Nachts im Kloster


 

Bruder Samuels leichte Sandalenschritte verursachten kaum einen Laut, als er mit einem vollen Tablett zum Gästetrakt des Klosters eilte. Gewiss wartete Mr. Jack Turner, der Bestseller-Autor, bereits auf sein Frühstück.

 Obwohl noch satt vom Porridge kitzelte der ungewohnte Duft von Eiern, Speck und Kaffee verführerisch die Nase des Mönchs. Dennoch war kein Neid in ihm. Er verschlang lieber Jack Turners Romane über den Privatdetektiv Johnny Lancaster.

 Es war eine wunderbare Fügung des Himmels, dass Bruder Samuels Lieblingsautor sich ausgerechnet das St. Mary Kloster ausgesucht hatte, um in Ruhe und Abgeschiedenheit sein neuestes Buch zu vollenden.

 Endlich erreichte der Mönch sein Ziel. Er balancierte das Tablett auf einer Hand und klopfte an.

 »Herein!«

 Er stieß die Tür auf. Nebelartiger Qualm empfing ihn und ließ seine Augen brennen.

 »Ihr Frühstück, Sir«, sagte er und unterdrückte ein Husten.

 »Ah, Bruder Samuel.« Turner, ein großer Mann mit breiten Schultern und müden Augen, drückte seine Zigarette in dem Aschenbecher aus, der beinahe überquoll. Vermutlich hatte er die ganze Nacht hindurch geschrieben.

 »Leisten Sie mir wieder Gesellschaft beim Essen?«

 »Es wäre mir eine Ehre, Sir.« Erfreut stellte Bruder Samuel das Tablett ab, ließ sich auf dem zweiten Stuhl nieder und schenkte Kaffee in den Keramikbecher.

Jack Turner begann heißhungrig zu essen. »Und?«, fragte er kauend, »was gibt es Neues in der Welt der Kutten und Tonsuren?«

»Letzte Nacht wurde eine unserer Hennen getötet, Sir.« Bruder Samuel gab etwas Zucker in den Becher und rührte klingelnd um.

»Ach, darum gibt es heute nur zwei Eier«, scherzte Turner. »War es ein Fuchs?«

»Das war kein Tier, Sir. Dem armen Wesen wurde die Gurgel durchgeschnitten.«  

»Wie barbarisch. Wisst ihr schon, wer das getan hat?«

 »Bisher nicht, Sir. Leider.«

 Der Mönch schob Turner den Kaffee zu. Dabei streifte sein Blick die Hand des Autors, die gerade eine Gabel mit Ei und Speck zum Mund führte.

 Was waren das für seltsame dunkle Flecken? Sie sahen aus wie …

Dem Mönch stockte der Atem. Wie getrocknetes Blut!

In seinem Kopf wirbelten Gedankenfetzen wie Herbstblätter im Klostergarten. War es denn möglich, dass …?

Nein, sagte er sich selbst, niemals.

»Können Sie ein Geheimnis für sich behalten?«, fragte Turner plötzlich und wich dabei seinem Blick aus.

Bruder Samuel wappnete sich. »Selbstverständlich, Sir.«

»Johnny spricht neuerdings mit mir. Ich kann ihn hören.« Turner tippte sich gegen die Schläfe. »Hier drin.«

Der Mönch riss die Augen auf. »Sie meinen … Johnny Lancaster? Der Held Ihres Romans?«

»Ja. Er will mir vorschreiben, wie sich die Geschichte entwickeln soll, macht mir Vorschriften, gibt mir Befehle. Es ist gelinde gesagt sehr verwirrend.«

 »Das kann ich mir vorstellen, Sir.« Bruder Samuels unruhiger Blick klebte an der rechten Hand des Autors wie das Blut an dessen Fingern.

 

Den ganzen Tag grübelte er über die Flecken nach und über das, was Jack Turner ihm erzählt hatte. Als er am nächsten Morgen das Frühstück brachte, lag ihm eine unangenehme Frage auf der Seele. Turner saß wie üblich rauchend vor seinem Laptop. Er sah blasser aus als am Vortag.

