Die Entführung der zauberhaften Amélie

 


„Harry, du musst mir helfen! Amélie wurde entführt.“
Die Stimme am anderen Ende der Leitung klingt aufgewühlt, fast panisch. Sie gehört Tassilo von Hellberg, dem bekannten Krimi-Autor. Wir kennen uns seit Ewigkeiten, was nicht heißt, dass ich ihn sonderlich mag. Das einzige Lebewesen, das er nicht wie Dreck behandelt und dem er so etwas wie Zuneigung entgegenbringt, ist ausgerechnet die entführte Amélie.
„Das tut mir leid“, entgegne ich, gieße mir Kaffee in einen Becher, gebe zwei Zuckerwürfel dazu und schlendere zu meinem Schreibtisch zurück. „Was ist passiert?“, frage ich, während ich mich setze. 
Er befinde sich gerade auf einer Lesetour durch Norddeutschland, berichtet Tassilo. Ramon, sein Chauffeur, Gärtner und Leibwächter in Personalunion, hüte derweil die Villa. Er habe Tassilo von Amélies Verschwinden berichtet und davon, dass er ein Erpresserschreiben im Briefkasten gefunden hat. Die Kidnapper verlangen hunderttausend Euro und drohen mit Amélies Tod, für den Fall, dass die Polizei eingeschaltet wird. 

Das klingt in der Tat übel. „Wann ist die Übergabe?“, will ich wissen.
„Morgen Vormittag um elf. Im Stadtpark. Ramon holt gerade das Geld von der Bank.“
Ich schaue auf die Uhr. Es ist fast fünf Uhr nachmittags. „Wird er das Lösegeld überbringen?“
„Natürlich, wer denn sonst?“, erwidert Tassilo gereizt. „Ich bin ja nicht vor Ort. Ich muss sicher nicht erwähnen, wie überaus wichtig die Angelegenheit ist. Es wäre grauenvoll, wenn Amélie etwas geschieht.“
„Keine Sorge, ich kümmere mich drum“, sage ich seufzend und rühre klingelnd den Zucker in meinen Kaffee um.
„Gib dir Mühe, mein Lieber. Ich verlasse mich auf dich.“
„Schon klar.“
Ich lege mein Handy auf die Schreibtischplatte und nippe an dem heißen, duftenden Kaffee.

Tassilo hat einen Gutteil seines Erfolges übrigens mir zu verdanken. Als ehemaliger Kripobeamter war ich sein Ansprechpartner Nummer eins, wenn in seinen Manuskripten Fragen zur Verbrechensbekämpfung auftauchten. Nicht, dass er es mir je gedankt hätte. Eine Erwähnung in seinen Büchern habe ich bisher auch nie entdecken können. Von einer finanziellen Zuwendung will ich gar nicht erst reden. Dabei hat der Kerl wirklich Geld genug. Wenn ich diesen Fall löse, werde ich Tassilo auf jeden Fall eine saftige Rechnung schicken. Diesen Freundschaftsdienst bekommt er nicht gratis frei Haus, soviel ist sicher.

Eine Stunde später öffnet mir Ramon die Tür und lässt mich eintreten. „Guten Tag, Mr. Murray“, sagt er mit ernster Miene. „Herr von Hellberg hat mir gesagt, dass Sie kommen würden.“
Ich nicke ihm zu. „Guten Abend, Ramon.“
Wir gehen ins Wohnzimmer. Ich setze mich auf den gemütlichsten Platz, einen geräumigen Fernsehsessel aus weichem, schwarzem Leder. Ramon beginnt, an der Bar zu hantieren.
„Für mich bitte nur ein Wasser“, sage ich rasch.
Er hält inne. „Ach ja, Sie trinken ja nicht.“
„Nicht mehr“, bestätige ich knapp.
„Richtig, da war ja was. Deshalb sind Sie kein Cop mehr. Herr von Hellberg hat das mal erwähnt. Tut mir leid für Sie.“

 „Schon gut, ich bin gern Privatermittler“, erwidere ich. Äußerlich mag ich ruhig erscheinen, doch in meinem Inneren brodelt es. Ich kann mir nämlich gut vorstellen, wie der liebe Tassilo sich ausgedrückt hat: „Hat sich um seinen Job gesoffen, das arme Schwein. Jetzt hält er sich über Wasser, indem er untreuen Ehemännern hinterher spioniert.“
Ramon kommt herüber, reicht mir ein Glas mit Mineralwasser und setzt sich auf die elegante Designercouch. Nippt an seinem Whisky und leckt sich genüsslich über die Lippen.
Ich starre die goldbraune Flüssigkeit an. Mein Mund ist auf einmal trocken wie die Wüste Gobi. Ich trinke hastig einen Schluck. Da mein Hirn auf samtigen Whisky eingestellt ist, schmeckt das kohlensäurehaltige Wasser allerdings wie Salzsäure. Angewidert stelle ich das Glas auf den niedrigen Couchtisch und räuspere mich. „Wo ist der Brief?“

