Eine historische Landung

 

Das durfte doch nicht wahr sein! Piets panischer Blick glitt über die Kontrollanzeigen und landete erneut bei Thorben, der mit zurückgefallenem Kopf und geschlossenen Augen auf dem Pilotensitz zusammengesunken war. Allein zu fliegen hätte Piet ja noch hinbekommen, doch kurz vor Thorbens Zusammenbruch war das eine und nun, vor wenigen Sekunden, auch noch das andere Triebwerk ausgefallen. Er war gründlich am Arsch, soviel stand fest. So viel Zufall auf einmal war echt nicht normal. Er hatte ganz offensichtlich ein Karma-Problem.
„Scheiße, Kumpel, wach auf!“, rief er flehend gegen den Fluglärm an, doch Thorben rührte sich noch immer nicht. Ein weiteres Mal versuchte Piet, seinen Puls zu finden. Doch egal, wie fest er auch das Handgelenk seines Freundes drückte, da war kein beschissener Puls. Nicht mal eine Andeutung von Leben. Thorben, sein Freund seit über zwanzig Jahren, der ihn vor wenigen Minuten mal wieder mit irgendwelchen historischen Infos genervt hatte, war tot, vermutlich hatte er einen Herzinfarkt bekommen. Dabei war er noch nicht mal Mitte Fünfzig. Piet schaute nach draußen. Er selbst würde auch gleich draufgehen. In Gedanken sah er die Piper PA-28 bereits auf dem Boden zerschellen und explodieren. Thorben und er würden als Konfetti auf die Erde zurückrieseln.
Verdammter Mist, was sollte er nur tun?
Die Piper begann zu trudeln, er hatte sie nicht mehr unter Kontrolle. Piet wusste, ihm blieb nur wenig Zeit. Die Erde kam immer näher. Unter ihm befand sich eine grüne Landschaft mit Hügeln, einigen Bäumen und vereinzelten Schafherden.
„Sorry, Kumpel“, sagte Piet mit ehrlichem Bedauern zu seinem Freund, dann schnallte er sich ab, zog den Fallschirmrucksack unter seinem Sitz hervor und öffnete wenig später die Tür. Augenblicklich wurde es mörderisch laut, der Wind brüllte ihn an wie ein Offizier einen inkompetenten Untergebenen.

Piet sah ein letztes Mal zurück. „Irgendwann sehen wir uns wieder, mein Freund“, rief er dem leblosen Thorben zu. Seine Stimme klang rau, denn er hatte einen Kloß in der Kehle. Sein alter Kumpel würde ihm wirklich sehr fehlen. Er war ein Mann voller Leidenschaften gewesen. Für das Fliegen, für schöne Frauen, für die englische Geschichte, für seinen Lieblings-Fußballclub. Piets Augen brannten. Er wandte sich ab und erschrak darüber, wie tief die Piper bereits lag. Jetzt war ganz klar nicht der rechte Moment, um in Erinnerungen zu schwelgen. Es würde vielleicht noch zwanzig Sekunden dauern, ehe die Maschine auf die Erde aufschlug. Bis dahin musste er hier weg sein.

Piet betrachtete prüfend die Landschaft unter sich. Felder und Äcker, Wiesen und Weiden. Keine Häuser in der unmittelbaren Umgebung, ein bisschen Glück hatte er also doch.

Er holte tief Luft und sprang.  Augenblicklich brachte der Wind seine Pilotenjacke ebenso wie die Haut in seinem Gesicht zum Flattern. Wie ein Stein sauste Piet der Erde entgegen, hörte nur noch das laute Rauschen des Windes, und obwohl er schon häufig mit einem Fallschirm abgesprungen war, schraubte sich sein Puls auch diesmal wieder in rekordverdächtiger Höhen. Es war immer wieder ein faszinierendes Erlebnis. Doch diesmal hatte es einen ziemlich üblen Beigeschmack.

Während er selbst Richtung Erde sauste, musste Piet beobachten, wie die Piper mit seinem Freund an Bord nicht weit von ihm entfernt zur Erde stürzte und auf einer Koppel zerschellte. Dann gab es eine Explosion wie in einem Bruce-Willis-Actionstreifen, Flammen schossen aus der Maschine und Metallteile flogen durch die Luft.

Piet war zum Heulen zumute, als er das brennende Wrack betrachtete. Über die Trauer um seinen Freund vergaß er um ein Haar, dass er den Fallschirm noch nicht geöffnet hatte. Hastig schlossen sich seine Finger um die Reißleine, und ihm fuhr der Gedanke durch den Kopf, dass es zum bisherigen Verlauf des Tages passen würde, wenn der Mechanismus zum ersten Mal nicht funktionierte.