 »Ihr Frühstück, Sir.«

 »Ich habe keinen Hunger«, nuschelte Turner, die Kippe im Mundwinkel. »Geben Sie mir nur einen Kaffee.«

 »Sehr gerne, Sir.« Bruder Samuel schenkte ein, gab Zucker dazu und reichte dem in seine Arbeit vertieften Turner den dampfenden Becher. „Darf ich Sie etwas fragen, Sir?“

Turner brummte unwillig, doch der Mönch ließ sich nicht beirren. »Was genau befiehlt Lancaster Ihnen, Sir?«

Der Autor drückte die Zigarette aus und winkte ab. »Dies und das. Warum fragen Sie?«

»Nun, weil … «

Das erneut einsetzende Tastenklappern brachte Bruder Samuel aus dem Konzept. Er holte tief Luft. »Letzte Nacht hat jemand versucht, Bruder Cuthbert zu erwürgen«, stieß er hervor.

Die Tasten verstummten.

»Erzählen Sie mehr«, bat Turner.

Bruder Samuel nickte. »Nun, Bruder Cuthbert konnte in der Dunkelheit nicht sehen, wer plötzlich über ihm stand und die Hände um seinen Hals legte. Er hatte Todesangst und wehrte sich nach Kräften. Mit Gottes Hilfe konnte er den Übeltäter daran hindern, sein grausiges Werk zu vollenden. Der Mann flüchtete.«

 »Dann weiß man nicht, wer es war?«

 »Nein, Sir. Bruder Cuthbert sagte nur, der Mann habe …«, der Mönch räusperte sich, »… nach Rauch gerochen.«  

 Turner lehnte sich zurück und starrte ins Leere. Dann beugte er sich wieder vor, drehte seinen Computer um und wies auf den Bildschirm. »Lesen Sie das«, befahl er und zündete sich mit zitternden Fingern eine neue Zigarette an.

Bruder Samuel setzte sich und las:

‚Lancaster tobte vor Wut und stürzte sich auf Phil. Wie von selbst legten sich seine Hände um dessen Hals und drückten zu. Er würde schon dafür sorgen, dass dieser Mistkerl niemandem mehr Drogen verkaufen konnte. Phil röchelte, seine Augen quollen ihm aus dem Kopf …‘

 Entsetzt schob Bruder Samuel den Computer von sich. »Gott steh mir bei«, ächzte er. »Lancaster hat Ihnen befohlen, Bruder Cuthbert …?«

»Ich weiß es nicht!«, erwiderte Turner heftig, stand auf und begann, in der kleinen Zelle auf- und abzugehen. »Es deutet aber alles darauf hin, dass ich die Kontrolle über Johnny verloren habe. Oder sehen Sie das anders?«

 Der Mönch schüttelte den Kopf. »Warum verlangt er sowas von Ihnen?«

 »Aus Recherchegründen? Eine andere Erklärung fällt mir nicht ein.«     

 »Was sollen wir jetzt tun, Sir?«

 »Ich habe keine Ahnung.«

 Bruder Samuel dachte nach. »Wie wäre es, wenn ich heute Nacht bei Ihnen bleibe, Sir?«

 »Mein Bett ist etwas zu schmal für zwei, fürchte ich«, erwiderte Turner spöttisch.

 »Ich lege mich auf den Boden, Sir, das macht mir nichts aus. Schlafen werde ich ohnehin nicht.«

 Der Autor atmete tief durch. »Also gut. Einverstanden.«

  

Am Abend, als Turner sich hinlegte, ließ sich Bruder Samuel dicht an der Tür auf dem Boden nieder. Er hatte ein Kissen und eine dünne Decke dabei, mehr benötigte er nicht. Auf dem Tisch flackerte eine Kerze.

»Gute Nacht, Bruder«, murmelte Turner. »Gewiss wird nichts geschehen, ich bin so erschöpft, dass ich schlafen werde wie ein Toter.«

»Dafür werde ich beten, Sir.«

 Es dauerte in der Tat nicht lange, bis Turners gleichmäßiger Atem zu hören war. Bruder Samuel dagegen starrte hellwach auf die Schatten, die das knisternde Kerzenlicht an die Wände warf.

 War es tatsächlich möglich, dass die Stimme von Johnny Lancaster den Autoren dazu brachte, nachts zu einem mordenden Monster zu werden? Es schien so absurd.

 »Lass mich in Ruhe, Johnny«, murmelte Turner plötzlich. »Nein, ich will nicht.«

 Bruder Samuel setzte sich auf. Sein Herz klopfte schneller als der hämmernde Schnabel eines Spechts.

