Superheld mit Defiziten - Teil 2

 

 

Von links und rechts donnerten die Züge auf ihn zu wie gefräßige, eherne Ungeheuer, und hätte er sie nicht mit seinen bloßen Händen aufgehalten, wären sie direkt ineinander gerast.
Dank ihm bekamen beide Lokführer lediglich den Schreck ihres Lebens.
Zwanzig Minuten später drängelte Matthew sich zwischen den Sitzreihen hindurch und ließ sich leicht erschöpft neben Eve nieder.
»Verzeih, ich fürchte, der Fisch heute Mittag war nicht in Ordnung«, sagte er und legte eine Hand auf seinen Bauch.
Sie lächelte ihm zu, ergriff seine andere Hand und drückte sie mitfühlend.
Oh, wie verliebt er in sie war!
Als er Eve an diesem Abend nach Hause brachte und sich wie üblich formvollendet von ihr verabschieden wollte, schüttelte sie betrübt den Kopf.
»Matthew, ich schätze deine Höflichkeit und auch deine Schüchternheit. Aber wann um Himmels Willen wirst du mich endlich küssen? Oder ... liegt dir nichts an mir?«
Erschrocken sah er sie an. Ihm war nicht klar gewesen, dass sie auf einen Kuss gewartet hatte.
»Mir liegt viel an dir, Eve«, flüsterte er verlegen. »Sogar sehr viel.«
Sie schaute mit großen Augen zu ihm auf. »Dann tu es doch endlich«, hauchte sie. »Küss mich.«
Gehorsam trat er näher auf sie zu und - auf ihren Fuß.
»Au!«
»Oh, es tut mir leid!«, rief er erschrocken und mit vor Scham brennenden Wangen. »Ich bin ein solcher Trottel.«
Eve lachte und legte ihre Arme um seinen Hals.
»Es tat doch kaum weh. Mach dich nicht immer schlechter, als du bist, Matthew. Ich finde es ehrlich gesagt ganz liebenswert, dass du manchmal etwas schüchtern oder ungeschickt bist.«
Ungläubig sah er sie an. »Ehrlich?«
»Ja, ehrlich. Weißt du, mein letzter Freund war das genaue Gegenteil von dir. Er war ein unglaublicher Tänzer, ein charmanter Redner und noch dazu wahnsinnig attraktiv. Er war nahezu perfekt, und doch habe ich mich nie zuvor so mit einem Mann gelangweilt. Da bist du mir sehr viel lieber.«
Ihr letzter Satz hing noch in der Luft, da nahm er all seinen Mut zusammen, zog sie an sich und küsste sie. Spürte, wie weich und nachgiebig sie sich an ihn schmiegte, atmete ihren Duft ein und strich mit den Händen über ihren zarten Rücken. Wähnte sich im Himmel. Noch nie hatte er sich so glücklich gefühlt.
»Komm«, flüsterte sie. »Ich habe einen sehr guten Sherry oben.«
Ohne eine Antwort abzuwarten zog sie ihn in den Hausflur und in den Aufzug. Dort küssten sie sich erneut, leidenschaftlicher diesmal, und Matthew glaubte, vor Verlangen nach ihr in Flammen zu stehen. Nur ungern löste er sich von Eve, als sich die Lifttür öffnete.
Ihr Appartement war geräumig und modern eingerichtet. Mit wiegenden Hüften schlenderte sie an die Bar, schenkte zwei Gläser voll und reichte ihm eines. »
Auf uns«, sagte sie lächelnd. »Und auf eine wundervolle Nacht.«
Sein Herz hämmerte. »Auf uns«, brachte er heiser hervor.
Sie stießen an und tranken. Eve nippte nur, doch er war so nervös, dass er das Glas mit einem Zug leerte. Anschließend atmete er tief durch.
»Soll ich dir mein Schlafzimmer zeigen?«, fragte sie, lächelte verheißungsvoll und nahm seine Hand. Er nickte wortlos und folgte ihr.
