Teil 1 - Die Würde des Mannes

Jockel rieb sich den Schlaf aus den Augen, während er gähnend Richtung Küche tapste.
Dort erwartete ihn nicht, wie er vermutet hatte, nur das übliche Maß an Unordnung, sondern eine Überraschung. Am Küchentisch saß, lediglich mit einem übergroßen Shirt bekleidet, eine junge Frau, und blickte ihm entgegen. Langes, blondes Haar, übermütig funkelnde blaugrüne Augen, und Beine, die das Blut schneller durch Jockels Adern rauschen ließen. Was für ein himmlischer Anblick am frühen Morgen!
„Guten Morgen“, trällerte die Schönheit vergnügt.
Jockel musste sich erst einmal räuspern, weil er seiner Stimme nicht so recht über den Weg traute. „Äh, Morgen“, murmelte er dann.
Die Blondine sprang auf und streckte ihm eine zarte Hand entgegen. „Du musst Axels Mitbewohner sein. Ich bin Svenja.“
„Jockel“, sagte er und schüttelte ihre Hand. Oh, Axel, du vom Glück verfolgter Windhund, dachte Jockel neidisch. Wie schaffst du es nur, immer die tollsten Frauen abzuschleppen?
Svenja hob eine Augenbraue. „Jockel?“, wiederholte sie, als sei sie nicht sicher, ob sie ihn richtig verstanden hatte.
„Also, eigentlich Joachim, aber so nennt mich zum Glück niemand.“
„Ach so, verstehe.“
Svenja, diese hinreißende blonde Göttin, setzte sich wieder auf den Stuhl, wobei sie einen schlanken Fuß mit auf die Sitzfläche ließ, so dass ihr Knie auf Höhe ihres Halses war. Was für ein Knie! So rund und glatt und braungebrannt … Jockel zwang sich, woanders hinzuschauen, und steuerte die Kaffeemaschine an.
Svenja blätterte raschelnd in der Tageszeitung. „Was für ein Sternzeichen bist du?“, wollte sie wissen.
Jockel nahm sich eine Tasse aus dem Regal. „Ich glaube nicht an Horoskope.“
„Verrat’s mir trotzdem.“
„Also schön. Skorpion.“
„Ah, Skorpion … Wollen wir doch mal sehen, was die Sterne für dich bereithalten“, sagte Svenja munter und las vor. „Halten Sie die Augen offen. Dann wird Ihnen heute vermutlich jemand über den Weg laufen, der großen Einfluss auf Ihr zukünftiges Leben haben wird.“
Jockel, der gerade Kaffee in den Becher laufen ließ, hielt inne. Ihm war doch bereits jemand über den Weg gelaufen. Svenja, die nordische Göttin mit den atemberaubenden Beinen.
Vielleicht, so überlegte Jockel, sind Horoskope doch kein solcher Blödsinn, wie ich immer dachte.

Ein frisch geduschter Axel enterte die Küche, gab Svenja einen zärtlichen Kuss, was eine gewaltige Portion Neidgefühle in Jockel weckte, und verpasste seinem Mitbewohner einen kumpelhaften Schlag auf den Hinterkopf. „Morgen, du Schlafmütze. Kannst du dich nicht angemessen anziehen, wenn wir Damenbesuch haben?“
Jockel schaute an sich herunter. Graue Boxershorts und sein Lieblings-T-Shirt. „Was ist falsch daran?“
„Na hör mal!“ Axel schüttelte missbilligend den Kopf und wies auf den Shirt-Aufdruck. „Die Würde des Mannes ist unten tastbar.“ Er schnalzte mit der Zunge. „Das ist nicht cool, Mann.“
„Ich finde den Spruch witzig“, ließ sich Svenja vernehmen. Dankbar schaute Jockel sie an. Sie gefiel ihm von Minute zu Minute besser. Blöd nur, dass Axel sie zuerst entdeckt hatte. Svenja nahm sich eine Banane aus dem Obstkorb, der auf dem Tisch stand, schälte sie und begann zu essen.
Jockel wurde bei dem Anblick heiß. Er und sein T-Shirt mussten hier weg, ganz dringend!
„Also, bis dann“, brummelte er und verließ mit seinem Kaffee den Raum.
Unter der Dusche, wo ihn wie immer haarige Hinterlassenschaften von Axel erwartet hatten, die er erst einmal wegspülen musste - der Typ war so ein Chaot! -, grübelte Jockel über das Horoskop nach. Heute war Sonntag, und den verbrachte er regelmäßig im Kreise seiner Familie. Also konnte diese Person, die ihm über den Weg laufen sollte, ja nur Svenja sein. Gut, sie war noch mit Axel zusammen, doch Jockel wusste aus Erfahrung, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis Axel sich umorientierte. Dann ein kurzes Gespräch unter Männern, in dem er, Jockel, sich von seinem Kumpel die Erlaubnis geben ließ, es bei Svenja zu versuchen, und seinem Glück stand nichts und niemand mehr im Wege!
Bei dem Gedanken summte er fröhlich vor sich hin, während er seinen dunkelblonden Schopf einschäumte.