 »Du bist eine Nervensäge, Johnny«, stöhnte Turner und schlug die Decke zurück.

 Bruder Samuel kam ungelenk auf die Füße und lehnte sich gegen die geschlossene Tür. Hielt den Atem an.

 Turner begann, in seinem Gepäck zu wühlen, das auf einer Ablage neben dem Bett stand.

 Wonach suchte er?

 »Einen Moment noch«, rief Turner gereizt. »Es muss hier irgendwo sein, ich … Ha! Da ist es ja.« Er wandte sich um.

 Bruder Samuels Hände wurden feucht. Der Wunsch, diese Zelle zu verlassen, war übermächtig, doch er zwang sich, zu bleiben und abzuwarten, was als Nächstes geschah.

Mit schmalen Augen versuchte er zu erkennen, was Turner in der Hand hielt. Es war ein kleiner Gegenstand, länglich, er glänzte silbern im Kerzenlicht …

Bruder Samuel presste sich noch dichter an das raue Holz der Tür. Turner hatte ein Messer!

»Ich will das nicht tun«, sagte der Autor mit einer Stimme wie ein quengeliger kleiner Junge. »Samuel ist ein netter Kerl.«

Die Knie des Mönchs waren plötzlich weich wie Porridge. „Bitte nicht, Sir“, flüsterte er schwach.

Turner kam näher.

Bruder Samuel beschloss, lieber von der anderen Seite der Tür aus Wache zu halten. Er drehte sich um und tastete nach der Klinke.

»Hiergeblieben, Mönchlein«, knurrte Turner. Er packte ihn an der Schulter und schleuderte ihn herum. Bruder Samuels Füße verfingen sich in der Decke am Boden. Er taumelte, doch Turner riss ihn hoch und hob drohend das Messer.

Vergib mir, Herr, bat Bruder Samuel, holte aus und rammte seine Faust in Turners Gesicht.

 Etwas fiel klirrend zu Boden. Dem Autor war das Messer aus der Hand geglitten, doch er selbst stand noch aufrecht. Sein Wutschrei prallte an den Mauern ab, dann legten sich seine großen Hände wie Eisenklammern um den nackten Hals des Mönchs. Drückten zu.

Bruder Samuel versuchte verzweifelt, Turner von sich zu schieben oder dessen Griff zu lösen, kam aber nicht gegen ihn an. Seine Lunge schien zu bersten, Schwindel erfasste ihn. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit.

Noch einmal flehte er Gott um Vergebung an, dann riss er mit letzter Kraft sein rechtes Knie hoch. Tuner gab einen erstickten Laut von sich und sank gekrümmt zu Boden.

Der Mönch lehnte keuchend an der Tür, seine Hand rieb die schmerzende Kehle.

Nach einer Weile richtete sich der Autor stöhnend auf.

»Es tut mir leid, Sir«, krächzte Bruder Samuel. Sein Hals fühlte sich rau und kratzig an.

 Turner starrte den Mönch perplex an. »Zum Teufel nochmal, haben Sie halbe Portion mir gerade …?«

 Bruder Samuel unterbrach ihn. »An diesem Ort wird nicht geflucht, Sir.«

  

»Muss es wirklich sein?«, fragte Jack Turner, schnippte die Asche von seiner Zigarette und blickte trübsinnig auf den Bildschirm. Sein linkes Auge war geschwollen.

»Ich fürchte ja, Sir.«

»Meine Leser werden schockiert sein.«

 »Auch mir wird er fehlen«, gestand Bruder Samuel. »Aber nur so können wir ihn daran hindern, sich Ihrer erneut zu bemächtigen.« Er bekreuzigte sich. »Zumindest hoffe ich das.«

 Turner holte tief Luft. »Also dann.«

 Zögernd begann er zu schreiben, wobei ihm Bruder Samuel über die Schulter sah.

 Phil stand über Johnny, nur Zentimeter von seinen Fingern entfernt, die sich verzweifelt an den Rand der Klippe klammerten. Mit einem kalten Lächeln hockte Phil sich hin und löste einen Finger nach dem anderen vom Felsen.

 Johnny brach der Schweiß aus. »Nein! Bitte …«

 »Stirb wohl, du Bastard«, sagte Phil und stieß ihn in die Tiefe.

 »Und jetzt speichern«, bat Bruder Samuel aufatmend. »Danke, Sir.«

 

 

ENDE