Ausgerechnet der!

 

 

„Schönes Wochenende, Frau Kreuzer.“

Sara hob den Kopf und lächelte ihrer Sekretärin zu. „Das wünsche ich Ihnen auch, danke.“

Als sie allein war, schaute sie zur Uhr. Es war tatsächlich bereits zwei Uhr. Und ihre Erwiderung auf den gegnerischen Schriftsatz war noch längst nicht fertig. Sie seufzte, als ihr einfiel, dass sie ihre Sekretärin hatte bitten wollen, eine bestimmte Akte aus dem Archiv zu holen. Die Urteilsbegründung darin würde ihr weiterhelfen. Nun musste sie selbst die alte Akte suchen gehen.

Sara stand auf und streckte sich. Ihr tat das Kreuz weh vom langen Sitzen. Ein Grund mehr, das Archiv aufzusuchen. Etwas Bewegung würde ihr guttun.

Auf dem Weg dorthin begegnete ihr eine der Auszubildenden, die gewiss ebenfalls gleich verschwinden würde. Wie so oft würde Sara als Letzte ins Wochenende gehen.

Das Archiv hatte ein Drehschloss. Sara entriegelte es und schob die schwere Stahltür auf, hinter der die Kanzlei alle abgeschlossenen Fälle aufbewahrte. Zehn Jahre musste jede Akte behalten werden, ehe sie vernichtet werden durfte. Deshalb war das Archiv groß und mit vielen Regalen bestückt.

Drei Fenster sorgten für ausreichend Helligkeit. Die Tür fiel hinter Sara ins Schloss und sie wandte sich der Liste zu, die auf einem Tisch lag. Hier war vermerkt, wo man welche Akte finden konnte.

Ihr Zeigefinger glitt suchend über die Zeilen und hielt schließlich inne. Im achten Regal, ganz unten, lang die Prozessakte, die sie brauchte.

Es war still und staubig im Raum. Das Klackern von Saras Absätzen auf dem Fliesenboden war das einzige Geräusch. Sie bog ab und blieb erschrocken stehen. Vor ihr, mit dem Rücken an der Wand, saß Jürgen Kleinert auf dem Boden, und sah genervt zu ihr auf.

Ausgerechnet der! Sie hatte so einige Kollegen, die meisten waren ganz in Ordnung, doch Jürgen Kleinert war ihr von Anfang an unsympathisch gewesen. Er war stets kurz angebunden, lächelte fast nie und vergrub sich hinter seinen Aktenbergen. Die anderen Anwälte unterhielten sich gern mal, scherzten miteinander und berichteten von ihrem Privatleben. Kleinert hielt sich stets fern von allen. Ein humorloser Eigenbrötler war er. Sara hatte gar das Gefühl, als schaue er auf sie und die anderen herab. Und ausgerechnet ihn musste sie hier treffen.

„Ist Ihnen Ihr Büro zu gemütlich?“, fragte sie kühl und trat an das Regal heran, in dem sich die gesuchte Akte befinden sollte.

Jürgen Kleinert kam auf die Füße. „Ich wollte eine Weile ungestört nachdenken. Ohne Telefon und so. Doch scheinbar gibt es hier keinen Ort, wo man das tun kann.“

„Keine Sorge, ich bin gleich wieder verschwunden.“ Sara hockte sich hin und zog wenig später die Akte aus dem Stapel ganz unten. Dann kam sie wieder hoch und wandte sich ihrem Kollegen zu. „Jetzt kommt ihr bestimmt keiner mehr herein, die sind alle schon weg.“

„Wenn das so ist, kann ich auch wieder in mein Büro gehen“, gab er zurück und folgte ihr zur Tür. Sara drückte die Klinke nach unten, doch nichts rührte sich.

„Lassen Sie mich mal“, sagte Jürgen Kleinert und drückte ebenfalls die Klinke. Die Tür blieb zu.

„Vermutlich hat die Auszubildende abgeschlossen, weil sie hier niemanden vermutet hat“, meinte Sara. „Hoffentlich ist sie noch da.“ Sie begann, mit der Faust gegen die Stahltür zu trommeln. „Hallo! Aufmachen!“

Sie lauschten, doch es war nichts zu hören. Dann versuchte Jürgen Kleinert es. Er bollerte gegen den Stahl und rief ebenfalls. Seine Stimme war lauter als ihre. Sara hoffte, dass die Auszubildende zumindest ihn hören konnte.