Das Mittagessen bei seinen Eltern begann harmonisch. Jockels Mutter hatte Königsberger Klopse mit Kartoffeln und Kapern gemacht, eine Mahlzeit, die Jockel liebte. Seine Schwester Maibritt war mit ihrem Verlobten, dem blöden Muskelprotz Karsten, ebenfalls gekommen, und palaverte stundenlang über die anstehende Hochzeit. Dabei waren es bis Mai noch mehr als drei Monate.
Nach dem Essen zog Maibritt eine Papierrolle hervor und breitete sie auf dem nun wieder freien Esstisch aus. „Die Sitzordnung“, verkündete sie, und alle beugten sich neugierig darüber.
„Ihr sitzt natürlich alle mit uns am Familientisch.“ Maibritt tippte auf den größten aufgemalten Kreis. Jockel überflog die Namen, die anstelle von aufgemalten Stühlen zu sehen waren.
Das Brautpaar, links davon ihre Eltern, rechts die des Bräutigams. Außerdem noch Karstens hässliche Schwester, Jockel selbst und auf seiner anderen Seite –
„Muss das sein?“, fragte er genervt und tippte auf den Namen neben seinem.
Maibritt blinzelte irritiert. „Natürlich. Du weißt ganz genau, dass Tante Hedi meine Patentante ist und ich sie sehr gern mag.“
Tante Hedi wog gut und gerne hundertzwanzig Kilo, plapperte in einem fort, sogar beim Essen, so dass sie immer mal wieder Speisekrümel durch die Gegend schoss, als hätte sie ein Schnellfeuergewehr im Mund. Und wenn sie nicht plapperte, dann lachte sie. Und ihre Lache war so grell und laut wie ein Martinshorn, nur nicht so melodisch.
„Du kannst mich nicht neben Tante Hedi setzen“, regte sich Jockel auf. „Wenn du das tust, wird sie den Abend nicht überleben.“
„Stell dich nicht so an“, riet ihm Maibritt gelassen. „Auf deiner anderen Seite sitzt doch Kirsten. Du kannst dich ja mit ihr unterhalten.“
„Na klasse“, brummte Jockel, „dann habe ich also die Wahl zwischen Miss Piggy auf Speed und der leiblichen Tochter von Mr. Bean.“ Rasch klappte er den Mund zu. Was war ihm da nur über die Lippen gekommen?
Um den Tisch herum herrschte plötzlich eisiges Schweigen. Alle starrten ihn an, als hätte er verkündet, dass er zur Hochzeit ein Ballerina-Tütü mit Federboa tragen würde.
Der finstere Blick des Bruders von Mr. Beans leiblicher Tochter schien Jockel zu durchbohren.
„Ähm, ich meinte, ich …“, stotterte er hilflos.
Karsten richtete sich auf und ballte mit grimmiger Miene die Fäuste. „Wir sollten vielleicht mal vor die Tür gehen“, schlug er vor, mit einer Miene, die an einen wütenden Bruce Willis erinnerte.
Jockel betrachtete die breiten, muskulösen Schultern seines Schwagers in spe und schluckte.
„Entschuldige dich!“, zischte seine Mutter quer über den Esstisch, „und zwar sofort!“
Jockel holte tief Luft. Er fand es demütigend, sich bei jemandem entschuldigen zu müssen, dessen hauptsächliche Lektüre Micky-Maus-Hefte waren, und der glaubte, Stephen King sei mal König von England gewesen.
„Tut mir leid“, würgte Jockel hervor. „Ich hab’s nicht so gemeint.“
Karstens Oberarmmuskeln entspannten sich wieder. Er nickte Jockel knapp zu, doch seinem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, war er weit davon entfernt, diese unschöne Szene je zu vergessen.

Bald darauf beschloss Jockel, sich lieber vom Acker zu machen. Er wollte nur noch heim. Vielleicht war Svenja sogar noch da. Plötzlich hatte er es sehr eilig.

Beim Verabschieden konnte sich seine Mutter nicht verkneifen zu sagen, dass er sich hüten solle, bei der Hochzeit ähnliche Frechheiten von sich zu geben wie heute. „Benimm dich einmal so, dass wir stolz auf dich sein können“, mahnte sie seufzend, ehe sie ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange hauchte und die Tür für ihn öffnete.
Die Wohnung war so leer wie eine Schule während der Sommerferien. Seufzend betrat Jockel die Küche. Auf dem Tisch lag noch immer die aufgeschlagene Sonntagszeitung. Er trat näher heran, wollte noch einmal, um sich ein klein wenig aufzuheitern, sein Horoskop lesen.
„Heute müssen Sie mit Spannungen im Familienkreis rechnen“, stand da unter dem Skorpion-Bildchen. „Halten Sie sich besser zurück oder verschieben Sie ein Treffen auf einen späteren Zeitpunkt.“

Verwirrt runzelte er die Stirn, schaute noch einmal genauer hin. Dann fiel es ihm wie Schuppen aus den Haaren: Svenja war in der Zeile verrutscht und hatte ihm das Horoskop des Schützen vorgelesen!

Kraftlos ließ er sich auf einen Küchenstuhl sinken. Sein richtiges Horoskop hatte jedenfalls prächtig hin gehauen. Vielleicht war an diesem Blödsinn ja doch etwas dran ...

 

 

ENDE