„Was? Oh, Augenblick.“ Ramon erhebt sich, tritt an einen antiken Sekretär, holt von dort ein Blatt Papier nebst Umschlag und reicht mir beides.
Ich ziehe ein paar Einweghandschuhe aus der Innentasche meines Jacketts und streife sie über. Die habe ich immer dabei, genau wie früher. Sowas geht einem in Fleisch und Blut über. Ramon, der Esel, hat natürlich seine Fingerabdrücke überall auf dem Papier hinterlassen. Er ist nun mal nicht das hellste Licht auf der Torte.
Eingehend betrachte ich Umschlag und Erpresserschreiben. Stinknormales Papier, auch der Umschlag ist in jedem zweiten Haushalt zu finden. Natürlich wurde der Brief nicht mit der Hand geschrieben. Die Adresse wurde ebenfalls gedruckt und auf den Umschlag geklebt. Ich betrachte den Poststempel. Der Brief wurde gestern innerhalb der Stadt aufgegeben.
„Wann haben Sie Amélie das letzte Mal gesehen?“, frage ich.
„Vorgestern, am Nachmittag. Sie lag im Garten in der Sonne, während ich die Autos von Herrn Hellberg gereinigt habe.“
Ich kenne die Luxuskarossen. Tassilo hat drei Leidenschaften: Literatur, Autos – und Amélie.
„Sie wurde also direkt vom Grundstück entführt?“
Ramon zuckt mit den Achseln. „Das weiß ich nicht. Vielleicht war es auch später. Amélie ist ja abends gern mal unterwegs. Sie kommt und geht, wie sie möchte.“
„Ich frage mich, woher der Täter wusste, dass sie hier lebt und vor allem, dass sie Tassilo so viel bedeutet“, sage ich nachdenklich.
„Ich glaube, ich weiß, woher“, sagt Ramon, steht erneut auf und verlässt den Raum. Ich schaue ihm hinterher. Himmel, der Kerl ist wirklich ein beeindruckender Muskelberg. Da kann man als normal gebauter Mann echt Komplexe kriegen.
Als er zurückkommt, hält er eine Frauen-Zeitschrift in der Hand. „Seite 28“, sagt er und reicht sie mir.
Ich blättere die genannte Seite auf und entdecke einen Artikel über Tassilo von Hellberg. Die Fotos zeigen seine Villa, sogar den Raum, in dem ich gerade sitze – und Amélie, dicht neben Tassilo auf der Couch. Es ist nicht zu übersehen, dass er sie anbetet.
Die Kamera liebt sie ebenfalls, stelle ich fest. Sie sieht bezaubernd aus. Ein zarter, geschmeidiger Körper und ein anmutiges Gesicht mit großen, leuchtend blauen Augen.
„Ja, das könnte tatsächlich der Auslöser gewesen sein“, stimme ich Ramon zu und lege die Zeitschrift zur Seite. „Sie werden morgen das Lösegeld überbringen?“
Er knetet seine riesigen Hände und nickt.
„Sind Sie nervös?“
Er lächelt unsicher. „Ja, natürlich. Ich will nichts falsch machen. Herr von Hellberg ist, naja …“
„Ich kenne ihn“, stimme ich Ramon zu. „Machen Sie sich keine Sorgen, ich werde in der Nähe sein und alles beobachten.“
Ramon sieht mich gespannt an. „Und dann?“
„Dann werde ich dem Täter unauffällig folgen. Vielleicht bringt er mich direkt zu Amélie. Auf jeden Fall werde ich seine Identität feststellen. Er hat keine Chance. Vertrauen Sie mir.“
Auf dem Weg nach Hause gehe ich im Geiste die Geldübergabe durch. Ramon soll – so steht es in dem Erpresserbrief - das Geldpäckchen in eine Zeitung wickeln und diese in einen der im Park befindlichen Abfallkörbe legen. Ich muss also nur darauf achten, wer anschließend etwas aus dem Papierkorb herausholt. Dabei darf ich in meiner Aufmerksamkeit keinesfalls nachlassen, denn morgen ist Samstag, und es soll warm werden. Der Park wird also ziemlich bevölkert sein.
Hoffentlich geht alles glatt. Meine Freundin träumt von einem Urlaub im Süden. Mit Hilfe des Honorars könnten wir uns eine Woche Mallorca leisten.

