Im Zweifel für die Liebe (2. Teil)

 

„Was macht dein Mann heute?“

 „Er wollte ins Museum.“

 „Du nicht?“

 Sie blieb stehen und sah ihn an. „Nein. Ich wollte zu dir.“

 David lächelte, nahm ihre Hand und zog sie weiter, bis sie das Ende des Stegs erreicht hatten. „Hast du ihm von mir erzählt?“

 „Noch nicht.“

 „Und? Wirst du es tun?“

 Sie schwieg. Das Meer war ruhiger als am Vortag. Nur ein leises Glucksen war zu hören, wenn kleine Wellen auf die Pfeiler des Stegs trafen.

 „Früher hattest du Mut zum Risiko“, erinnerte David sich nachdenklich. „Wie sieht es heute damit aus?“

 „Was meinst du damit?“

 Er hielt ihrem Blick stand. „Wenn ich dich bitten würde, zu mir zu kommen, nach Gisborne, würdest du es tun?“

 Felicitas sah aufs Meer hinaus. David war schon immer spontan gewesen, doch mit dieser Frage hatte sie nicht gerechnet. Zumindest nicht so bald.

 „Erzähl mir von dort“, bat sie, einer Antwort ausweichend.

 Er legte einen Arm um ihre Schultern und zog sie an sich. „Gisborne liegt auf der Nordinsel Neuseelands, im Nordosten. Dort ist es – im Gegensatz zu anderen Gegenden – meist warm und relativ trocken. Es gibt wunderschöne Strände und riesige Wälder. Die Stadt wird auch „City of Rivers“ genannt, weil sie von drei Flüssen durchzogen wird. Die Menschen sind sanft und freundlich. Es ist ein sehr schöner Ort zum Leben.“

 „Das klingt reizvoll.“ Sie schmiegte sich an ihn. „Was machst du dort? Womit verdienst du deinen Lebensunterhalt?“

 „Ich baue Wein an, das Klima ist ideal dafür.“

 David erzählte von seinem Leben als Weinbauer, und Felicitas registrierte das Leuchten in seinen Augen und die Begeisterung, die er ausstrahlte. Er sah aus, als hätte er seinen Platz im Leben gefunden. Den Ort, wo er hingehörte.

 „Wirst du darüber nachdenken?“, fragte David beim Abschied.

 Zögernd nickte sie. „Ja, das werde ich bestimmt. Aber -“

 Sein Zeigefinger legte sich sanft auf ihre Lippen. „Mehr will ich im Augenblick gar nicht hören“, unterbrach er sie. „Ruf mich an, wenn du dich entschieden hast. Oder wenn du mich sehen möchtest. Meine Nummer hast du ja nun.“

 Die Finger ihrer linken Hand spielten mit dem Zettel in ihrer Jackentasche, den David ihr vor wenigen Minuten gegeben hatte.

 Nun zog er sie in seine Arme und sie ließ ihn gewähren. Genoss das Gefühl seiner Lippen auf ihrer Wange und das leichte Kratzen seines Drei-Tage-Barts. Ein paar Herzschläge lang hielten sie sich schweigend fest.

 „Ich habe dich schon einmal verloren“, murmelte er an ihrem Ohr. „Noch einmal möchte ich das nicht erleben, Lizzy. Wenn du dasselbe fühlst wie ich, dann komm mit mir nach Gisborne.“

 Mit diesen Worten löste er sich von ihr, schenkte Felicitas noch einmal dieses unwiderstehliche Lächeln, in das sie sich vor fünfzehn Jahren verliebt hatte, drehte sich um und ging.

 

 Am Abend stocherte Felicitas schweigend in ihrem Essen herum. Tom, der von seinem Museumsbesuch schwärmte, fiel schließlich auf, dass sie kaum etwas aß.

