Im Zweifel für die Liebe (1. Teil)


Der Strand war menschenleer. Nur ein paar Möwen, die sich vom Wind tragen ließen, und die rasch dahinziehenden Wolken leisteten Felicitas Gesellschaft.

 Sie liebte das Meer, seine vielen Gesichter. Heute wirkte es zornig und aufgewühlt, mit Schaumkronen, die sich wie ärgerlich zusammengezogene Augenbrauen kräuselten. An anderen Tagen war es friedlich und ausgeglichen. Dann glitzerte es im Sonnenlicht und wirkte mit seinem Kleid aus zahllosen funkelnden Pailletten wie eine herausgeputzte, bestens gelaunte Diva.

 Auch den Wind mochte Felicitas. Es gefiel ihr, wenn er an ihrer Jacke zerrte und durch ihr Haar fuhr wie ein leidenschaftlicher Liebhaber. Wenn er ihr Gesicht stürmisch küsste und eine sanfte rote Tönung auf ihren Wangen hinterließ. Felicitas senkte den Blick zum Boden, wo kleine Wellen am Strandsand leckten und sich dann wieder zurückzogen, als hätte er nicht geschmeckt. Wer weiß, dachte sie mit einem kleinen Schmunzeln, vielleicht ist es so.

 Sie war froh, dass sie sich zu diesem Spaziergang aufgerafft hatte. Er tat ihr gut. Tom hatte keine Lust, sie zu begleiten und im Grunde war sie froh darüber.

 Nachdenklich runzelte sie die Stirn. Was stimmte nicht mit ihr? Sie konnte sich doch glücklich schätzen, einen Mann wie ihn gefunden zu haben. Tom war freundlich, half im Haushalt, war zärtlich, rücksichtsvoll und fürsorglich. Ihre zahlreichen Macken tolerierte er mit einem nachsichtigen Lächeln. Nie beschwerte er sich, wenn sie mal wieder aus einer Laune heraus die Möbel umstellte. Oder wenn sie kochte und als Beilagen Entschuldigungen servierte. Er sah sich mit ihr Filme an, die auf den Tränendrüsen herumdrückten und ging sogar mit ihr shoppen, ohne ständig dabei auf die Uhr zu sehen. Er war der perfekte Mann.

 Die Hände tief in den Taschen ihrer Windjacke vergraben ging sie weiter. Die Abdrücke ihrer Segelschuhe im feuchten Sand waren nur für Sekunden sichtbar, dann verschwanden sie, unbetrauert und sogar unbemerkt, denn Felicitas sah nun zum Himmel hinauf, der an diesem Herbstnachmittag wie ein riesiges göttliches Gemälde aussah. Wolkenberge in verschiedenen Rosa- und Grautönen zogen eilig vorbei, als hätten sie einen wichtigen Termin, zu dem sie nicht zu spät kommen wollten.

 Sie betrat den hölzernen Steg, der ins Wasser führte. Die Bretter knarrten leise. Es klang, verglichen mit dem Tosen der Wellen, fast schüchtern. Als sie die Mitte des Holzstegs erreicht hatte, stützte sie die Unterarme auf das Geländer und sah ins aufgewühlte Wasser hinunter. Jetzt wirkte es grau und trüb. Noch heute Morgen war es glasklar gewesen, hatte grün geschimmert, gefärbt von Moos und Algen. Jeder einzelne der von Sand und Wasser rundgescheuerten Kiesel war deutlich zu erkennen gewesen. Nun waren sie allerhöchstens zu erahnen.

 Hinter ihr erklangen Schritte. Schlendernd, aber fest. Das Geräusch riss sie aus ihren Gedanken und erinnerte sie daran, dass sie doch nicht ganz allein auf der Welt war. Eben hatte es sich so angefühlt, jedenfalls ein bisschen.

 Die Schritte verklangen abrupt.

 „Lizzy?“ Es klang verwundert, fast ungläubig.

 Sie wandte den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Es war eine Stimme, die tief in ihr eine verstaubte Saite zum Klingen brachte.

