlich. „Mucho bonita.“
Er lacht. Seine weißen Zähne glänzen in seinem braungebranntem Gesicht und ich bin so glücklich, dass die Zeit der Trennung endlich vorbei ist. Seit wir uns in Hamburg bei einer Halloweenparty kennengelernt und heftig ineinander verliebt haben, ist ein ganzes Jahr vergangen. Seit acht Monaten ist Pablo wieder in seiner Heimat, und bei unseren häufigen Telefonaten sowie in seinen Emails hat er mich immer wieder beschworen, ihn zu besuchen. Also habe ich gespart, und nun konnte ich mir endlich den Flug hierher leisten. Für drei ganze Wochen werden wir zusammen sein und unsere Liebe genießen können. Mein Herz hüpft vor Freude auf die vor uns liegende Zeit. Doch ich bin auch ein bisschen nervös, denn Pablo will mich seiner Familie vorstellen, die natürlich auch hier in Amatlán lebt. Seine Eltern, fünf Geschwister und deren Familien. Pablo hat mal gesagt, dass sie alle zusammen weit über zwanzig Personen sind. „Ich bin der Jüngste und als Einziger noch nicht verheiratet“, hat er mir vor kurzem am Telefon verraten. „Meine Eltern warten sehnlichst darauf, dass auch ich ihnen Enkelkinder schenke.“
Seither spüre ich einen gewissen Druck. Ich bin sechsundzwanzig, liebe meinen Job als Lektorin und wollte mir mit der Familiengründung eigentlich noch Zeit lassen. Doch seit ich Pablo kenne, habe ich mich schon häufiger bei der Frage erwischt, wie es wäre, seine Kinder zu bekommen.
Pablo ist Freelancer und kann überall arbeiten. Das Familienunternehmen – eine in ganz Mexiko bekannte Töpferei – steckt jedoch in einer Krise, seit Pablos Vater erkrankt ist und nicht mehr arbeiten kann. Bis zum Ende des Jahres wird Pablo daher noch hierbleiben und seinen Geschwistern helfen müssen. „Aber nächstes Jahr kann ich wohl wieder zu dir nach Hamburg“, hat er mir versprochen. „Bis dahin kommen meine Brüder allein klar. Doch noch brauchen sie meine Erfahrung in Marketing und Management.“
„Wie geht es deinem Vater inzwischen?“, frage ich ihn nun, während wir bergan über einen ungepflasterten Weg holpern.
Sein Gesicht verdüstert sich. „Leider nicht gut. Der Krebs macht ihn schwach. Er ist dünn geworden und irgendwie … klein.“
„Das tut mir leid“, sage ich und drücke seine Hand. Wir biegen in eine größere Straße ein, in der viele Leute damit beschäftigt sind, Blumenschmuck zu verteilen. „Was soll das?“, frage ich Pablo neugierig, als ich merke, dass mehrere Schaufenster mit Skeletten und Totenschädeln dekoriert sind. „Feiert ihr hier auch Halloween?“
Pablo schüttelt den Kopf. „No. Wir feiern den Dia de los muertos. Den Tag der Toten. Eigentlich sind es mehrere Tage, heute Abend beginnen die Festlichkeiten. Ich habe ganz vergessen, dir davon zu erzählen, lo siento.“
„Du musst dich nicht entschuldigen. Aber erzähl mir doch jetzt davon.“
„Wir gedenken der Verstorbenen. Es ist der wichtigste Feiertag in unserem Land. Die Toten kommen für einige Tage aus dem Jenseits zurück und wir feiern ein Wiedersehen mit ihnen. Es wird musiziert, getanzt und sehr viel gegessen. Bei den Kindern sind besonders die Calaveres de Azucar beliebt.“ Pablo weist auf das Schaufenster einer Konditorei, die wir gerade passieren. Dort sehe ich einen Berg aus Broten, kleine Kuchen in Form von Gräbern und unzählige Totenschädel.
„Sie sind aus Zucker, Marzipan oder Schokolade. Das Brot, das du siehst, ist das Pan de Muerto. Ein süßes Brot mit Anissamen.“
Verrückt, denke ich, und sage: „Das klingt ein wenig morbid, aber auch interessant.“
„Wir sehen den Tod als Teil des Lebens an“, erklärt Pablo. „Das nimmt ihm seinen Schrecken. Er gehört für uns ganz einfach dazu. So, wir sind da.“ Er fährt durch ein blumengeschmücktes Tor und hält vor einem großen Haus in knalligem Orange, dessen Wände ebenfalls mit Blumen und Totenköpfen geschmückt sind. Ich komme mir vor wie in einem Halloween-Horrorfilm und steige mit gemischten Gefühlen aus dem Wagen.
Die weiß gestrichene und natürlich ebenfalls dekorierte Tür öffnet sich und ein Pulk Kinder, begleitet von einigen Erwachsenen strömen heraus. Die Kinder rennen jubelnd auf uns zu. Pablo begrüßt sie lautstark und nimmt einen nach dem anderen in die Arme, die kleineren hebt er hoch und wirbelt sie herum. Die warme Luft wird mit fröhlichem Lachen gefüllt. Ich kann nicht anders, ich muss lächeln. Pablo liebt Kinder, das ist offensichtlich. Eine junge Frau kommt auf mich zu und begrüßt mich auf Spanisch.
„Muchas gracias“, sage ich höflich. Mein Spanisch ist noch rudimentär, doch ich lerne fleißig, so dass ich zumindest ein bisschen von dem verstehen kann, was sie sagt. Pablo hat in Deutschland ein Austauschjahr verbracht und anschließend in Hamburg studiert, so dass er unsere Sprache sehr gut beherrscht. Andere Familienmitglieder begrüßen mich wortreich und heißen mich auf herzliche Art willkommen. Zu guter Letzt kommt eine kleine, grauhaarige Frau dazu. Die anderen machen für sie Platz, so dass sie mir ihre Hände reichen kann. „Bienvenido, Klara“, sagt sie lächelnd. Ihre dunklen Augen wirken müde, sind aber voller Wärme. „Gracias“, wiederhole ich und sage den Satz, den ich zuletzt geübt habe. „Me alegro de estar aqui.“ Ich freue mich, hier zu sein, heißt das.
Endlich ist Pablo wieder an meiner Seite. Er küsst seine Mutter auf die Wange, holt mein Gepäck und ich folge ihm umringt von Kindern und seinen Geschwistern ins Innere des Hauses.
In dem niedrigen dunklen Wohnzimmer liegt sein Vater auf der Couch. Es ist ein jämmerlicher Anblick. Mein erster Gedanke ist: Das wird nicht mehr lange dauern. Der Tod streckt bereits seine Finger nach diesem Mann aus. Dennoch ringt er sich ein Lächeln ab, als er uns erblickt. Pablo kniet neben ihm nieder, umarmt und küsst die eingefallene, mit grauen Bartstoppeln versehene Wange, ehe er mich vorstellt. Mit einem bedrückenden Gefühl verlassen wir schließlich das Erdgeschoss. Pablo sagt etwas zu seinen Verwandten, ich habe nur meinen Namen und das Wort cansado verstanden, das 'müde' bedeutet. Es stimmt, die lange Reise hierher hat mich erschöpft. Pablo bringt mich in sein Zimmer. Endlich allein, denke ich glücklich, umarme Pablo und genieße seine stürmischen Küsse und seine Hände auf meinem Körper. "Te quiero", murmelt er an meiner Wange. Ja, er liebt mich. Und ich ihn auch. Aber warum fällt es mir so schwer, diese wenigen Worte auszusprechen?

