Kurzgeschichte


Abenteuer in der Wildnis

 

  Worauf hab ich mich da nur eingelassen? Ich schiele zu Andy hinüber, der mich auf diesen Trip in die Wildnis eingeladen hat. Wieso ich mitgekommen bin? Nun, er sieht toll aus, ist ein erfolgreicher Architekt, freundlich, klug - und er hat Humor.
Meiner kommt mir grad abhanden, denn der Typ, der uns begleiten wird, macht mir Angst. Groß und bullig steht er da, mit langen Bart, einem speckigen Hut, und Haaren bis zu den Schultern. Seinem Blick entnehme ich, dass er für Städter wie uns nichts übrighat, und diese Wochenend-Touren durch den Banff-Nationalpark nur wegen des Geldes macht.

Es ist meine erste Reise nach Kanada, und sie wird unvergesslich werden. Das hat Andy mir auf unserem Flug hierher ins Ohr geflüstert, und ich glaube ihm. Denn die Bedeutung des Wortes ‚unvergesslich‘ ist dehnbar.
Jack, so heißt unser Führer, will den Inhalt unserer Rucksäcke sehen, um zu überprüfen, ob wir alles besorgt haben, was wir brauchen werden. Artig öffnen wir unsere Backpacks und präsentieren Fallschirmschnur, Multi-Funktions-Werkzeug, Regenponcho, Kompass, Streichhölzer, Wasserflasche und mehr.

Jack nickt zufrieden. „Okay“, sagt er, „dann wollen wir mal!“
„Es geht los!“, jubiliert Andy leise in meine Richtung. Er freut sich so sehr auf dieses Abenteuer. Ich dagegen wünschte, wir hätten es bereits hinter uns.
Nach zwei Stunden strammen Marsches durch waldiges Gelände mit riesigen Bäumen und mir unbekannten Pflanzen, ordnet Jack eine Pause an. „Wir wollen euch am ersten Tag nicht überfordern“, meint er.
Endlich! Mir tun bereits die Füße weh, und ich kann sehen, dass auch Andy erleichtert ist, obwohl er es zu verbergen versucht.
„Da vorn ist ein Bach, dort könntet ihr eure Flaschen auffüllen“, sagt Jack. „Und dann zeige ich euch, wie man ein Lagerfeuer macht.“
Kurz darauf schickt er mich los, um dünne Zweige und trockenes Holz zu sammeln. Andy wird auf die Jagd nach Steinen geschickt, die er dann kreisförmig anordnen muss. Jack macht vor, wie man ein Feuerchen am besten entfacht.

„Jetzt musst du pusten“, sagt er zu mir und zeigt auf das glühende Reisig.

Ich gehorche.

„Nicht so stark, ganz langsam und gleichmäßig.“

Als das Lagerfeuer flackert, sieht Jack uns an. „Habt ihr Hunger? Dann fischen wir uns was aus dem Bach da unten.“

Ich habe keine Lust, jetzt eine Angel zu basteln. „Wie wäre es mit Trockenfrüchten?“, setze ich an und beginne, in meinem Rucksack zu wühlen. Doch Jack hat sich bereits erhoben und den am Ende spitz zulaufenden Stock, der an seinem Rucksack befestigt ist, gepackt. Ich habe mich schon gefragt, wozu der gut ist.
Am Ufer hebt Jack eine Hand und wir stoppen mitten in der Bewegung. „Okay“, flüstert er. „Jetzt ganz ruhig bleiben. Einfach beobachten und lernen.“
Er stellt einen Fuß auf einen Stein im Bach und sieht ins Wasser hinab, den spitzen Stock in der erhobenen Hand. Wir sehen von weitem vermutlich aus wie ein Stillleben. Das Warten macht mich kribbelig. Ich sehe zu Andy und rolle mit den Augen. Er zuckt kaum merklich mit den Schultern. Das Wasser plätschert fröhlich, ansonsten herrscht Stille.