Er schickte ein kurzes Stoßgebet zum Himmel hinauf und zog an der Reißleine. Mit einem kräftigen Ruck öffnete sich der eingebaute Fallschirm. Piet atmete erleichtert aus und gönnte sich ein paar Momente, um an seinen Freund zu denken und um ihn zu trauern. Gut, seine Vorträge über historische Ereignisse und sich bekriegende Könige würde er nicht vermissen. Aber vieles andere schon. Morgen Abend kam ein Fußballspiel im Fernsehen, dass sie sich gemeinsam hatten anschauen wollen, und auf das Piet sich schon gefreut hatte.
Ein plötzlicher Windstoß trieb ihn ein gutes Stück von der Absturzstelle fort. Unter ihm befand sich nun eine riesige Wiese, auf der sich Reiter tummelten. Es sah aus wie zwei Heere, die sich angriffen. Waren das Ritterrüstungen, die da in der Augustsonne glänzten? Mann, das hätte seinem Kumpel gefallen. Piet aber rollte nur mit den Augen. Diese verrückten Engländer! Thorben hatte mal erwähnt, dass das Inselvölkchen es liebte, bedeutende Schlachten nachzuspielen. Um welche es sich hier wohl handelte? Sein Freund hätte es bestimmt gewusst. Piets Ortskenntnisse beschränkten sich darauf, dass er sich ziemlich sicher etwa in der Mitte Englands befand, ungefähr hundert Kilometer östlich von Birmingham. Aber wie der Ort unter ihm hieß, wo gerade die berittenen Truppen mit lautem Gebrüll aufeinanderprallten, davon hatte er keine Ahnung.
Was er jedoch wusste, war: Der Windstoß hatte dafür gesorgt, dass er inmitten dieses Getümmels landen würde, und somit zwischen Pferdehufen und in der Sonne blitzenden Schwertern. Offensichtlich hatte das Schicksal beschlossen, dass er heute ebenfalls abtreten sollte. Dann wäre er allerdings lieber mit Thorben und der Piper explodiert, statt zertrampelt oder aufgeschlitzt zu werden.
Die Reiter unter ihm hatten ihn noch immer nicht bemerkt, obwohl ihn nur etwa zwanzig Meter von ihnen trennten. Sie waren total fokussiert auf ihre Gegner und stachen brutal auf alles ein, was ihnen entgegenkam. Piet sah Blut spritzen, Ritter von Pferdeleibern rutschen und abgetrennte Arme und Köpfe fliegen. Er zog eine Grimasse. Wahnsinn, was heutzutage an Special Effects alles möglich war.
Einige Reiter wendeten plötzlich ihre Pferde und galoppierten davon, als sei der Teufel hinter ihnen her. Piet war inzwischen fast unten angelangt. Zu seiner Erleichterung bemerkte er, dass er direkt auf einen großen Busch zuschwebte. Der würde seinen Sturz hoffentlich abfangen, und ihn noch dazu davor bewahren, direkt in diesem blutigen Chaos zu landen.

Der Boden unter den Pferdehufen wirkte schlammig und rötlich wie Tonerde. Das war alles, was Piet noch sah, ehe er in dem Busch landete und auf die Seite kippte. Irgendetwas Spitzes bohrte sich in seine Taille und der sich über ihn stülpende Fallschirm tauchte alles um ihn herum in blaues Licht. Fluchend versuchte Piet, sich aufzurappeln und das Ding, das ihn piekte, unter sich hervorzuziehen.
Endlich gelang es. Verdutzt starrte er das Teil an. Es war eine Krone. Noch dazu eine, die auf den ersten Blick verdammt echt aussah. Piet zerrte den seidigen Fallschirmstoff zur Seite und betrachtete die Krone im Tageslicht. Die Edelsteine funkelten, das Gold glänzte und insgesamt erwies sich der Kopfschmuck als überraschend schwer.

„Heda, kommt hervor!“, rief plötzlich jemand links von ihm. Ein Pferd schnaubte und Piet vernahm das schmatzende Geräusch von tänzelnden Hufen im Schlamm und das helle Klirren von Pferdegeschirr. Piet nahm seinen Helm ab und setzte sich - um beide Hände frei zu haben - die Krone kurzerhand auf den Kopf, ehe er aus dem Busch kroch.

Vor ihm erhob sich ein gewaltiges Pferd mit schimmerndem schwarzen Fell, und darauf saß ein Ritter mit Helm, geöffnetem Visier und Kettenhemd. In der Hand hielt er ein blutverschmiertes Schwert. Als er Piets ansichtig wurde, riss er die Augen auf, steckte sein Schwert zurück in die Scheide und glitt eilig vom Pferderücken.
„Was fällt Euch ein!“, fuhr er Piet an.

