Die Liste

 

Elvira liebte Listen. Inventarlisten, Einkaufslisten – und ganz besonders gern mochte sie Pro-und-Contra-Listen. Sie fertigte immer welche an, wenn sie aus irgendeinem Grund unschlüssig war. Das Gegenüberstellen von Argumenten half ihr dabei, Entscheidungen zu treffen.

Zum Beispiel, als sie und Helmut sich nicht einigen konnten, wo sie den Urlaub verbringen sollten. Er wollte unbedingt in den Bergen wandern gehen, sie bevorzugte einen Strandurlaub.

Helmut bestand darauf, beim Erstellen solcher Listen mitzumachen und steuerte im Urlaubs-Fall sofort unendliche viele Berge-Pros bei: Kostengünstiger, kein Flug notwendig, Wandern sei so gesund, man konnte mehr erleben, schöne Aussichten genießen, brauchte keine Fremdsprache zu pauken, um sich ein Bier zu bestellen usw.

Elvira verlor oft gegen ihn. Das wurmte sie dann jedes Mal, dennoch hielt sie an der Pro-und-Contra-Liste als Entscheidungshilfe fest.

Helmut hatte am Vortag angekündigt, dass er zum Angeln gehen wolle. Sie könne ja währenddessen wieder ihre Kräuter im Garten gießen und Unkraut zupfen, hatte er gesagt und sich nicht bemüht, seine Herablassung über ihr Hobby zu verbergen.

Schon ganz früh, als es noch stockfinster war, machte er sich am nächsten Morgen auf den Weg. Elvira lag wach im Bett, während er sich anzog und geräuschvoll seine Sachen packte. Im Schein des Badezimmerlichtes betrachtete sie die scherenschnittartigen, bewegten Konturen Helmuts. Kam er näher, schloss sie rasch die Augen und stellte sich schlafend. Schon deshalb, weil er garantiert mit Absicht so laut zu Werke ging. Würde sie wach werden, war es sehr wahrscheinlich, dass er sie bitten würde, ihm eine Kanne Kaffee zu kochen und ein paar Brote zu schmieren. Darauf hatte sie keine Lust. Er war erwachsen und hatte zwei gesunde Hände. Also konnte er gefälligst selbst für sich und sein leibliches Wohl sorgen.

Als schließlich die Tür hinter ihm ins Schloss gefallen war, warf sie die Decke zur Seite und stand auf. Heute würde sie allein und in aller Heimlichkeit eine Liste anfertigen. Für und Wider gegeneinander abwägen. Es kribbelte ihr bereits in den Fingern.

Wenig später saß sie in der Küche, neben sich einen dampfenden Becher Kaffee, vor sich leeres, weißes Blatt Papier. Ihre Finger spielten mit dem Kugelschreiber, manchmal schob sie ihn sich nachdenklich in den Mund und biss ein wenig auf ihm herum. Dann fiel ihr wieder etwas ein und sie fügte der Liste ein Wort hinzu.

Im Grunde war es diesmal keine normale Pro-und-Contra-Liste. Es handelte sich eher um eine Entweder-Oder-Liste. Oder um eine „Was-ist-besser?“-Liste.

Beinahe zwei Stunden saß sie auf dem Rattanstuhl, trank nach zwei Tassen Kaffee lieber ein Glas Orangensaft – wegen der Vitamine und weil sie sonst zu hibbelig werden würde -, kaute immer wieder an dem Stift herum und verlängerte peu a peu die Liste.

Schließlich fiel ihr nichts mehr ein. Sie musterte das beschriebene Blatt Papier vor sich. Die rechte Spalte wies mehr Gründe auf und hatte damit gewonnen. Die Würfel waren gefallen.

Elvira atmete tief durch. Erhob sich langsam. Die Stuhlbeine quietschten unschön auf dem Linoleum.

Es galt, Vorbereitungen zu treffen.

 

Am späten Nachmittag kehrte Helmut zurück. Ein zufriedenes Grinsen schmückte sein Gesicht, als er Elvira seinen Fang zeigte. Sechs tote Makrelen ließ er vor ihrem Gesicht hin und her baumeln.

Sie rümpfte angewidert die Nase. „Ich gratuliere. Während du die armen Tiere auf dem Hof ausnimmst, koche ich uns etwas Schönes, einverstanden?“

„Ein Fischgericht?“ Erneut hob er die Makrelen hoch und schwenkte sie vor ihrem Gesicht.

„Morgen“, vertröstete sie ihn und wandte den Blick von den bedauernswerten Kreaturen ab. „Für heute habe ich etwas anderes vorbereitet. Ich wusste ja nicht, ob du Erfolg haben würdest.“

Er zuckte die Schultern. „Na gut.“

Sie beobachtete, wie er zur hinteren Küchentür ging, die zum Hof hinausführte. Dann schaltete sie das Radio ein. Wincent Weiß sang mit Inbrunst Ich brauch frische Luft. Elvira sang mit, holte die Kartoffeln aus dem Vorratsschrank und begann, sie im Rhythmus des Liedes zu schälen.

 

„Dass Essen ist fertig!“, rief sie eine Stunde später in den Hof. Helmut hob den Kopf und nickte.