Da saust Jacks Arm jäh nach unten, Wasser spritzt, ich stoße vor Schreck einen Schrei aus. Jack hält einen aufgespießten Fisch in die Höhe, so lang wie mein Unterarm. Ich erwarte ein triumphierendes Grinsen des Jägers, doch Jacks Gesicht bleibt unbewegt. Ob er vielleicht nicht lächeln kann? Ein genetischer Defekt oder so?


Jack bereitet den Fisch zu und ich muss zugeben, er schmeckt großartig. Dann geht es weiter. Wir wandern bis zur Dämmerung durch eine ursprüngliche Landschaft.

„Wollen wir an diesem See übernachten?“, fragt Andy, der von der Aussicht offenkundig begeistert ist.

„Könnt ihr gern tun“, gibt Jack zurück, „wenn euch Moskitos nichts ausmachen.“

„Oder du schlägst was vor“, sagt Andy schnell.

Wir folgen Jack, bis er am Rande einer Lichtung anhält und eine Plane hervorholt. Mit Fallschirmschnüren befestigen wir sie nach Jacks Anweisungen an den umstehenden Bäumen. Dann schickt er uns los, um trockene Blätter und Moos zu sammeln. „Je mehr ihr besorgt, desto weicher könnt ihr schlafen.“

Die Nacht bricht herein. Vor unserem Behelfs-Zelt brennt ein Feuer, wir löffeln einen Eintopf, den Jack über dem Feuer erwärmt hat. Todmüde krabbeln Andy und ich schließlich in unsere Schlafsäcke. Wir kuscheln uns eng aneinander, lauschen dem Knistern des Feuers und schließen erschöpft die Augen.

Am nächsten Morgen ist Jack nicht da. Wir finden ihn am See, wo er gerade splitternackt ins Wasser steigt. Ich starre fasziniert auf seinen sehnigen Körper, der mit diversen Narben versehen ist, und auf seinen Bart, in dem Wassertropfen glitzern. Als er uns sieht, ruft er: „Worauf wartet ihr? Hygiene ist wichtig.“
Andy und ich sehen uns an. „Das scheint unser Badezimmer zu sein“, murmelt er.
Das Wasser ist eisig. Meine Füße sterben ab, während ich mir das Gesicht und die Achseln wasche. Zurück am Ufer trockne ich mich schlotternd ab. Andy folgt mir. Auch er zittert wie Espenlaub, aber immerhin hat er sogar nasses Haar. 

„Tapfer“, lobe ich ihn.
„D-D-D-Danke.“
Als Jack aus dem See steigt, glitzert die Sonne auf seinem nassen Oberkörper. Und er lächelt gelöst. Er kann es also doch!

„Wieso starrst du ihn so an“, fragt Andy verärgert.
„Er lächelt“, wispere ich.
Andy grinst. „Ach so.“


„In dieser Gegend gibt es Bären“, informiert uns Jack mit erhobener Stimme.

Ich blicke mich ängstlich um. „Sollten wir dann nicht etwas leiser sein?“

„Nein. So können sie uns schon von weitem hören und werden nicht überrascht. Taucht einer auf, bewegt die Arme auf und ab. So erkennt er euch als Menschen. Greift er trotzdem an, bleibt nur eins: Werft euch hin und stellt euch tot. Das wirkt bei fast allen Bären, denn als Mahlzeit sind wir für sie reizlos.“
„Bei fast allen Bären?“, wiederhole ich. „Bei welchen denn nicht?“
Jack bleibt abrupt stehen und hebt eine Hand. „Bei Schwarzbären“, sagte er ruhig. „So einem wie dem da.“
Ein riesiger Bär kommt aus einem Gebüsch hervor, richtet sich auf und brüllt uns an. Ich stehe da wie eine Salzsäule, unfähig, mich zu rühren.
„Was machen wir jetzt?“, flüstert Andy und nimmt meine Hand. Ich drückte sie so fest ich kann.

„Ruhig bleiben“, mahnt Jack leise. „Ich werde weglaufen, das löst seinen Jagdinstinkt aus. Sobald er mir folgt, klettert ihr auf einen der Bäume da drüben.“ Sein Kinn ruckt kaum merklich nach rechts.

Der Bär steht nun wieder auf allen vier Pfoten. Langsam kommt er näher.