 Lizzy. Jeder – auch Tom – nannte sie bei ihrem vollen Namen oder verkürzte ihn manchmal auf Feli, was sie schrecklich fand. Nur ein Mensch hatte sie je Lizzy genannt und diese Erkenntnis ließ ihr Herz schneller schlagen.

 Die tief stehende Sonne blendete sie. Felicitas hielt sich eine Hand über die Augen, wie den Schirm eines Baseball-Caps, und konnte nun erkennen, wer sie angesprochen hatte.

 „Das darf doch nicht wahr sein“, wisperte sie erstickt und blinzelte die Tränen weg, die plötzlich ihre Sicht verschleierten.

 Er lächelte breit und trat näher. „Ich glaube es einfach nicht! Du bist es wirklich.“

 Sie sah ihn an und hatte das Gefühl, wieder sechzehn zu sein, so heftig schlug ihr Herz gegen die Rippen. Ein paar kleine Fältchen umrahmten seine schönen dunklen Augen, ansonsten hatte er sich nicht wesentlich verändert. Es war David. Ihr David! Ganz eindeutig.

 Schon war sie in seiner Umarmung verschwunden. Etwas schnürte ihr die Kehle zusammen, als sie die Wange an seine breite Brust legte, doch dann löste er sich bereits wieder von ihr und musterte sie unverhohlen, die Hände auf ihren Schultern.

 „Du siehst gut aus, Lizzy.“

 „Danke. Du auch.“

 Eine kurze Pause entstand.

 „Was machst du hier?“, fragten sie schließlich gleichzeitig.

 „Du zuerst!“

 Auch der Satz kam synchron. Sie lachten und das Eis war gebrochen.

 „Mein Mann und ich verbringen unseren Urlaub hier“, berichtete Felicitas. „Aber was tust du in unserer alten Heimat? Irgendjemand erzählte mir, du wärst ausgewandert und würdest in Neuseeland leben.“

 David nickte. „Das stimmt. Doch manchmal muss ich einfach hierher zurückkommen. Hin und wieder vermisse ich den norddeutschen Sinn für Humor.“ Er breitete die Arme aus. „Und diese Luft. Die findet man nirgendwo sonst.“

 Sie lächelte. „Das ist wahr.“

 Nebeneinander lehnten sie am Geländer, das Meer im Rücken, die Ellenbogen auf dem hölzernen Querbalken der Brüstung.

 „Geht es dir gut?“, fragte er und musterte sie neugierig.

 Sie nickte und mied seinen Blick. „Ja, sicher. Es geht mir hervorragend. Und dir?“

 „Jetzt, in diesem Moment?“ Er lachte leise. „So gut wie lange nicht mehr.“

 Nun hob sie doch den Kopf und bemerkte das Funkeln seiner zartbitterschokoladebraunen Augen. Was sie darin zu erkennen glaubte, machte sie verlegen und unvernünftig glücklich zugleich.  Ein paar Wimpernschläge lang sahen sie sich einfach nur an. Die alte Verbundenheit war wieder da, als hätte es all die Jahre, die sie voneinander getrennt waren, gar nicht gegeben.

 David drehte sich plötzlich um und sah aufs Meer hinaus.

  „Ich war sicher, ich würde dich nie wiedersehen.“ Er sprach leise, ohne den Blick vom Horizont zu nehmen. Eine Windböe erfasste sein schwarzes, an den Schläfen langsam grau werdendes Haar und zerzauste es.

 Früher habe ich das getan, fiel Felicitas ein. Sie lächelte bei der Erinnerung daran und glaubte wieder zu fühlen, wie sein kräftiges Haar durch ihre Finger glitt.

 David wandte sich ihr zu. „Es hat mir das Herz gebrochen, als du damals weggezogen bist.“

 „Mir auch, glaub mir.“ Seufzend drehte auch sie sich nun um, stützte wieder die Arme auf, wie vorhin, bevor er sie angesprochen hatte. „Aber was hätte ich schon tun können? Um allein hier zu bleiben, war ich zu jung.“

 „Du hast versprochen, zu schreiben, doch du hast es nie getan“, erinnerte er sie. „Warum nicht?“

 Es fiel ihr schwer, seinem intensiven Blick standzuhalten. „Ich dachte, ein endgültiger Schnitt wäre weniger schmerzhaft.“ Sie lachte bitter auf. „Wie sich herausstellte, war das ein Irrtum.“

 Nebeneinander verließen sie den Steg und steuerten die Promenade an.

