Kurzgeschichte


Ein Weihnachtswunder für Artur Grimm

„Frohe Weihnachten, Herr Grimm“, wünschte der Kerl vom Sicherheitsdienst.
Artur winkte nur ab und brummte etwas. Er kannte den Typ vom Sehen, schließlich begegnete er ihm jeden Abend, wenn er sich auf den Weg nach Hause machte, aber er kannte nicht einmal seinen Namen. Der war ihm genauso gleichgültig wie der ganze Mann.
Als er vor die Tür des Büros trat, schlug Artur Grimm ein schneidend kalter Wind entgegen. Die Hände tief in die Taschen seines Mantels vergraben stemmte er sich mit gesenktem Kopf durch die Kälte zu seinem Wagen, der als einziger noch auf dem Parkplatz stand. Abgesehen von dem kleinen Corsa des Sicherheitsbeamten, aber der zählte nicht wirklich. Er war ja kein Kollege und auch kein Mandant. Als Artur sein Auto vom Platz rollte, fiel sein Blick auf den weihnachtlich geschmückten Eingangsbereich der Anwaltskanzlei. Leuchtende Lichterketten und eine Girlande aus Tannengrün mit rotglänzenden Kugeln sollten jeden, der sich dem Bürogebäude näherte, mit Weihnachtsgefühlen erfüllen. Bei Artur erfüllte der Schmuck jedoch nicht seinen Zweck. Er konnte Weihnachten und allem, was damit zusammenhing, nicht das Geringste abgewinnen. Das war bereits sein ganzes Leben lang so. Vielleicht abgesehen von den paar Jahren seiner frühen Kindheit, als seine Eltern noch lebten. Die hatten Weihnachten geliebt. Ihre Wohnung war spätestens Ende November mit Gestecken, vielen Kerzen und hübschen Weihnachtsfiguren dekoriert und hatte sich so in eine Art Zauberland verwandelt, durch das der kleine Artur mir offenem Mund und leuchtenden Augen spaziert war. Plätzchen backen, Weihnachtslieder singen und ein großer Tannenbaum mit vielen Geschenken darunter gehörten zu seinen frühesten Festtagserinnerungen.
Doch dann, eines eisigen Januartages, als sie im Auto den nahen Park ansteuerten, um dort Schlitten zu fahren, nahm ihnen jemand die Vorfahrt. Wenn Artur die Augen schloss und sich konzentrierte, konnte er wieder das gellende „Pass auf!“ seiner Mutter hören, das sich nahtlos anschließende Krachen, Knirschen und Splittern und die darauf folgende gespenstische Stille.
Irgendwer hatte ihn aus seinem Kindersitz gehoben und ihn an sich gedrückt. „Du armes Hascherl“, hatte eine dunkle Stimme voller Mitgefühl gesagt. „Du armes, armes Kind.“