"Ich dich auch", flüstere ich. Das sage ich immer. Ist ja praktisch dasselbe. Wir sinken in die Kissen, und nach einer halben Stunde voller Glückseligkeit schlummere ich in seinem Arm ein.

Der Abend ist eine sehr ungewohnte Erfahrung für mich. Im Garten ist ein großer Tisch aufgestellt worden, der sich fast biegt unter all den Köstlichkeiten. Fleischgerichte, Reis, Bohnen, Salate und natürlich Pan de Muerto und die süßen Totenschädel. Dazwischen entdecke ich weitere Symbole des Todes sowie Bilder mir unbekannter Leute. „Das sind die Verstorbenen unserer Familie, derer wird gedenken“, erklärt mir Pablo.
„Die ihr sozusagen zum Essen erwartet“, sage ich grinsend.
„Lach nur“, erwidert er, „so ist unsere Kultur nun einmal. Die Verstorbenen sollen sich nach ihrer langen Reise aus dem Jenseits stärken, ehe wir mit ihnen das Wiedersehen feiern. Bei uns hat der Tod eben auch eine fröhliche Seite.“
„Und das gefällt mir“, gebe ich zu. „Aber es ist ungewohnt für mich. Ich muss mich erst daran gewöhnen.“
Seine Familie gefällt mir jetzt schon. Alle sind freundlich, herzlich und gehen liebevoll miteinander um. Ich fühle mich sehr wohl hier.
„Nach dem Essen gehen wir ins Zentrum und feiern mit den anderen aus dem Dorf“, sagt Pablo und beißt von einem Pan de Muerto ab.
Doch dazu kommt es nicht. Abrupt verstummt die Musik und Pablos Mutter kommt weinend an der Hand von Enrico, Pablos älterem Bruder, aus dem Haus. Ich ahne, was passiert ist. Pablos Gesicht ist blass geworden. Versteinert geht er zu seiner Mutter und drückt die kleine Frau an sich.
Als sie sich von ihm gelöst hat, sagt sie ein paar Worte. Sie kommt mir ausgesprochen tapfer vor. Einige der Männer, darunter auch Pablo, tragen den Leichnam seines Vaters auf einer Holzplatte aus dem Haus und legen ihn im Gras unter einem Baum ab. Die Kinder schmücken seinen Körper mit Blumen, die Musik erklingt wieder, und ich bekomme eine Gänsehaut und fröstele. Pablos Mutter setzt sich neben ihren Mann ins Gras, spricht mit ihm, streichelt sein Gesicht und küsst es.
Mir steigen Tränen in die Augen, es fällt mir schwer, normal zu atmen. Dann ist Pablo plötzlich hinter mir. Seine Arme umschlingen mich, ich fühle seinen warmen Atem an meinem Hals. „Es tut mir so leid“, flüstere ich und streiche sanft über seine Arme. Spüre sein Nicken.
„Todo bien“, antwortet er mit rauer Stimme. „Es ist alles gut, Querida. Nun muss Papa nicht allein ins Jenseits gehen, seine alten Freunde und Verwandte begleiten ihn nach den Feierlichkeiten hinüber. Das ist ein großes Glück. Und er durfte dich noch kennenlernen.“
Ich drehe mich vorsichtig um und küsse seine tränenfeuchten Lippen. „Ihr seid wirklich ganz besondere Menschen“, sage ich, „und eine wunderbare Familie."
Der Gedanke, vielleicht eines Tages dazu zu gehören, fühlt sich schön an. Tröstend. Wie eine herzliche Umarmung.
Ich liebe diesen Mann, denke ich, und wie von selbst kommen mir heute die Worte über meine Lippen, die ich sonst zurückhalte.

„Te quiero“, flüstere ich. Pablo sagt nichts, doch er drückt mich fest an sich. So fest, als wolle er mich nie wieder loslassen.

 

ENDE