Nach mehreren erfolglosen Minuten, in denen sie gemeinsam getrommelt und „Aufmachen!“ gebrüllt hatten, mussten sie einsehen, dass sie die letzten waren, die sich im Büro aufhielten.

„Wir sind gefangen“, konstatierte Jürgen Kleinert. Es klang ungläubig.

„So ein verdammter Mist!“ Sara hätte gern gegen eines des Regale getreten, hatte aber Angst, dass es umfiel. Also holte sie nur tief Luft und stieß diese dann zischend wieder aus. „Was machen wir denn jetzt? Haben Sie Ihr Handy dabei?“

„Natürlich nicht. Ich wollte ja ein paar telefonfreie Minuten, als ich hierherkam.“

„Meins liegt auf dem Schreibtisch.“

„Die Fenster!“, rief Kleinert aus.

Sie liefen zum anderen Ende des Archivs und mussten dort frustriert feststellen, dass die Fenster sich nicht öffnen ließen. Obendrein befanden sie sich im siebten Stock eines Hochhauses. Es würde daher niemand auf der Straße mitbekommen, wenn sie gegen die Scheibe klopften.

„Kommt nicht irgendwann eine Reinigungskraft?“, fragte Jürgen.

Sara zuckte mit den Achseln. „Normalerweise bleibe ich freitags immer bis gegen vier. Bisher bin ich noch keiner begegnet.“

„Und dennoch ist das Büro am Montagmorgen immer gesäubert“, entgegnete Kleinert.

„Stimmt. Aber vielleicht werden die Reinigungsarbeiten auch samstags erledigt.“

„Dann müssten wir hier übernachten.“

Sara sah sich um. Gefliester Boden, Metallregale, grob verputzte Wände. „Kein sehr erhebender Gedanke“, murmelte sie.

„Lassen Sie uns hoffen, dass die Putzfee am späten Nachmittag erscheint“, sagte Jürgen. „Bis dahin müssen wir uns eben die Zeit vertreiben.“ Er setzte sich auf den Tisch und ließ die Beine baumeln. Der Anblick war so ungewohnt, dass Sara trotz der unschönen Situation schmunzeln musste.

„Der Tisch ist groß genug für uns beide“, sagte Jürgen und rutschte einladend zur Seite.

Da es die einzige Sitzgelegenheit war, kam Sara widerstrebend seinem Vorschlag nach. Auch sie ließ die Beine baumeln.

„Sagen Sie, warum haben Sie sich hier wirklich verkrochen?“, fragte sie mutig und schaute ihn an. Sein Haar war weniger sorgfältig frisiert als sonst, eine Strähne fiel ihm in die Stirn und insgesamt sah es aus, als wäre er sich mehrmals mit beiden Händen durch den dunklen Schopf gefahren.

Er lächelte scheu und Sara bemerkte das erste Mal, dass er dicht am rechten Mundwinkel ein Grübchen hatte.

„Ich habe eine schlechte Nachricht erhalten“, sagte er leise.

„Oh.“

Sie schwiegen. Dann streckte er sich und sagte schnell, als habe er Angst, es sich noch anders zu überlegen: „Ich wollte nicht, dass mich jemand beim Heulen erwischt. So, nun ist es raus.“

Sara musterte ihn verwundert. Er wirkte ganz anders als sonst. So verletzlich. „Das muss in der Tat eine schlechte Nachricht gewesen sein“, sagte sie mit gesenkter Stimme.

Er nickte. „Mein Großvater ist gestorben. Wir standen uns sehr nahe.“

„Das tut mir leid.“

„Danke.“

„Warum sind Sie nicht zu ihm gefahren, als sie es hörten? Das ist wahrlich ein Grund, um etwas früher zu gehen.“

„Er lebte zwei Stunden entfernt. Ich werde hinfahren, sicher. Aber vor heute Abend rechnet ohnehin niemand mit mir. Außerdem musste ich die Nachricht erst einmal verdauen.“

„Das kann ich verstehen.“

Sie schwiegen eine Weile und hingen ihren Gedanken nach. Sara musste sich eingestehen, dass Jürgen ihr wirklich leidtat. Dass er sich ihr gegenüber so öffnete, fand sie ziemlich mutig. Er hätte auch einfach sagen können, dass es sie nichts anging, weshalb er sich hierher zurückgezogen hatte. Eigentlich hatte sie diese Antwort sogar erwartet. Stattdessen gewährte er ihr einen Blick in sein Inneres.