Während sie die dampfenden Schüsseln auf den Tisch stellte, hörte sie, dass er ins Badezimmer ging und sich die Hände wusch. In zwei Glasschälchen füllte sie etwas Salat. Stellte sie neben die Teller auf den gedeckten Tisch. Es gab Hühnchen mit Schmorgemüse und Kartoffelbrei. Helmut würde futtern wie ein Scheunendrescher, das wusste sie. Bei dem Gedanken musste sie lächeln.

Mit einem genüsslichen „Aaah!“ ließ Helmut sich auf seinem Platz nieder. Sein Blick wanderte zufrieden über die Zutaten, die wie immer appetitlich aussahen. Elvira reichte ihm die Schale mit dem Fleisch. Er nahm sich eine Keule und ein Stück Brust. Füllte zwei Löffel Gemüse dazu, einen großen Klacks Kartoffelbrei, und goss anschließend die würzige Sauce darüber. Leckte sich über die Lippen. „Guten Appetit!“

„Lass es dir schmecken“, erwiderte sie und füllte sich nun auch etwas auf. Viel Hunger hatte sie nicht. Aufmerksam beobachtete sie, wie Helmut sich immer wieder eine volle Gabel in den Mund schob, wie er kaute, schmatzte, schluckte. Ein Tropfen Sauce glänzte in seinem Mundwinkel. Er bemerkte es nicht.

„Der Salat ist gut“, lobte er.

Sie lächelte. „Es sind ein paar meiner Kräuter darin.“

Er grunzte und nickte und schaufelte weiter. „Nicht schlecht“, murmelte er mit vollem Mund. „Ist dein albernes Hobby ja doch sinnvoller als ich dachte.“

„Oh ja, das ist es“, bestätigte Elvira ruhig. „Du würdest dich wundern, wie sinnvoll es ist.“

Er hörte gar nicht zu, sie spürte das genau.

Sein Teller war bereits fast leer gegessen, als seine Bewegungen langsamer wurden und sein Atem schwerer ging. Es schien, als wäre das Essen plötzlich eine enorme Kraftanstrengung für ihn. Helmuts feiste Stirn glänzte und seine sonst so rote Haut war käsig-bleich. Elvira senkte den Blick und widmete sich ihrem Essen.

„Mir ist irgendwie übel“, presste Helmut wenige Sekunden später hervor, stützte die Hände auf die Tischplatte und wuchtete seinen Körper in die Höhe.

„Das kommt davon, dass du immer so schlingst“, rief sie ihm hinterher, bevor er im Bad verschwand.

Die Geräusche, die von dort zu ihr drangen, machten deutlich, dass es Helmut gar nicht gut ging. Würgen war zu hören, heftiges Stöhnen und immer wieder die Toilettenspülung.

Schließlich ging sie hinüber und öffnete die Badezimmertür. Helmut hockte vor dem Waschbecken auf dem Boden. Er war nur noch ein zitterndes Häuflein Elend.

Sie streckte ihm ihre Hand entgegen. „Komm, ich bring dich ins Bett.“ Auf dem Weg ins Schlafzimmer stützte sie ihn. Half ihm beim Ausziehen. Legte ihn hin und deckte ihn sorgfältig zu. Wischte ihm mit einem feuchten Waschlappen den Schweiß von der Stirn.

Er schloss ergeben die Augen. „War irgendwas Verdorbenes am Essen?“, flüsterte er.

„Aber nein“, sagte sie und tätschelte seine fleischige Hand, die auf der Bettdecke lag. „Nur frische Zutaten, ich gebe dir mein Wort.“

Seine Lider hoben sich. Er blickte sie an. Ratlos. Ja, sie glaubte gar, einen Funken Misstrauen in seinen Augen zu erkennen. „Warum geht es dir dann nicht auch so furchtbar wie mir?“, erkundigte er sich mit gerunzelter Stirn.

Sie wischte sie mit dem Waschlappen sanft wieder glatt und hob die Achseln. „Keine Ahnung, mein Lieber.“

 

Ein paar Stunden später war es vorbei. Elvira holte die Liste, die sie am Vormittag angefertigt hatte, aus der Schublade im Arbeitszimmer.

Vorteile einer Scheidung stand links auf dem weißen Papier, Vorteile, wenn Helmut stirbt auf der rechten Seite. Sie verbrannte die Liste in der Küchenspüle. Sah das vormalige Weiß des Zettels orangerot aufglühen und dann schwarz und schrumpelig werden. Während die Hitze der Flammen ihre Wangen wärmte, warf sie einen Blick nach draußen, zu ihrem Kräuterbeet. Betrachtete lächelnd die hellen Trichterblüten des Weißen Germer. Er hatte seine Wirkung wahrlich sehr gut entfaltet. Und ihr Hausarzt, der alte Dr. Hinrichs, würde dem herzkranken Helmut ganz gewiss einen natürlichen Tod bescheinigen. Elvira würde mit einer weißen Weste aus der Sache hervorgehen.

Sie wandte den Blick von den weißen Blüten ab und spülte die Aschereste durch den Ausguss, bis nichts mehr zu sehen war. Endlich keine toten Fische mehr oder Diskussionen darüber, wo der nächste Urlaub verbracht werden sollte. Sie würde auf die Malediven fliegen, beschloss sie, dort an den weißen Stränden spazieren gehen und sich beim Schnorcheln im Meer lebendige Fische in allen Regenbogenfarben anschauen. Davon hatte sie schon immer geträumt.

Sie sah auf die Uhr. Es wurde Zeit, Dr. Hinrichs anzurufen.