Er war dann für ein paar Wochen im Krankenhaus geblieben und sah seine Eltern nie wieder. Das war die schrecklichste Zeit seines bisherigen Lebens, doch sie sollte nur ein Anfang sein, denn was danach kam, war viel schlimmer. Weil er keine Verwandten hatte, wurde er in ein Heim gesteckt. Die Kinder dort waren gemein und grausam. Sie schlugen und quälten ihn, stahlen ihm häufig sein Essen, legten ihm tote Mäuse und Spinnen in sein Bett und erzählten der Heimleiterin Lügen, damit er bestraft wurde. Einzig Miranda war nett zu ihm und beschützte ihn so gut sie konnte. Doch sie blieb nur ein Jahr, dann wurde sie adoptiert und er sah sie genauso wenig wieder wie seine Eltern. Nun beschützte ihn niemand mehr von den Gemeinheiten der anderen.
Seine Kindheit hatte ihn geprägt. Der erwachsene Artur misstraute jedem, mochte niemanden und boxte sich allein durchs Leben. Immerhin hatte er es zu etwas gebracht, denn er war ehrgeizig. Inzwischen war er ein anerkannter und erfolgreicher Anwalt mit vielen reichen Klienten und selbst finanziell gut gestellt. Sein Bankkonto wurde immer voller, denn er gab fast nichts von seinem Geld aus. Gut, er fuhr einen teuren Wagen und sein Haus war stilvoll und elegant eingerichtet, doch Urlaub machte er fast nie und er hatte auch keine Familie, die ihm die Haare vom Kopf fraß. Sein Leben war sein Job.
Artur stellte das Radio an und sogleich wieder aus, als ein glöckenbimmelndes Weihnachtslied erklang. Bloß das nicht! Die Straßen waren mit Lichterketten geschmückt worden, in den Schaufenstern gaukelte künstlicher Schnee weiße Weihnacht vor, und ihm begegneten viele warm angezogene Menschen mit Tüten in den Handschuhhänden und Paketen im Arm. Artur war froh, dass er sich diesen Geschenkestress nicht antun musste. Es gab niemanden, der von ihm etwas erwartete. Oder von dem er etwas zu erwarten hätte. Morgen war Weihnachten und er konnte entspannt so tun, als wäre es ein Tag wie jeder andere.
Zu Hause angekommen schloss er die Tür auf und machte Licht. Die große Eingangshalle sah so aus wie immer. Keine Tannenzweige, keine Lichterketten und anderer Schnickschnack. Artur stellte seine Aktentasche ab, zog Mantel und Schuhe aus und schlüpfte in ein Paar Pantoffeln.
Als er sich dem Wohnzimmer näherte, runzelte er die Stirn. Dort brannte Licht. Nur schwach, als stünde in der hintersten Ecke eine eingeschaltete Tischlampe. Allerdings gab es dort keine Lampe. Irritiert trat er über die Schwelle und blieb abrupt stehen. In der Ecke seiner Designercouch saß … Ja, was zum Kuckuck war das? Ein schillerndes Wesen, das durchsichtig wirkte, umgeben von einem hellen Kranz, der die Konturen verwischte. Das Wesen sah auf, als Artur nähertrat.
„Da bist du ja endlich!“, sagte das Wesen mit heller Stimme und erhob sich von der Couch. Es schwebte auf Artur zu, der erschrocken zurückwich. Hatte er Halluzinationen?
„Du brauchst keine Angst vor mir zu haben, Artur“, sagte es. „Darf ich mich vorstellen? Ich bin Klingel, ein Weihnachtself.“
Artur kniff die Augen zusammen, zählte bis zehn und riss die Augen dann wieder auf. Das merkwürdige Wesen schwebte noch immer vor ihm.
„Ich bin echt“, sagte Klingel amüsiert. „Und nein, du träumst auch nicht. Ich bin hier als Botschafter des Weihnachtsmannes. Es stimmt ihn sehr traurig, dass dich der Geist der Weihnacht nicht erreicht.“
Artur verschränkte die Arme. „Ich dachte, der Weihnachtsmann ist für die Kinder da. Ich bin kein Kind mehr und brauche weder ihn noch all den ganzen anderen Mist. Also richte ihm meine Grüße aus und verdufte.“
Klingel flog zu Arturs Fernseher – einem großen, sehr teuren Flatscreen mit allem Zipp und Zapp – setzte sich obendrauf und schlug ein Bein über das andere. Artur wollte schon protestieren, doch dann sah er, dass der Elf einige Zentimeter darüber schwebte. Sein Fernsehabend war also nicht in Gefahr.
„Der Weihnachtsmann wäre nicht zufrieden, wenn ich so schnell aufgeben würde“, sagte Klingel und nestelte an seinem Gürtel. Er trug ein hellgrünes Gewand, einen passenden Hut und flache rote Schuhe. Klingel hatte einen Beutel von seinem Gürtel gelöst und öffnete ihn. „Komm näher und schau dir das an“, sagte er zu Artur und winkte ihn zu sich. Widerstrebend ging Artur ein paar Schritte auf den Weihnachtself zu. Der griff in den Beutel, zog die Hand wieder hervor und warf etwas nach Artur, der einen erschrockenen Satz nach hinten machte. Um ihn herum glitzerte es, als hätte der Elf Goldglitter über ihn geworfen.