„Oje“, hauchte ich. „Oje-oje!“
„Jetzt!“, ruft Jack und rennt nach links. Der Bär setzt ihm wie erwartet nach. Wie berechnend Tiere doch sind!
„Tanya, komm!“ Andy rennt auf eine Baumgruppe zu.

Als ich zuletzt auf einen Baum geklettert bin, war ich noch ein Kind. Damals war es viel einfacher. Andy sitzt bereits in einer Astgabel und hilft mir das letzte Stück hoch. Schwer atmend lasse ich mich neben ihn fallen.
Andy holt sein Fernglas hervor. „Ach, du Scheiße!“, flucht er. „Das Vieh hat ihn erwischt.“
Mir stockt der Atem. „Wir müssen ihm helfen!“
„Wie denn? Was können wir gegen einen Bären ausrichten?“
„Keine Ahnung! Aber ich werde nicht zusehen, wie Jack zerfleischt wird.“ Entschlossen rutsche ich vom Baum herunter. Meinen Rucksack lehne ich gegen den Stamm. „Kommst du mit oder nicht?“
„Im Gegenteil, du kommst wieder rauf“, befiehlt Andy.

Ich reagiere nicht, sondern sehe mich um. Den dicksten Ast, den ich am Boden finden kann, hebe ich auf und halte ihn wie einen Baseball-Schläger. Für einen kurzen Moment schießen die Namen Joe DiMaggio und Babe Ruth durch meinen Kopf. Die einzigen Baseballspieler, die ich kenne. Ich scheuche die beiden aus meinem Kopf und renne los, dem grausigen Gebrüll des Bären und Jacks beängstigendem Keuchen entgegen.
Das kohlschwarze Fell des Bären schimmert im Sonnenlicht. Darunter bewegen sich imponierende Muskeln. Jack wehrt sich mit allen Mitteln, doch der Bär ist stärker als er. Ich muss eingreifen, sonst ... Den Gedanken will ich nicht zu Ende denken.

Vorsichtig gehe ich auf das Knäuel zu. Mir schlägt das Herz bis zum Hals, als ich aushole und den dicken Ast auf den Bärenkopf krachen lasse. Er brüllt wütend los. Vor Schreck haue ich gleich noch einmal zu.

Der Bär sackt auf Jack zusammen. In meinen Ohren rauschte es, als stünde ich am Ozean.

„Hilf mir!“, ächzt Jack.

Ich werfe den Ast weg und stürze zu ihm. „Bist du okay?“

„Ja.“

Gemeinsam versuchen wir, den massigen Körper von ihm zu wälzen. Verdammt, ist das Vieh schwer! Endlich kommt Jack auf die Füße. „Weg hier“, keucht er. „Der wird garantiert gleich wieder wach sein.“


„Das war knapp“, sage ich wenig später erleichtert. Jack und ich sitzen an einem Flussufer, wo er die blutenden Kratzer an seinem Oberkörper versorgt. Ich stehe noch immer unter Schock.

„Dies war nicht meine erste Begegnung dieser Art“, meint er.
Ich betrachte die älteren Narben. „Du meinst, du hättest meine Hilfe gar nicht gebraucht?“
Er hebt den Kopf. „Doch, ich glaube schon“, sagte er. „Du hast viel Mut bewiesen. Danke.“ Er schenkt mir ein Lächeln, dass mir durch und durch geht.
Andy steht abseits und schaut missmutig zu uns herüber. Ich erwidere seinen Blick. Dass er sich so feige verhalten hat, enttäuscht mich noch immer, und ich verberge es nicht.

In der folgenden Nacht liege ich neben Jack. Andy dreht uns den Rücken zu.

Aus einem Impuls heraus ergreife ich Jacks Hand. Als er den Druck meiner Finger vorsichtig erwidert, sehe ich ihn an. Sein Gesicht wird von dem zuckenden Schein des Lagerfeuers erhellt.

Sein freundlicher, intensiver Blick bewirkt, dass mich ein bis dahin ungekanntes Glücksgefühl durchströmt. Ich habe nicht nur ein Leben gerettet, wird mir klar. Ich habe einen Freund gewonnen. 

 

ENDE