Als sie den Raum betraten, bemerkte er nur am Rande den großen Spiegelschrank und den zierlichen Frisiertisch. Er registrierte lediglich das Bett, das groß und einladend auf sie zu warten schien.
Eve knöpfte sich die Bluse auf und er schaute ihr atemlos dabei zu. Bei dem Gedanken, sie gleich nackt zu sehen, sie in den Armen halten und am ganzen Körper streicheln zu dürfen, wurde ihm schwindelig.
Als sie das Kleidungsstück auf den weichen Teppich fallen ließ, schien sich der Boden zu bewegen. Matthew blinzelte verwirrt.
Die Lampe über ihnen begann hin und her zu schwingen, der Frisiertisch rutschte zur Seite. Eve sah Matthew erschrocken an, als Parfumfläschchen und Cremetiegel auf den erneut vibrierenden Boden polterten. Bücher fielen aus dem Regal.
»Ein Erdbeben!«, rief er. »Wir müssen hier raus. Schnell!« Er griff nach Eves Hand und zog sie mit sich aus der Wohnung.
Auf dem Weg nach draußen klingelten sie bei sämtlichen Nachbarn und wiesen sie an, das Gebäude so schnell wie möglich zu verlassen. Das Beben wurde immer stärker und weckte auch diejenigen auf, die gerade noch im Bett gelegen und geschlafen hatten.
Schließlich standen alle auf der Straße, in Schlafanzügen, Pantoffeln und Morgenmänteln.
Matthew hatte der zitternden Eve sein Jackett umgehängt und schaute sich um. Das Haus würde vermutlich stehenbleiben, es war solide gebaut, doch wären die Leute drinnen geblieben, hätten sie durch umher fliegende Möbelstücke schwer verletzt werden können.
»Was ist mit Mrs. Harris?«, fragte einer der Nachbarn vom Nebenhaus.
»Sie hat nicht geöffnet«, antwortete ein anderer. »Vielleicht ist sie gar nicht da.«
»Wo wohnt sie?«, wollte Matthew wissen.
Der erste zeigte auf ein erleuchtetes Fenster im zweiten Stock. »Appartement 2 b.«
Matthew sah zu Eve. »Das Licht brennt, also wird sie wohl zu Hause sein. Ich bin gleich zurück.«
Ohne Eves Reaktion abzuwarten rannte er los, stürzte durch die Eingangstür und die wankenden Treppen hinauf, eine Hand am Geländer. Vor der Tür mit der Aufschrift 2 b blieb er stehen und hämmerte dagegen. »Mrs. Harris! Schnell, mmachen Sie auf!«
Es tat sich nichts. Matthew nahm Anlauf und warf sich mit der Schulter voran gegen die Tür. Noch einmal und noch einmal. Endlich, als er schon resignieren wollte, krachte es und er landete mit der Tür in der Wohnung. Eilig rappelte er sich auf und begann, nach der vermissten Frau zu suchen.
Er fand sie auf dem Boden im Schlafzimmer, neben ihr lag eine schwere Nachttischlampe. Die alte Frau blutete am Kopf, ihr Gesicht war bleich und ihre Augen geschlossen.
Matthew hob sie hoch. Sie war bewusstlos, hing wie ein nasser Sack in seinen Armen. Ächzend trat er aus dem Appartement heraus und machte sich daran, die Treppe hinunter zu steigen.
Wenn er jetzt stolperte ... Ihm brach der Schweiß aus. Wegen des Sherrys war er nur der Tölpel Matthew Barker und nicht der starke und souveräne Rescueman. Hätte er nur nichts getrunken!
Das Treppengeländer knarrte drohend und die Stufen wankten unter seinen Füßen. Als er die erste Etage erreicht hatte, musste er Mrs. Harris ablegen und Atem schöpfen. Sie war zwar klein und zierlich, doch schien sich ihr Gewicht innerhalb der letzten paar Minuten verdreifacht zu haben.
Putz fiel von der Decke und rieselte auf Matthew und die besinnungslose Frau hinab.
