Die Schatulle


 

 

»Wo bleibt mein Essen?«

»Sei nicht so ungeduldig, es ist gleich fertig.« Rose Palmer reichte ihrer Mutter einen Brief. »Du hast wieder Post aus New York. Willst du mir nicht endlich erzählen, wer diese Meredith Fenworthy ist?“

Das Gesicht ihrer Mutter verschloss sich. »Nein, will ich nicht. Das geht dich nichts an.«

Rose seufzte. »Ich brauche Geld zum Einkaufen, Mutter. Wir haben kaum noch etwas im Haus. Ich dachte, ich könnte gehen, wenn Dr. Jones kommt, um dich zu untersuchen.«

»Schlag dir das aus dem Kopf. Ich will nicht mit dem Kerl allein im Haus sein.«

»Mutter, Dr. Jones ist -«

»Du bleibst hier, bis er gegangen ist, verstanden? Und hol mir endlich mein Mittagessen, auch wenn es wieder grässlich schmeckt. Ich verhungere.«

Roses Hände ballten sich zu Fäusten. Sie verließ den Raum und stieg die schmale, knarrende Treppe hinunter. Wie sie das alte Weib verabscheute! Rose war fünfunddreißig und ihr einziger Lebensinhalt war die Pflege ihrer herzkranken, streitsüchtigen Mutter. Den Traum von einer eigenen Familie hatte sie längst begraben.

 

»Gib mir die Schatulle«, befahl ihre Mutter nach dem Essen, an dem sie wie üblich herumgemäkelt hatte. Rose holte die Kiste aus dem Nachttisch und legte sie auf die Bettdecke. Die knochigen Finger der alten Frau tasteten nach dem Schlüssel, den sie an einer Kette um den Hals trug. Rose musste wie immer am Fuß des Bettes warten, während ihre Mutter ein paar Scheine aus der Schatulle nahm und den jüngsten Brief hineinlegte. Nachdem die Holzschachtel wieder an ihrem Platz war, gab sie Rose das Geld. »Das sollte reichen. Aber du bleibst, bis der Arzt gegangen ist.«

»Natürlich, Mutter. Jetzt ruh dich aus, du hast doch so schlecht geschlafen letzte Nacht.«

 

Dr. Jones kam pünktlich. Er untersuchte seine Patientin, ermahnte sie, sich weiterhin zu schonen und verabschiedete sich. Rose brachte ihn zur Tür.

»Doktor, meine Mutter schläft in letzter Zeit nicht sehr gut«, sagte sie, als sie dem Arzt seinen Hut reichte. »Was kann ich tun? Warme Milch und frische Luft helfen nicht.« 

Dr. Jones überlegte, dann öffnete er seine Tasche und holte eine kleine Papiertüte hervor. »Das ist ein leichtes Schlafmittel. Geben Sie Ihrer Mutter abends eine Messerspitze davon in den Tee.«

»Danke, Doktor«, sagte Rose.

Auf dem Weg zum Einkaufen kam sie am Hafen vorbei. Ein gewaltiges Schiff war eingelaufen. Rose stand staunend davor, beobachtete, wie Passagiere die steile Gangway auf- und abgingen oder sich über die Reling beugten.  Sie seufzte sehnsüchtig. Damit zu reisen war gewiss wunderbar.

 

»Wo warst du so lange?«, fuhr ihre Mutter Rose an, kaum dass sie zurück war. »Ich habe mich beschmutzt, und das ist allein deine Schuld.«

Die nächste Stunde verbrachte Rose damit, das übelriechende Bett und die zeternde alte Frau zu säubern. Statt auf deren Vorwürfe einzugehen träumte sie sich auf das wunderschöne Schiff, das, wie sie gehört hatte, am nächsten Mittag auslaufen sollte.

Am Abend gab sie etwas von der Medizin in den Tee, ehe sie ihrer Mutter das Abendbrot brachte. Es wirkte, die alte Frau schlief rasch ein.

Als der Arzt ihr das Pulver gegeben hatte, war ein Plan in Rose gereift. Nun war es an der Zeit, ihn umzusetzen. Sie wartete noch ein Weilchen, dann holte sie die Kiste hervor, suchte vorsichtig im Ausschnitt des Nachthemds ihrer Mutter nach dem Schlüssel und öffnete das Schloss.

Mit hämmerndem Herzen eilte sie in die Küche, setzte sich an den Tisch und hob neugierig den Deckel an. Endlich würde sie erfahren, was ihre Mutter vor ihr geheim hielt.

Mehrere hundert Pfund waren in der Schatulle. So viel Geld! Rose fand einen Stapel Briefe und obendrein teuer wirkenden Schmuck. Sie nahm einen Rubinring und probierte ihn an. Wie wunderschön das aussah! Ohne ihn abzunehmen stöberte sie weiter und entdeckte ganz unten einen Brief ohne Umschlag. Sie faltete das Schreiben auseinander und begann zu lesen.

Kurz darauf brachte sie die Kiste zurück an ihren Platz. Dann trat sie an das Bett und betrachtete das im Schlaf so friedlich wirkende Gesicht. »Jetzt weiß ich endlich, wer Meredith Fenworthy ist«, flüsterte sie, griff nach einem Kissen und drückte es fest auf Mund und Nase der schlafenden Frau. Dabei ging ihr wieder und wieder der Inhalt des Briefes durch den Kopf.

 

»Geliebte Schwester,

 

ich danke dir, dass du dich um mein Baby kümmern willst, wenn ich nach Amerika gehe. George Fenworthy würde mich niemals heiraten, wenn er von dem Kind wüsste. Ich werde dir regelmäßig Geld schicken, du weißt ja, dass mein Verlobter vermögend ist. Den Schmuck, den Mutter mir vermacht hat, lasse ich nun dir, damit du ihn an meine Tochter weitergeben kannst, wenn sie alt genug ist.

In Liebe, Meredith.«

 

Endlich nahm Rose das Kissen vom Gesicht der alten Frau. Sie atmete nicht mehr.

»Schluss mit den Lügen, Mutter«, sagte Rose kalt. Dann verließ sie den Raum.

 

 

 

 

Mit einem Koffer, in dem sich neben Kleidung auch der Schmuck, die Briefe und das Geld befanden, stand Rose am Hafen und holte tief Luft. Ein neues, wunderbares Leben lag vor ihr.

Während sie die Gangway zu dem großen Schiff hinaufstieg, betrachtete sie lächelnd den strahlend weißen Schriftzug am Bug des riesigen Schiffes.

Titanic, las sie und lächelte. Was für ein schöner und passender Name.

 

 

 


ENDE