 „Was ist mit dir?“, fragte er und trank einen Schluck Wein. „Du liebst doch Nudeln mit Lachs. Geht es dir gut, Liebling?“

 Sie seufzte und ließ ihr Besteck sinken. „Ich habe einen Entschluss gefasst, Tom. Es war keine leichte Entscheidung, glaub mir. Ich habe viel darüber nachgedacht …“

 „Du sprichst in Rätseln“, unterbrach er sie. „Komm zur Sache. Worüber hast du nachgedacht?“

 Felicitas hole tief Luft. „Ich werde mich von dir trennen.“

 Er stellte sein Glas ab und sah sie verständnislos an. „Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz.“

 „Es tut mir leid, Tom“, versicherte sie. „Wirklich. Es tut mir sehr, sehr leid.“

 Mahnend runzelte er die Stirn. „Wenn das ein Scherz sein soll, dann ist er nicht besonders witzig.“

 Mit so viel Mut, wie sie aufbringen konnte, sah sie ihm fest in die Augen. „Ich meine es ernst.“

 Ungläubig starrte er sie an, seine Mundwinkel zuckten, wie immer, wenn er verärgert war. „Augenblick mal. Du verlässt mich?“, vergewisserte er sich und fuhr sich durch das kurze blonde Haar. Eine Geste der Verwirrung, des Unverständnisses. „Einfach so? Von heute auf morgen? Ich kapiere das nicht. Hast du den Verstand verloren?“

 Sie war den Tränen nahe. „Es liegt nicht an dir, bitte glaub mir. Es ist nur so, dass ...“ Sie wusste nicht weiter, schaffte es nicht länger, ihren Mann anzusehen, fand nicht die richtigen Worte. Ihre zitternden Finger ergriffen die Serviette, spielten mit ihr.

 Eine unangenehme Minute lang sprachen beide kein Wort.

 „Mein Gott!“, stieß er plötzlich hervor, lehnte sich ermattet zurück und starrte Felicitas fassungslos an. „Es gibt einen anderen.“

 
 Das Meer sah in der Dunkelheit aus wie geschmolzenes Blei. Felicitas hörte das Rauschen der Brandung, spürte den Wind auf der Haut und den nachgiebigen Sand unter den Füßen. In Gedanken ging sie noch einmal das Gespräch mit Tom durch, sah wieder den Schmerz und die Enttäuschung in seinen Augen, als sie ihm von David erzählte, und hasste sich dafür, ihm so wehgetan zu haben. Das hatte er nicht verdient.

 Dennoch war es die richtige Entscheidung gewesen. Sie holte ihr Handy hervor und wählte Davids Nummer.

 „Ich habe es getan. Ich habe mich von Tom getrennt“, sagte sie bedrückt, nachdem David sich gemeldet hatte. „Er war wütend, gekränkt und sehr verletzend mir gegenüber. So habe ich ihn noch nie erlebt. Es war einfach furchtbar.“

 David schnalzte mit der Zunge. „Das tut mir leid. Es war sicher ein Schock für ihn. Möchtest du allein sein oder hättest du gern Gesellschaft?“

 „Seit einer Stunde renne ich den Strand auf und ab und denke nach. Ich bin durchgefroren und deprimiert.“

 „Dann komm her.“ Er nannte ihr seine Adresse. „Ich freue mich auf dich und mache uns einen heißen Tee mit Rum.“

 Zehn Minuten später war sie bei ihm. Sie fiel in seine Arme, spürte seine Lippen auf ihren und hatte das verrückte Gefühl, nach Hause gekommen zu sein.

 Beim Tee teilte sie David ihre am Strand getroffene Entscheidung mit. „Ich werde mir für ein Jahr unbezahlten Urlaub nehmen und mit dir nach Gisborne kommen. Danach sehen wir weiter.“

 David nahm ihre Hand und lächelte. „Einverstanden. Das klingt vernünftig.“

 Aufmerksam musterte sie ihn. „Bereust du schon, mir dieses Angebot gemacht zu haben?“

 „Nein, überhaupt nicht.“ Er schenkte ihr ein beruhigendes Lächeln. „Ich finde nur, es ist besser, sich eine Hintertür offen zu halten. Falls es mit uns beiden nicht klappt, meine ich. Schließlich kann man nie wissen.“

 

In den nächsten Tagen lernten sie sich neu kennen. Tagsüber redeten sie, sprachen von der Zeit, in der sie nicht hatten zusammen sein können, und in den Nächten berauschten sie sich an der Nähe des anderen. Davids Temperament und Leidenschaft rissen Felicitas mit, sie fühlte sich wie in einem erregenden Strudel. Derartiges hatte sie mit Tom nie erlebt. David brauchte sie nur anzusehen, und schon wurden ihre Knie weich wie frische Marshmallows.