 „Hast du Familie?“, fragte Felicitas.

 David schüttelte den Kopf. „Nein. Es hat sich irgendwie nie ergeben.“ Ein zärtliches Lächeln begleitete seine nächsten Worte: „Es war eben keine wie du.“

 Sie schluckte und blieb stehen. Der Wind trieb heiße Tränen in ihre Augen. Mit einer ungeduldigen Handbewegung wischte sie sie fort. Es war so dumm, jetzt zu heulen. Vielleicht hätte ihre Liebe eine Chance gehabt, irgendwann früher. Wer konnte das schon sagen? Sicher war nur, dass es jetzt zu spät war. Sie war verheiratet und David lebte am anderen Ende der Welt.

 „Wie lange bist du noch hier?“, fragte er leise und ergriff ihre tränenfeuchte Hand.

 Ihre Stimme klang rau. „Eine Woche.“ 

 „Das ist nicht viel Zeit.“ Mit der freien Hand strich er über ihre vom Wind gerötete Wange. „Machen wir das Beste draus?“

 Sie wollte den Kopf schütteln, vernünftig sein. Das Richtige tun. Und sagte: „Ja. Machen wir das Beste draus.“

 „Wo ist dein Mann?“

 „Er sieht sich im Fernsehen ein Fußballspiel an.“

 „Komm“, sagte David. „Gehen wir einen Kaffee trinken.“

 

Mit leuchtenden Augen und von der Meeresluft erfrischter Haut betraten sie ein nahe gelegenes Café. An den kleinen Tischen saßen hauptsächlich ältere Damen, bekleidet mit Röcken und Blusen in unauffälligen Farben, nippten am Kaffee oder stachen ihre Kuchengabel in Schwarzwälder Kirschtorte. Dezentes Geplapper und leises Gelächter vermischte sich mit dem Klappern von Geschirr. Schwarz-weiß uniformierte Bedienungen huschten auf bequemen Schuhen mal hierhin, mal dorthin. Lächelnd, nickend – berufsmäßig auf Höflichkeit getrimmt. Es roch nach frisch gemahlenem Kaffee.

 Felicitas und David fanden einen Tisch weiter hinten im Lokal, setzten sich und bestellten. Kurz darauf standen zwei große Tassen mit Cappuccino vor ihnen. David ließ etwas Zucker auf den Schaum rieseln. Die feinen weißen Körner versanken und hinterließen einen luftigen weißen Krater.

 „Was machst du beruflich?“, wollte er wissen.

 „Ich arbeite in einem Hotel, im Sekretariat.“

 „Klingt interessant.“

 Sie zog eine Grimasse. „Das ist es aber nicht.“

 Er legte den Löffel zur Seite, ein fast trauriges Lächeln im Gesicht. „Es ist verrückt. Ich sehe dich an und möchte dich in die Arme nehmen, so wie früher.“

 Ein Kribbeln breitete sich in ihr aus, kroch von den Füßen bis hinauf zu ihrer Kopfhaut. Sie schaute ihn an und wusste, es hatte keinen Zweck, ihm – oder sich selbst - etwas vorzumachen.

 „Mir geht es genauso“, gestand sie daher leise. „Ich glaube, ich weiß jetzt, warum ich immer das Gefühl hatte, dass mir irgendetwas fehlt.“

 „Du bist nicht glücklich mit deinem Mann?“

 Sie hob die Schultern. „Es ist nicht seine Schuld. Seit damals war ich nie wirklich glücklich, aber dank Tom war ich auch nicht unglücklich.“

 David nickte und rührte nachdenklich in seiner Tasse. „Habt ihr Kinder?“

 „Nein.“ Leise fügte sie hinzu: „Tom wünscht sich zwar welche, aber ich ... Ich war bisher nicht bereit dafür. Es fühlte sich einfach nicht ... richtig an.“

 David hob den Kopf. Ein Lächeln lag auf seinen Lippen, das sie nicht recht deuten konnte. „Glaubst du an Schicksal, Lizzy?“, fragte er leichthin.