»Es hilft nichts, Mrs. Harris«, murmelte er erschöpft, wischte sich den Schweiß von der Stirn und hob die alte Dame wieder hoch. »Da müssen wir jetzt durch.«
Das Beben wurde immer stärker. Von der Straße hörte er Schreie. Der Drang, dieses Haus so schnell wie möglich zu verlassen, wurde übermächtig. Doch allzu hastig durfte er sich nicht bewegen, sonst würden sie stolpern und ... Matthew wollte sich die Folgen lieber nicht ausmalen.
Er trat an den Treppenabsatz, machte den ersten vorsichtigen Schritt. Dann noch einen. Mrs. Harris‹ Gewicht zog ihn nach unten, obendrein nahm sie ihm die Sicht auf seine Füße. Keuchend ging er weiter.
Erneut bebte der Boden. Matthew kämpfte mit seinem Gleichgewicht, lehnte sich an die Wand.
Staub und Schweiß in seinen Augen ließen ihn immer wieder blinzeln. Tapfer stieß er sich ab und ging weiter. Eine Stufe, noch eine, eine weitere. Es war nicht mehr weit, noch drei oder vier Stufen, dann musste er um eine Ecke und eine letzte Treppe hinab. Es war zu schaffen. Selbst für ihn.
Hoffnung machte sich in ihm breit, mobilisierte seine letzten Kräfte - da wurde das Gebäude erneut heftig erschüttert. Die Wucht der Vibration rammte ihn gegen die Wand und riss ihn fast von den Füßen. Um ein Haar wären er und die ohnmächtige alte Dame die Treppe hinuntergestürzt.
Als wäre das nicht genug, erlosch auch noch das Licht. Tiefe Finsternis umhüllte sie von einer Sekunde zur anderen.
Matthew stöhnte auf. Ihm wurde übel vor Angst. Sseine Hände waren feucht. Verkrampft hielt er Mrs. Harris gepackt, die ihm aus den Armen rutschen wollte. Nun musste er im Dunkeln weiter.
Ein dicker Kloß steckte in seinem Hals. Die Hoffnung, die ihn gerade noch erfüllt hatte, verflüchtigte sich und machte einer deprimierenden Resignation Platz.
Das Haus würde in sich zusammen fallen und für ihn und Mrs. Harris zu einem steinigen und hässlichen Grabmal werden. Wie gern hätte er noch etwas Zeit mit Eve verbracht, sie in seinen Armen gehalten, ihrer Stimme gelauscht und ihren unwiderstehlichen Duft eingeatmet.
Er biss sich auf die Unterlippe und drängte die Tränen zurück. Ach, Eve! Ob er ihr fehlen würde, wenn er starb?
»Matthew!«, hörte er sie in diesem Moment vom Eingang hinaufrufen. »Matthew! Wo bist du? Hörst du mich?«
Er hob den Kopf und spürte, dass seine Lebensgeister mit neuer Energie zurückkamen und sich die Ärmel hochkrempelten. Neuer Mut durchströmte ihn wie ein wärmender Sonnenstrahl.
Es lohnte sich, noch einen Versuch zu wagen. Dort unten wartete eine wunderbare Frau, die sich um ihn sorgte, die es wert war, nicht aufzugeben.
»Ja«, krächzte er, räusperte sich und versuchte es noch einmal. »Eve, ich höre dich! Ich bin gleich bei dir!«
So fest er konnte packte er Mrs. Harris und stieg, zwar mit schlotternden Knien, aber wild entschlossen, eine Stufe nach der anderen hinab.
Endlich hatte er den Absatz erreicht. Die Füße achtsam vorwärtsschiebend ging er weiter, bis er die letzte Treppe erreicht hatte. Acht weitere Stufen warteten auf ihn.
Sein Herz raste vor Angst. Schweiß tropfte ihm von der Stirn in die Augen. Er keuchte. Der Schmerz in seinen Armen wurde übermächtig. Lange würde er Mrs. Harris nicht mehr halten können.
Matthew zwang sich, ruhig zu atmen und die Nerven zu behalten. Weitergehen, sagte er sich. Geh vorsichtig weiter. Bald bist du unten.