Am nächsten Vormittag folge ich Ramon, der mit der wertvollen Zeitung in der Hand in Tassilos silberfarbenen Jaguar gestiegen ist, quer durch die Stadt bis zum Park. Ich stelle meinen rostroten Golf neben dem glänzenden Jaguar ab und steige aus. Ramon nickt mir unauffällig zu und geht zum Eingang des Parks. Ich bleibe hinter ihm, bis er die Anlage betritt. Dann suche ich mir ein Plätzchen, von dem aus ich alles gut im Blick habe. Auf der großen Wiese haben es sich bereits einige Sonnenhungrige bequem gemacht, Kinder toben vergnügt auf dem angrenzenden Spielplatz.
In der Mitte des Parks befindet sich ein Ententeich. Rund herum laden in regelmäßigen Abständen Bänke zum Verweilen ein. Einige von ihnen sind besetzt. Ich sehe zwei lebhaft plappernde Frauen im mittleren Alter, einen Penner, der den Kopf gesenkt hat und wirkt, als würde er schlafen, sowie einen rauchenden Rentner, der den Qualm zufrieden gen Himmel pustet. Vermutlich hat seine Frau ihm dieses Laster verboten.
Neben jeder Bank steht ein Abfallkorb, um die Umweltverschmutzung gering zu halten. Ich beobachte, wie Ramon langsam um den Teich herumgeht. Ihm kommen mehrere Leute entgegen, hauptsächlich Rentner, Jogger und Hundebesitzer. Immer wieder schaut er sich nervös um. Die nächste Bank, auf die er zugeht, ist unbesetzt. Er nimmt Platz und lässt seinen Blick suchend durch den Park schweifen. Vermutlich will er herausfinden, wo ich mich verberge.
Ich lehne am Stamm einer großen Kastanie, hinter dem ich mich notfalls rasch verstecken kann. Und genau das tue ich jetzt, damit Ramon mich nicht entdeckt. Besser, er weiß nicht, von wo aus ich alles im Blick habe. Dann kann er sich und auch mich nicht versehentlich verraten.
Hinter dem Stamm hervorlugend beobachte ich, wie Ramon aufsteht, die Zeitung auffällig unauffällig in den Papierkorb gleiten lässt und langsam den Ausgang des Parks ansteuert. Okay, jetzt wird es ernst. Ich atme tief durch.
Eine ganze Weile passiert nichts. Ramon ist längst in den Jaguar gestiegen und davongefahren. Seitdem sind mindestens zwanzig Leute an dem Abfallkorb vorbeiflaniert, ohne ihn zu beachten.
Ein altes Mütterchen mit Rollator kommt angeschlurft und lässt sich auf der Bank nieder. Sie trägt einen knöchellangen Rock und dazu Gesundheitsschuhe. Tassilo würde bei dem Anblick Pickel kriegen, schießt es mir durch den Kopf.
Sie holt eine Tüte hervor und beginnt, Brotkrümel in den Teich zu werfen. Schnatternd und flügelschlagend kommen die Enten angeschwommen und machen sich über den Snack her. Ein Bild des Friedens und der Harmonie, denke ich, wenn man davon absieht, dass sich hier irgendwo ein Kidnapper herumtreibt.
Es dauert eine Weile, bis die Enten die Brotreste verputzt haben. Schließlich ist die Tüte leer. Die alte Dame steht auf und macht ein paar unsichere Schritte auf den Teich zu. Leert den letzten Rest ins Wasser und kehrt zur Bank zurück. Von links nähert sich eine Gruppe sportlicher Hausfrauen mit Nordic-Walking-Stöcken. Sie schnattern mindestens so laut wie die Enten.
Als sie an der Rentnerin vorbeigewalkt sind, ist diese mit ihrem Rollator auf dem Weg zum Parkausgang. Dann geschieht eine lange Weile gar nichts und mit jeder ereignislos verstreichenden Minute verstärkt sich das ungute Gefühl in meiner Magengegend. Wann taucht der verdammte Entführer endlich auf? Oder habe ich etwas verpasst?
Nein, unmöglich. Ich gebe meine Deckung auf und schlendere um den Teich herum, bis zu dem Papierkorb, in dem sich die Zeitung mit dem Geld befindet. Da ich nichts anderes dabeihabe, hole ich die Einweghandschuhe aus meiner Jackettasche und gehe damit auf den Abfallkorb zu. Werfe sie hinein. Dabei sucht mein Blick die Zeitung.
Sie ist weg!
Mir wird siedend heiß. Ich habe es verbockt! Aber wie? Konzentriert gehe ich noch einmal die letzte Stunde durch. Der einzige Moment, in dem ich den Abfallkorb nicht sehen konnte, war der, als die Hausfrauenmeute ihn verdeckte. Und zu dem Zeitpunkt war nur das entenfütternde Mütterchen in der Nähe.
Ich fluche leise vor mich hin. Natürlich! Dass ich auf diese – zugegebenermaßen gut gemachte – Maskerade hereingefallen bin, ärgert mich so sehr, dass ich mir am liebsten selbst kräftig in den Allerwertesten treten würde. Verärgert kicke ich einen Stein weg und steuere, die Fäuste in die Jackentaschen gebohrt, meinen Golf an.
Natürlich ist mir klar, wer dahintersteckt. Doch ehe ich etwas unternehme, werde ich einige Erkundigungen einziehen und darüber nachdenken, wie ich weiter vorgehen will.