 Als sie eines Morgens spazieren gingen, drückte er sie fest an sich. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich dich wiederhabe.“

 „Mir geht es genauso. Ich habe sogar das Gefühl, freier atmen zu können. Ist das nicht verrückt?“

 Zärtlich küsste er ihr sonnenwarmes Haar. „Nein, das glaube ich nicht.“

 Sie hob den Kopf und sah ihn an. „Ist das Liebe?“

 Er nickte ernst. „Davon bin ich überzeugt. Ich werde es dir beweisen, wenn du nach Gisborne kommst. Du wirst die glücklichste Frau Neuseelands sein, weil ich alles dafür tun werde, um dieses Strahlen in deinen Augen immer wieder aufs Neue zu entfachen.“

 „Wirklich alles?“

 „Wirklich alles.“

 

Felicitas lauschte den Wellen, die sich an den Klippen der Küste von Gisborne brachen und schloss die Augen. Sie stand häufig hier, mitten in den Elementen. Nicht selten dachte sie dabei an Tom. Als sie nach dem Urlaub zurück nach Düsseldorf gefahren war, hatte er sich bereits eine eigene Wohnung genommen und nur ihre persönlichen Sachen im Haus zurückgelassen. Er war noch immer verletzt und vermied es bis zu ihrer Abreise nach Neuseeland, mit ihr zusammenzutreffen.

 Nach ihrer Ankunft in Gisborne hatte sie ihrem Mann geschrieben, jedoch keine Antwort erhalten. Sie machte sich Sorgen um ihn, hätte gern gewusst, wie es ihm ging. Doch er hüllte sich in gekränktes Schweigen. Diese Tatsache war der einzige Punkt, der ihr hin und wieder Kummer machte. Das fremde Land und seine freundlichen Menschen hatten sie mit offenen Armen empfangen.

 David hatte Wort gehalten. Er tat alles, damit sie sich wohlfühlte. Las ihr jeden Wunsch von den Augen ab, war liebevoll, spontan und brachte sie immer wieder zum Lachen. Gab ihr das Gefühl, angekommen zu sein.

 Auf einmal stand er hinter ihr und legte seine Hände auf ihren leicht gewölbten Leib. Langsam drehte sie sich um. Schlang die Arme um seinen Nacken, vergrub den Kopf in seiner Halsbeuge und atmete seinen Duft ein. Er roch nach Natur, nach Frische und salziger Meeresluft.

 „Wie geht es euch beiden?“, fragte er zärtlich.

 „Fantastisch. Und dir?“
„Du hast Post bekommen.“ Seine Stimme klang seltsam brüchig. Er löste sich von ihr und zog einen leicht zerknitterten Brief aus seiner Hosentasche.

 Sie las den Absender und verspürte eine eigentümliche Schwäche in den Beinen. Ihre Hand tastete nach Davids Arm. Er führte sie zu der Bank, die er gezimmert hatte, weil sie so gern hier oben war. Als sie sich gesetzt hatte, ging er ein paar Schritte zur Seite. Ließ sie mit dem Brief allein.

 Felicitas beobachtete, wie er schweigend einen Stein aufhob und ihn kraftvoll aufs Meer hinaus warf. Es war unschwer zu erkennen, dass er beunruhigt war.

 Sie öffnete den Umschlag und zog einen Bogen Papier hervor. Der Brief war nicht sehr lang. Sorgfältig las sie die wenigen Zeilen, dann faltete sie das Schreiben wieder zusammen. David kam zurück und setzte sich neben sie.

 „Tom hat mir endlich verziehen“, berichtete sie mit Tränen in den Augen. „Er möchte, dass ich nach Deutschland komme.“
David runzelte argwöhnisch die Stirn. „Ach! Tatsächlich?“
Lächelnd nahm sie seine Hand. „Ja. Zu unserem Scheidungstermin. Er hat sich verliebt und möchte die Frau gern heiraten.“
Davids Gesichtszüge entspannten sich wieder. „Und ich hatte schon befürchtet ...“

 „Es geht ihm gut“, sagte Felicitas erleichtert. „Er ist glücklich. Und ich bin es auch. Nun kann ich dieses Glück endlich so richtig genießen.“ Sie streichelte zufrieden ihren Bauch.

 Wenig später gingen sie Arm in Arm den Hügel hinab und lauschten den Wellen, die gegen die Felsen schlugen.

 

 

 

ENDE

 

 


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Klappentext:

Ein romantisches Dinner entwickelt sich völlig anders als gedacht, eine neue Spielshow verlangt ihren Kandidaten alles ab, ein geläuterter Ex-Knacki wird zu einem letzten Auftrag erpresst und der G7-Gipfel verlief vielleicht ganz anders, als man uns weismachen möchte ...

 

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