Eve wartete auf ihn. Mehr noch; eine Zukunft voller Liebe, Vertrauen und Glück. Vielleicht sogar mit Kindern? Diese Gedanken trieben ihn vorwärts, Schritt für Schritt.
Eine weitere Erschütterung erwischte ihn unvorbereitet, sein Fuß rutschte von der Stufe. Er schrie auf. Mrs. Harris entglitt ihm, ihre Beine sackten nach unten. Gerade noch konnte er ihren Oberkörper packen und damit verhindern, dass sie auf dem harten Marmorboden aufschlug. Er selbst aber landete unsanft auf dem Boden und verzog das Gesicht vor Schmerz.
Verdammt, er schaffte es nicht.
Das Beben beruhigte sich. Für ein paar Herzschläge saß er da, lauschte. Es blieb ruhig. Also gut, sagte er sich. Ein Versuch noch.
Er holte tief Luft, schob seine Arme unter die ohnmächtige Frau, hievte sie hoch und sich selbst zurück auf die Füße.
Eine Stufe, noch eine. Schritte näherten sich, das Licht von Taschenlampen zuckte über die Wände und den Boden.
»Hier!«, rief er, doch es war nur ein erschöpftes Krächzen.
Dann gaben seine Knie endgültig nach und die Stimmen, die er hörte, klangen, als kämen sie von weit her ...

Jemand streichelte seine Wange, strich über sein Haar. »Mein Held«, flüsterte eine weiche, liebliche Stimme. »Mein mutiger, tapferer Held.«
Matthew versuchte, die Augen zu öffnen, doch das Licht war zu grell, also kniff er sie rasch wieder zu.
»Matthew?«
Er nickte und verspürte sogleich ein brutales Hämmern hinter der Stirn.
»Wie fühlst du dich, Liebling?«
»Als hätte mich ein Bus drei Häuserblocks weit geschleift«, flüsterte er. »Meine Arme reichen vermutlich bis zum Boden.«
»Sie sehen ganz normal aus, mach dir keine Gedanken.«
Er lächelte. »Dann bin ich beruhigt.«
»Darling, du hast Mrs. Harris das Leben gerettet!«, berichtete Eve und Matthew konnte das Lächeln direkt hören, mit dem sie es sagte.
»Die arme Frau erlitt einen Herzanfall, als das Beben begann und sie sich verletzte. Ohne deinen Mut wäre sie jetzt tot. Ich bin so stolz auf dich.«
Nun öffnete er doch blinzelnd die Augen. Sah Eves Lächeln, ihren liebevollen Blick, und um die Brust herum wurde ihm angenehm warm. »Danke«, wisperte er.
Sie schmunzelte. »Stell dir vor, während du im Haus warst sagte der Hausmeister zu mir, außer dir wäre höchstens der berühmte Rescueman so mutig gewesen, in das Gebäude zu rennen und die alte Frau dort heraus zu holen.«
Matthew musste lächeln. »Tatsächlich?«
»Ja, stell dir vor! Du bist genauso tapfer wie ein Superheld.«
Matthew fielen wieder die Worte ein, die ihm durch den Kopf geschossen waren, als er Eves Stimme im Treppenhaus gehört hatte. Liebe, Glück - und Vertrauen. Nur auf dieser Basis konnte eine Beziehung doch auf Dauer funktionieren.
Er fasste einen Entschluss: Wenn Eve ihm weiterhin vertrauen sollte, musste er ihr von seinem anderen Ich erzählen.