„Ich muss zugeben, dass ich Sie bisher nicht so richtig einschätzen konnte“, sagte sie schließlich. „Sie machten immer einen sehr introvertierten Eindruck auf mich. Als wollten Sie mit uns allen hier nichts zu tun haben.“

Er seufzte. „Das habe ich schon häufiger gehört. Ich bin kein ‚Hier-komm-ich‘-Typ, das war ich noch nie.“

„Wir hätten uns mehr Mühe geben sollen, Sie einzubeziehen.“

Erneut erschien dieses kleine Lächeln mit dem Grübchen im Mundwinkel. „Nett, dass Sie das sagen. Aber ich bin es gewohnt, ein Außenseiter zu sein. Mir ist vor allem wichtig, dass ich meine Arbeit gut erledige.“

„Und das tun Sie“, sagte Sara. „Erst neulich habe ich Dr. Schöne von Ihnen schwärmen hören. Er nannte sie zuverlässig, fleißig und gewitzt.“

„Gewitzt?“ Jürgen lachte leise. „Ich kann mir kaum vorstellen, dass ausgerechnet er dieses Wort benutzt hat.“

Nun musste auch Sara lachen. „Stimmt, das passt eigentlich nicht zu Mr. Oberkorrekt. Aber er hat es gesagt, das würde ich beeiden.“ Sie machte eine Pause. „Wir duzen uns eigentlich alle. Sollten wir das nicht auch tun? Ich meine …“

„Einverstanden“, sagte er und hielt ihr die rechte Hand hin. „Ich bin Jürgen.“

„Sara.“ Sie schlug ein. „Wie wäre es, wenn wir die Zeit nutzen, um uns besser kennenzulernen? Was haben Sie für Hobbys?“

So erfuhr sie, dass er seine Freizeit im Pferdestall verbrachte. Er besaß ein eigenes Pferd, das ihm viel bedeutete, und ritt sogar Turniere. Mit allem hatte sie gerechnet, doch damit nicht. Es fiel ihr schwer, ihn, den sie nur mit Anzug und Krawatte kannte, sich in Reiterkluft vorzustellen, bis zu den Knöcheln in schmutzigem Stroh.

Sie berichtete ihm, dass sie seit ihrer Kindheit Ballett tanzte, und als sie erwähnte, dass sie am nächsten Wochenende bei einer Aufführung dabei sein würde, sagte er, dass er gern käme, um sich das anzuschauen.

Sie unterhielten sich so angeregt, dass Sara kaum merkte, wie die Zeit verging. Bis ein entferntes Dröhnen an ihr Ohr drang und sie mitten im Satz abbrach.

„Das ist ein Staubsauger“, flüsterte Jürgen. Zeitgleich sprangen sie von dem Tisch herunter und eilten zur Tür. Begannen wieder, gegen den Stahl zu trommeln und laut zu rufen.

Das Dröhnen verstummte.

„Sie hat uns gehört“, sagte Sara hoffnungsvoll.

Ihre Blicke trafen sich und der Ausdruck in Jürgens Augen – eine Mischung aus Freude und Bedauern -, machte ihr klar, dass er genau wie sie die letzten Stunden genossen hatte.

„Vielleicht kommen wir mal wieder hierher?“, fragte er und klang so schüchtern dabei, dass sie eine Welle der Zuneigung für ihn verspürte.

„Ich könnte mir vorstellen, dass wir auch eine gemütlichere Umgebung finden“, gab sie schmunzelnd zurück.

„Hallo?“, rief eine raue Frauenstimme. „Ist hier jemand?“

Jürgens Hand ergriff ihre. Vorsichtig, als sei sie aus Glas. Er sah sie an. „Hast du morgen Abend schon etwas vor?“

Sie schüttelte den Kopf. „Wir könnten essen gehen.“

„Einverstanden.“

Sie drückte seine Hand, lächelte ihm zu, und hob dann die Faust, um ein letztes Mal gegen die Tür zu hämmern. Er tat es ihr nach. „Wir sind hier!“, riefen sie im Chor.

Das Schloss klickte und ein Lichtstrahl schob sich ins Archiv, wurde breiter. Es kam Sara vor, als ginge die Sonne auf.

 

 

ENDE