„Ganz locker bleiben“, gab Piet zurück und sah sich um. „Was ist das hier eigentlich für ein Spektakel?“
Der Mann näherte sich. Seine Augen blitzten und er starrte Piet feindselig an „Wie könnt Ihr Euch anmaßen -“ Er brach abrupt ab, als sich d
rei weitere Ritter näherten und ihre Pferde bei ihnen anhielten.

„Da haben wir Richard endlich die Krone abgejagt, nur um feststellen zu müssen, dass sie bereits einen neuen Besitzer hat“, rief einer von ihnen. „Und ich Tor glaubte, sie würde von heute an mein Haupt zieren.“
Lachend sahen die drei Reiter Piet an. Er wurde verlegen und nahm die Krone wieder ab. „Sorry, Leute“, sagte er. „Hab sie da in dem Busch gefunden.“
„Wenn Ihr erlaubt“, sagte der Ritter, der Piet gerade noch angeschnauzt hatte, und nahm ihm rüde den Kopfschmuck ab.
„Wohlan, Henry“, meinte ein älterer Ritter zu dem, der behauptet hatte, die Krone würde nun ihm gehören. „Lass uns für klare Verhältnisse sorgen, was meist du?“
Der mit Henry titulierte Ritter nickte und sprang behände von seinem Gaul. Die anderen folgten seinem Beispiel. Und dann wurde Piet Zeuge einer überaus seltsamen Krönung. Inmitten von literweise Kunstblut, in Rüstungen gehüllte abgetrennte Körperteile und Menschen, die sich tot stellten, mitten auf einem Schlachtfeld. Es verwunderte ihn nur, dass auch einige Pferde herumlagen, als würden sie ein Nickerchen machen. Ob die darauf dressiert worden waren?
„Hiermit erkläre ich Euch, Henry Tudor, am 22. Tage des Monats August im Jahre 1485 nach Christus, zum Herrscher über England und all seine Territorien, und gelobe euch Treue und Gehorsam“, sagte der ältere Ritter feierlich und setzte dem jungen Ritter die Krone auf den Kopf. Der neue König verströmte - das musste Piet zugeben - eine unerschütterliche Würde. Als hätte er sich sein Leben lang auf diesen Moment vorbereitet.
Aber nun waren die Typen ja wohl hoffentlich fertig mit ihrer Show. Piet räusperte sich. „Sagen Sie, gibt es hier in der Nähe ein Telefon? Oder ein Hotel? Er sehnte sich nach einem Whisky, einem Bad und einem gemütlichen Bett.
„Schweigt!“, fuhr ihn der Ältere an. „Dies ist ein historischer Augenblick, Sir.“
„Ich finde, ihr übertreibt den Zirkus ein bisschen“, entgegnete Piet nun leicht genervt. „Zugegeben, alles ist perfekt organisiert und ich gebe zu, dass ihr eure Rollen super spielt, besonders euer König hier, aber ich bin gerade aus einem abstürzenden Flugzeug gesprungen und habe meinen besten Freund verloren. Für diesen Quatsch habe ich jetzt echt keinen Nerv. Also, was ist? Gibt es in der Nähe ein Hotel, oder hat einer von euch ein Handy dabei? Dann rufe ich mir ein Taxi.“
„Mir gefällt Euer Ton nicht“, stellte der frisch gekrönte König mit gerunzelter Stirn fest. „Zudem ist Eure Sprache recht unverständlich. Woher kommt Ihr, Sir?“
„Aus good old Germany, Eure Majestät“, frotzelte Piet und krümmte sich zu einer übertriebenen Verbeugung. „Seid ihr nun bald fertig mit dem Mittelalter-Kram? Sagt, wie habt ihr das mit den Pferden hinbekommen? Habt ihr ihnen ein Schlafmittel gegeben, oder was?“
Der König tuschelte mit dem Älteren und der nickte. Dann kam er freundlich lächelnd auf Piet zu.

„Sie haben ein Handy dabei?“, fragte Piet hoffnungsvoll und streckte die Hand aus.

Der Lächeln verschwand. Der ältere Ritter holte aus, Piet sah den metallumhüllten Arm auf sich zukommen, und noch ehe er reagieren konnte, krachte etwas gegen seine Schläfe und um ihn herum wurde es dunkel.
Ein monotones Brummen ließ ihn wieder zu sich kommen.
„Bist du endlich aufgewacht, du alte Schlafmütze“, lachte Thorben. „War wohl eine lange Nacht gestern, hm? Sieh mal, wir sind genau über dem Schlachtfeld von Bosworth. Das wollte ich schon immer mal sehen. Genau hier wurde im 15. Jahrhundert Henry Tudor gekrönt, nachdem seinem Vorgänger die Krone bei der Flucht herunterfiel und in einem Busch landete. Aber wem sag ich das? Du hast doch von Geschichte keinen Schimmer, du ahnungsloser Tropf.“