»Du siehst so nachdenklich aus«, sagte sie sanft. »Ist alles in Ordnung?«
Er nickte. Obwohl er Angst vor ihrer Reaktion hatte, nahm er all seinen Mut zusammen, sah ihr tief und die Augen und räusperte sich. »Eve, ich muss dir etwas sagen. Der Hausmeister hatte gar nicht so unrecht.«
Ihre Hand fuhr zärtlich durch sein Haar. »Wie meinst du das?«
»Ich bin Rescueman«, stieß er hervor. »Zumindest, wenn jemand in Not ist. Und hätte ich den Sherry nicht getrunken, wäre die Rettungsaktion weit weniger dramatisch und schmerzhaft verlaufen. Alkohol verhindert nämlich die Verwandlung.«
Eve lächelte noch immer, doch der Ausdruck in ihren Augen war auf einmal besorgt. Vorsichtig tastete sie seinen Schädel ab. »Du musst dir den Kopf angeschlagen haben, Liebster. Bestimmt bist du bald wieder in Ordnung.«
Matthew sah sie beschwörend an. »Es stimmt, Eve, bitte glaub mir. Ich bin wirklich Rescueman.«
»Darling, ich sagte dir schon, dass du für mich ein Held bist«, sagte sie. Ihr Blick war nun leicht gereizt.
»Du musst dir nicht so eine alberne Geschichte ausdenken, um mich zu beeindrucken. Das ist kindisch.«
»Es ist die Wahrheit«, beharrte er und wünschte so sehr, sie würde ihm glauben. Doch Eve stand auf und sah ihn an, mit einer Mischung aus Wut und Enttäuschung.

»Ich kann es nicht leiden, für dumm verkauft zu werden«, sagte sie scharf. »Und wenn du mich für so naiv hältst, dass ich dir diesen Unsinn abnehmen, kennst du mich offenbar nicht so gut, wie ich gedacht habe. Und ich kenne dich auch nicht wieder.«
Sie griff nach ihrer Handtasche und schüttelte traurig den Kopf. »Leb wohl, Matthew.«
»Eve, warte, ich ...«
Die Tür fiel ins Schloss und Matthew starrte mit leeren Augen an die Zimmerdecke.

Bis er aus der Klinik entlassen wurde, meldete sie sich nicht mehr und kam ihn auch nicht mehr besuchen. Er hatte es vermasselt, hätte ihr sein Geheimnis nicht anvertrauen dürfen.
Wie konnte er auch annehmen, eine Frau wie Eve würde glauben können, dass ein tollpatschiger Kerl wie er ein Superheld war?
Zurück in seiner Wohnung starrte ihn der noch immer unfertige Kleiderschrank an. Matthew zog sich ein altes T-Shirt und eine bequeme Hose an und machte sich an die Arbeit. So schwer konnte es doch nicht sein, diesen blöden Schrank zusammen zu zimmern!
Abgesehen davon wollte er unbedingt, dass der Bretterhaufen verschwand. Es war so, wie er Dr. Seagle gesagt hatte; der Haufen erinnerte ihn immer wieder daran, was für ein einsamer und hilfloser Kerl er war. Und das wollte er nicht mehr sein. Seit er Eve kannte erst recht nicht. Sie war der Mensch, den er sich an seiner Seite wünschte, denn sie mochte ihn so, wie er war. Eve wollte keinen Superhelden.
Ihn allerdings wollte sie nun auch nicht mehr. Matthew seufzte betrübt.
Verbissen bemühte er sich, eine Schublade zusammen zu bauen und grübelte darüber nach, wie er es anstellen sollte, dass Eve zu ihm zurückkam.
Eine knappe Stunde später klingelte es an seiner Wohnungstür. Erleichtert legte Matthew den Schraubenzieher zur Seite, stand auf und betrachtete das Ergebnis seiner Arbeit. Noch immer war nicht zu erkennen, dass es ein Schrank werden sollte.
Eine Pause kam ihm dennoch gelegen. Also ging er zur Tür und öffnete.
Ungläubig starrte er seine Besucherin an. »Du?«
»Darf ich hereinkommen?«, fragte Eve unsicher.
»Natürlich.« Er ließ sie eintreten und bemerkte, dass sie das Brettersammelsurium im Schlafzimmer betrachtete, das einmal ein Schrank werden sollte.
»Was machst du?«
»Ich stelle wieder einmal fest, dass ich kein Handwerker bin«, antwortete er lakonisch.