 „Eigentlich nicht.“ Sie zögerte. „Aber seit heute würde ich zumindest einräumen, dass ich da falsch liegen könnte. Was ist mit dir, glaubst du daran?“

 „Oh ja.“ Er sah ihr in die Augen. „Das tue ich.“

 

Als sie die Tür zur Ferienwohnung aufschloss, war es bereits dunkel. Aus dem Wohnzimmer hörte sie die Stimme eines Sportmoderators. Tom lag auf dem Sofa, die Augen geschlossen, den Mund leicht geöffnet. Das Spiel war zu Ende und wurde in allen Einzelheiten analysiert – darüber war er wohl eingeschlafen.

 Im Zimmer war es dämmrig, es wurde nur vom Flackern des Fernsehers erhellt. Toms Gesicht wirkte fast geisterhaft in diesem diffusen Licht.

 Sie schlüpfte aus ihren Segelschuhen, hängte die Jacke auf und ging ins Schlafzimmer. Dort ließ sie sich auf das Bett fallen. Die Arme hinter dem Kopf verschränkt blickte sie an die Zimmerdecke. Dachte an früher.

Eine Freundin hatte sie und David in der Disco miteinander bekannt gemacht. Kurz darauf forderte er sie zum Tanzen auf. Sie stimmte zu, weil sie den Song so mochte. Und weil David höflich gefragt hatte, statt wie einige andere Typen einfach ihren Ellenbogen zu ergreifen, zur Tanzfläche zu weisen und „Na, komm schon!“ zu sagen. Er war auch einer der wenigen Jungs, die sich zur Musik bewegen konnten, ohne dabei auszusehen, als hätten sie gerade einen Finger in der Steckdose. Er war lustig, unaufdringlich und freundlich. Ein netter, gutaussehender Typ mit einem ansteckenden Lachen.

Sie verabredeten sich für den nächsten Tag auf dem Jahrmarkt, der zu dieser Zeit gerade in der Stadt war, und als David sie bei den Autoscootern das erste Mal leicht auf den Mund küsste, war Felicitas bereits rettungslos verknallt.

Von dem Tag an waren sie unzertrennlich. In seinen Armen verlor sie ihre Unschuld. Mit David war sie so glücklich wie nie zuvor in ihrem Leben und sie wusste, sie würde nie wieder jemanden so lieben wie ihn.

Als ihr Vater ihr mitteilte, dass er nach Düsseldorf versetzt worden war und sie daher umziehen müssten, glaubte Felicitas, sie würde sterben. Nach nur acht Monaten Seligkeit wurde sie gezwungen, den Menschen zu verlassen, der ihr von allen am wichtigsten war.

Der tränenreiche Abschied von David kam ihr vor wie eine Herzamputation ohne Narkose.

Fast ein Jahr lang sprach sie mit ihrem Vater nur das Nötigste, obwohl sie wusste, dass er nicht anders hatte handeln können. Noch Jahre später, als sie bereits mit Tom zusammen war, dachte sie immer wieder an David, doch nicht mehr voller Trauer. Eher wehmütig.

 Und nun war er wieder da und die Gefühle von einst feierten ein verwirrendes Comeback. Doch konnte sie diesen Empfindungen einfach so nachgeben? Sie waren beide älter geworden, hatten sich verändert. Ja, sie kannten sich im Grunde überhaupt nicht. Und doch gab es noch immer diesen Zauber zwischen ihnen.

 Nachdem sie den Cappuccino getrunken und das Café verlassen hatten, gingen sie ein wenig in der Umgebung spazieren. Beim Abschied hatte David sie angesehen und gefragt: „Morgen um elf? Auf dem Steg?“

 Sie hatte Ja gesagt.

 

 

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