Als Tassilo anruft, sage ich ihm, dass die Geldübergabe geklappt hat, mir der Täter aber leider entwischt sei. Es gebe allerdings eine Spur, die ich verfolge.
„Er ist dir entwischt? Wie konnte das passieren, Harry? Verflucht, ich hätte doch einen Profi engagieren sollen.“
Ich schlucke diese Kröte, balle lediglich meine freie Hand zur Faust. „Wann bist du wieder zurück?“, will ich wissen.
„Dienstagabend. Ich hoffe doch sehr, dass Amélie bis dahin wieder auftaucht. Ich bin krank vor Sorge.“
„Sobald das geschieht oder es sonst etwas Neues gibt, rufe ich dich an“, verspreche ich ihm.

Die nächsten zwei Tage verbringe ich damit, meinen Hauptverdächtigen zu observieren und mir einen Plan zurechtzulegen. Bis Montagmittag gibt es immer noch keine Spur von Amélie. Ich muss eine Entscheidung treffen.
Also folge ich Ramon am Abend desselben Tages bis zu einer Adresse in der Innenstadt. Beobachte, wie er in dem Mietshaus verschwindet. Dank meiner Recherchen weiß ich, wen er hier besucht.
Den Klingelschildern nach zu urteilen befindet sich Ramon im zweiten Stock. Ich läute bei einem Mieter im obersten Geschoss.
„Die Post!“, sage ich, als eine schnarrende Stimme aus dem kleinen Lautsprecher dringt. Es summt und ich drücke die Tür auf. Schleiche die nach Bohnerwachs duftenden Treppen hinauf bis in die zweite Etage. Vor der Tür mit dem Schild ‚L. Schmitz‘ bleibe ich stehen und spitze die Ohren. Zwei unverständliche Stimmen sind zu vernehmen, eine weibliche und eine männliche.
Auf Facebook hat der liebe Ramon in seinem Status angegeben, er sei ‚in einer Beziehung mit Larissa Schmitz‘. Wenig später wusste ich nicht nur diese Adresse, sondern auch, dass Ramons Freundin als Schauspielerin im Stadttheater angestellt ist. Wie praktisch, dass es Social Media gibt.
Ich drücke auf die Klingel. Larissa, eine kleine, zarte Person, öffnet mir die Tür.
„Guten Tag“, sage ich lächelnd. „Harry Helmich, Altpapiersammelstelle. Haben Sie zufällig eine Tageszeitung abzugeben?“
Hinter der mich verständnislos anstarrenden Larissa erscheint Ramon. Sein Gesichtsausdruck gehört ganz klar in die Kategorie ‚dümmlich‘. „Harry!“, sagt er verdattert. „Was machen Sie denn hier?“
„Ich will Amélie abholen“, antworte ich kühl und muss ein Lob loswerden. „Eine beeindruckende Vorstellung, neulich im Park“, sage ich anerkennend zu Larissa. „Sie haben Talent.“
Sie schnaubt und will mir die Tür vor der Nase zuknallen, doch da ich damit gerechnet habe, steht ganz schnell mein Fuß im Weg. Ich drücke die Tür wieder auf und betrete die Wohnung. Unter der Garderobe entdecke ich ein Paar Gesundheitsschuhe, das mir vage bekannt vorkommt.
„Wir sollten uns unterhalten“, sage ich zu Ramon und taxiere ihn mit meinem finstersten Blick.