»Möchtest du etwas trinken?«
Sie schüttelte den Kopf. »Ich bin hier, um mich bei dir zu entschuldigen. Onkel George hat gemerkt, dass etwas nicht in Ordnung ist, und als ich ihm sagte, warum ich so wütend war, hat er mir erzählt, dass du die Wahrheit gesagt hast. Er meinte, als er sich einmal mit dir unter-hielt, konnte er die Verwandlung an dir beobachten. Dann wärst du verschwunden und wenig später wurde die Rettung des kleinen Mädchens bekannt.« Sie machte eine Pause und sah ihm in die Augen. »Hast ... hast du sie gerettet?«
Matthew wich ihrem Blick nicht aus. Er nickte.
»Kannst du mir verzeihen?«, fragte sie verlegen.
»Ich denke schon«, sagte er. »Mir ist klar, dass es schwer zu glauben ist. Schließlich bin ich ganz anders als Rescueman.«
Sie trat auf ihn zu. »Aber ich habe mich in dich verliebt«, flüsterte sie und nahm seine Hand. »In den schüchternen, liebenswerten Mann, der mir auch mal versehentlich auf die Füße tritt. Ich brauche keinen Superhelden an meiner Seite.«
Er biss sich auf die Unterlippe. Wollte sie ihm damit sagen, dass es vorbei war? Nach ihren ersten Worten hatte er neue Hoffnung geschöpft.
»Wenn es so ist, dann geh bitte«, brachte er heiser hervor und zog seine Hand zurück. »Ich kann nämlich an der Tatsache, dass ich mich gelegentlich in Rescueman verwandle, nichts ändern. Wenn du damit nicht leben kannst, dann ...«
»Du missverstehst mich«, unterbrach sie ihn. »Es ist wunderbar, dass du Menschen helfen kannst. Das musst du unbedingt auch weiterhin tun. Aber mir ist Matthew Barker wichtiger als Rescueman. Ich liebe dich, so wie du bist, und möchte weiterhin mit dir zusammen sein.«
Sein Herz schlug schneller. »Meinst du das ernst?«
Sie nickte lächelnd.
»Ich habe mir immer jemanden gewünscht, der mich um meiner selbst willen mag«, sagte er leise, nahm Eve in den Arm und gab ihr einen zärtlichen Kuss. »Wie es scheint, habe ich diesen Menschen endlich gefunden.«
»Das hast du. Vorausgesetzt, du kannst es verkraften, dass es auch an mir eine Seite gibt, von der nur wenige Menschen wissen.«
Argwöhnisch musterte er sie. »Und die wäre?«
Sie löste sich von ihm, zog ihre Jacke aus und schob sich die Ärmel ihres hellgrauen Kaschmirpullovers hoch. »Weißt du, mein Vater und ich haben früher ständig zusammen gehämmert, gesägt und geschraubt. Was Handwerksarbeiten angeht, bin ich ein absoluter Profi. Wenn du möchtest, helfe ich dir mit deinem Schrank.«
Er lachte erleichtert. »Das wäre fantastisch.«
Eve ging schon vor ins Schlafzimmer. »Übrigens soll ich dich von Onkel George grüßen. Er sagte, er hätte die Unterhaltungen mit dir immer sehr genossen, könne aber verstehen, wenn du nicht mehr vorbeikommen würdest. Was meinte er damit? Warst du bei ihm in Behandlung?«
»Sagen wir, ich habe ihn um Rat gefragt«, antwortete Matthew ausweichend. »Was hältst du von einem frischen Kaffee?«
»Sehr viel, danke.«
Er ging in die Küche und beschloss, Dr. Seagle noch einmal aufzusuchen, um sich bei ihm zu bedanken und ihm zu sagen, dass die Behandlung abgeschlossen war. Der Matthew Barker, der ihn vor kurzem verzweifelt aufgesucht hatte, existierte nicht mehr.
Er hörte Eve mit den Brettern hantieren und lächelte glücklich. Von nun an brauchte er die Couch des Arztes nicht länger. Nur dessen bezaubernde Nichte.

 

ENDE