„Das ist Sternenstaub“, rief Klingel, schwebte auf Artur zu und ergriff dessen Hand. Es fühlte sich warm und seltsam schön an. „Und los geht die Reise!“ Klingel lachte vergnügt.
Um Artur begann sich alles zu drehen, schimmernde Dunkelheit hüllte ihn ein.
Einige Herzschläge später wurde es heller. Artur stand in seiner Kanzlei, nur wenige Meter von dem Sicherheitsbeamten entfernt, der am Empfang saß und telefonierte.
„Was soll ich hier?“, wollte Artur wissen, doch Klingel legte sich einen Finger auf die Lippen. „Pst! Hör zu!“
„Nein, jetzt sind alle weg“, sagte der Mann, dessen Namen Artur nicht kannte, „Ja, auch Grimm, der alte Griesgram. Er brachte nicht mal einen Gruß über die Lippen. Der kann einem wirklich leidtun. Der Vorname? Den weiß ich nicht. Hast du einen Weihnachtsbaum gefunden? Alle zu teuer? Was sollen wir denn jetzt machen? Die Kinder freuen sich doch so auf morgen. Wenn wir ihnen schon kaum etwas schenken können, dann sollen sie doch wenigstens ... Ja, ich weiß, tut mir leid, Miranda. Aber was hätte ich denn tun sollen?“
Artur zuckte zusammen, als der Name Miranda fiel. Konnte es sein, dass …? Nein, es kam ihm unwahrscheinlich vor, dass die Miranda am anderen Ende der Leitung dieselbe Miranda war, die damals im Heim der einzige nette Mensch gewesen war.
„Doch, genau die Miranda ist es“, flüsterte Klingel dicht bei Arturs Ohr, als hätte er seine Gedanken gelesen. „Ihre Familie hatte es zuletzt nicht leicht. Ihr Haus ist abgebrannt und die Versicherung zahlt nicht. Nun leben sie zu viert in einer kleinen Ferienwohnung und haben kaum Geld zum Leben. Für Weihnachtsgeschenke oder einen Tannenbaum reicht es einfach nicht.“
Artur hatte auf einmal ein seltsames Gefühl. Eine Empfindung, die er schon lange nicht mehr gespürt hatte. Mirandas Familie tat ihm leid. Er wollte ihr helfen.
„Bring mich zum nächsten Geldautomaten“, bat er Klingel. Der Elf lächelte und nahm erneut Arturs Hand.
Im nächsten Moment standen sie im Vestibül einer Bank und Artur hob eine stattliche Summe von seinem Konto ab. „Darf ich deinen Beutel leihen?“, fragte er den Elf. Der sagte nichts, sondern reichte Artur wortlos das Gewünschte.
Artur Grimm stopfte die Scheine in den Beutel und nickte Klingel zu. „Gut, jetzt bring mich bitte zurück zu Mirandas Mann.“
So geschah es. Artur ging auf den Sicherheitsbeamten zu und legte den Beutel vor ihn auf den Empfangstresen. Der Mann schien ihn nicht zu sehen, auch den Beutel nicht.
„Wir sind für ihn unsichtbar“, sagte Klingel. Dann hob er sein Knie an und zog den linken Schuh aus. „Hier habe ich immer noch eine Sternenstaub-Reserve“, erklärte er Artur und ließ ein bisschen davon über den Beutel rieseln.
„Nanu, was ist das denn?“, wunderte sich Mirandas Mann und betrachtete den Beutel. „Wo kommt der denn plötzlich her?“ Er nahm ihn vorsichtig auf und öffnete ihn. Artur freute sich jetzt schon auf das Gesicht des Mannes, wenn der das Geld entdeckte. Doch Mirandas Mann zog statt eines Geldscheins ein Blatt Papier hervor und faltete es auseinander. „Frohe Weihnachten für Sie und Ihre Familie“, las er, „Ihr Artur Grimm.“
Artur starrte fassungslos zu dem Elf, der zufrieden lächelte. Nun holte der Sicherheitsmann die Geldscheine aus dem Beutel hervor. Sein Gesicht spiegelte die Ungläubigkeit, die er empfand. „Das gibt es doch nicht“, murmelte er fassungslos und griff mit zitternder Hand erneut zum Telefonhörer.
„Miranda, hier ist gerade etwas Verrücktes passiert. Mach dir wegen Weihnachten keine Sorgen mehr. Artur Grimm, der griesgrämige Anwalt, hat uns einen Haufen Geld geschenkt!“ Er lauschte mit einem glücklichen Lächeln. „Ja, Artur, das ist der Vorname. Wie, du kennst ihn? Woher …? Okay, erzähl es mir später. Ja, nun wird alles gut. Ich liebe dich auch.“
Um Artur wurde es dunkel und alles begann sich erneut um ihn zu drehen. Wenig später stand er in seinem Wohnzimmer. Allein. Klingel war verschwunden.
Sein Telefon brummte leise. Noch benommen von dem Erlebten schaute Artur auf das Display. Die Nummer kannte er nicht. Neugierig nahm er das Gespräch an.

„Ja, Grimm?“
„Hallo Artur, hier ist Miranda aus dem Kinderheim. Vielen Dank für die großzügige Gabe, die du meinem Mann hast zukommen lassen.“

„Ach“, murmelte Artur, mit vor Verlegenheit heißen Wangen, „das habe ich gern gemacht.“

„Es ist so schön, von dir zu hören. Ich habe oft an dich denken müssen“, sagte Miranda. „Sag, möchtest du Weihnachten vielleicht mit mir und meiner Familie feiern?“

Spontan sagte Artur zu. Als der schließlich den Hörer auflegte, spürte er eine seltsame Wärme in seinem Inneren. Es war ein angenehmes Gefühl.


ENDE