„Ich schwöre, ich habe sie einfach nicht gesehen!“ Ramon sitzt mir gegenüber am Küchentisch und knetet mal wieder seine riesigen Pranken. „Nachdem ich die Luxusschlitten von Herrn von Hellberg gewienert hatte, wollte ich die Füße hochlegen und bei einer Folge meiner Lieblings-Actionserie entspannen. Ich hab einfach nicht so genau hingeschaut, ehe ich mich in den Fernsehsessel fallen ließ. Den hat sie sich vorher noch nie für eines ihrer Nickerchen ausgesucht. Sie liegt sonst immer in ihrem Designer-Körbchen. Kein Wunder, dass ich sie nicht bemerkt habe. Ich meine, schwarzes Fell auf schwarzem Grund – sie verschmolz ja geradezu mit der Sitzfläche.“
Erschüttert stelle ich mir die Szene vor. Der riesige, muskulöse Ramon und die zarte, kleine Amélie „Sie ist also tot?“, frage ich mit rauer Stimme.
Er nickt und senkt den Kopf.
Ich schließe für einen Moment die Augen. Was für ein tragisches Ende. Möge sie in Frieden ruhen. Ich räuspere mich und konzentriere mich wieder auf Ramon. „Aber warum haben Sie eine Entführung vorgetäuscht?“
Er zuckt mit den Achseln. „Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Hatte Angst um meinen Job. Sie kennen doch meinen Chef, wissen, wie er an Amélie hing. Zuerst versuchte ich, eine Doppelgängerin zu finden, hatte aber kein Glück, weder im Tierheim noch im Internet. Dann erzählte ich Larissa von dem Unglück.“
„Und ich hatte die Idee mit der Entführung“, gibt Ramons Freundin unumwunden zu. „Ich erinnerte mich an einen protzigen Artikel in einem dieser Revolverblätter. Von Hellberg ist ein geiziger Sklaventreiber, der im Geld schwimmt. Also warum nicht die Gunst der Stunde nutzen und von der Sache profitieren?“ Sie schaut mich beinahe trotzig an.
„Ein verständlicher Gedankengang“, stimme ich ihr zu.
„Danke. Wie sind Sie eigentlich auf uns gekommen?“
„Das war leicht. Außer Ramon wusste niemand, dass die Geldübergabe beobachtet wird. Also war mir klar, dass das Stück ‚Rentnerin mit Rollator‘ nur für mich aufgeführt wurde.“
Ramon und Larissa tauschen einen Blick. „Und?“, fragt er. „Werden Sie uns verpfeifen?“
„Nicht zwangsläufig. Wenn wir uns einig werden, sehe ich dazu keinen Grund. Wo ist Ameliè jetzt?“
„Ich habe sie im Wald verbud…, äh, bestattet“, antwortet Ramon.
Nach kurzem Nachdenken nicke ich ihm zu. „Graben Sie sie wieder aus.“

Eine halbe Stunde später rufe ich bei Tassilo an. „Meine Spur ging ins Leere“, eröffne ich ihm. „Der Kerl war zu clever für mich. Tut mir leid.“
„Das habe ich befürchtet“, kommt es zynisch zurück. „Das Geld kann ich also abschreiben. Was ist mit Ameliè? Ist sie zurück?“
„Der Kidnapper hat vorhin bei Ramon angerufen und zugesichert, dass sie innerhalb der nächsten 24 Stunden gebracht wird“, behaupte ich und blinzle in die strahlende Nachmittagssonne. „Leider ließ sich die Nummer nicht nachverfolgen.“
„Verdammt.“
„Ja. Tut mir leid.“
„Ich bin mit der Lesereise fertig und bis morgen Nachmittag zu Hause“, verkündet Tassilo. „Schick mir eine Rechnung für deine Mühe. Allzu hoch wird die jawohl nicht sein. Schließlich hast du den Mistkerl nicht gekriegt und das Lösegeld ist futsch.“
„Mein Honorar wird angemessen sein“, erwidere ich, während meine rechte Hand in meine Jacketttasche gleitet und meine Finger mit den Scheinen zu spielen beginnen, die sich dort befinden. Fünfzigtausend Euro schwarz, plus eine offizielle Rechnung. Das ist kein übles Honorar. Damit wäre sogar ein ausgedehnter Malediven-Urlaub drin. Dort wollte ich schon immer mal hin.
Larissa und Ramon waren sofort einverstanden, das Geld mit mir zu teilen. So behält er seinen Job und Tassilo bekommt seine Katze zurück.
Wenn auch nicht so, wie er es sich vorgestellt hat.

 

ENDE