Wie du mir ...


 

Heute blockiert Jonas wieder elend lange das Bad und mich reitet eine kleine Teufelin. Ich werde ihm sein Frühstück versalzen, jawohl!

 Da ist mein großer Bruder schon. Ahnungslos füllt er eine Schüssel mit Cornflakes und Milch. Dann greift er zum Zuckertopf. Ich senke den Kopf, damit mein Grinsen mich nicht verrät. Sekunden später prustet er die salzigen Flakes über den Tisch.

 Während Mama schimpfend Küchentücher holt, lache ich mich schlapp.

 Jonas funkelt mich wütend an. „Das bedeutet Krieg!“  

 „Den du verlierst.“

 Wir erdolchen uns mit Blicken. In einem Film hätte die Pauke nun ihren dramatischen Einsatz. Da-da-daaaaam!!

  

Heute Abend hab ich ein Date mit Paul, einem echt süßen Typen. Ich will gerade gehen, da sehe ich Jonas in der Küche sitzen. Er rollt eine Münze von seiner Stirn bis zum Kinn. Bei dieser albernen Art, die Zeit totzuschlagen, stellt er sich äußerst dämlich an.

 Ich schüttle den Kopf. „Nicht mal sowas kannst du, du bedauernswerter Tropf.“

 Wieder setzt er die schmale Münzkante an seiner Stirn an. „Ich kann das sicher besser als du.“

 Ich lächle amüsiert. „In welchem Universum?“

 Die Münze hat sein Kinn erreicht. Jonas sieht mich provozierend an. „Gut. Beweis mir, dass du schneller bist als ich“, sagte er und hält mir eine zweite Münze hin, die auf dem Tisch gelegen hat.

 „Nein, danke. Das ist mir zu doof.“ Ich nehme meine Handtasche und wende mich ab.

 „Ahnte ich doch, dass du dich nicht traust.“

 Ich kann sein Grinsen regelrecht hören. Der Mistkerl weiß genau, wie er meinen Ehrgeiz weckt.

 Ich drehe mich zu ihm um, sehe sein siegessicheres Gesicht und spüre, wie es in mir zu brodeln beginn. Na warte, Brüderchen …

Dem habe ich es gezeigt!

Zähneknirschend hat mein Bruderherz zugeben müssen, dass ich besser bin im Münze-das-Gesicht-runterrollen-lassen. Gut gelaunt treffe ich wenig später Paul im Billard-Café. Seine Begrüßung ist reserviert und er mustert mich, als hätte ich lauter Warzen im Gesicht. Ähnliche Blicke habe ich auf dem Weg hierher auch schon bemerkt.

 „Ist was?“, frage ich, nun doch leicht beunruhigt.

 „Ist das ein neuer Schmink-Stil oder so?“

 „Wovon redest du?“

 „Na, davon.“ Er fährt sich mit dem Zeigefinger von der Stirn bis zum Kinn.

 Mir schwant Übles. „Entschuldige mich bitte für einen Moment“, sage ich höflich.

 Mit gesenktem Kopf eile ich zu den Waschräumen und sehe in den Spiegel. Quer durch mein schamrotes Gesicht zieht sich eine gut sichtbare Bleistiftspur.

 „Ich verfluche dich, Jonas Köster“, murmele ich hasserfüllt, drehe den Wasserhahn auf und mache mich daran, den hellgrauen Strich aus meinem Gesicht zu entfernen. „Das wirst du noch bereuen.“

  

Am nächsten Morgen werde ich von einem spitzen Schrei geweckt. Mit einem zufriedenen Lächeln drehe ich mich auf die andere Seite.

 Sekunden später kracht meine Tür auf.

 „Pia, du blöde Kuh! Du hast Klarsichtfolie über den Toilettensitz gespannt!“

 Gelassen setze ich mich auf. „Ich hab dich oft genug gewarnt. Du sollst doch nicht im Stehen ...“

 „Ich bin total vollgepinkelt!!“

 So wütend habe ich ihn noch nie erlebt. Mein schallendes Gelächter begleitet ihn bis unter die Dusche.

So fängt ein Tag gut an.

  Als ich am frühen Abend nach Hause komme, sitzt mein Bruder im Wohnzimmer, das Telefon am Ohr.

 „Ja, das stimmt. Wir haben uns wirklich lange nicht mehr gesehen“, sagt er. Dabei klingt er leicht gequält.

 Auf meinen fragenden Blick formen seine Lippen ‚Tante Gertie‘.

 Ich erstarre. Tante Gertie ist schrill und aufdringlich, sie intrigiert und manipuliert. Die Tatsache, dass sie ein paar hundert Kilometer entfernt lebt, hat den Vorteil, dass wir sie nicht sehr häufig sehen. Es bedeutet aber auch, dass sie, wenn sie uns besucht, gleich für mehrere Tage bleibt. Der Haussegen hängt während dieser Besuche noch um einiges schiefer als sonst. Gerties Anwesenheit macht jeden von uns reizbar und hochgradig aggressiv. Es ist ein kleines Wunder, dass noch niemand ermordet wurde.

 „Natürlich freuen wir uns, wenn du mal wieder herkommst“, behauptet Jonas und wirft mir einen ratlosen Blick zu.

 Ich schüttele heftig den Kopf. ‚Wimmle sie ab!!‘, soll das heißen. ‚Wimmle sie um Himmels Willen ab!‘

 „Schon morgen?“ Jonas hebt die Schultern, als wisse er nicht, wie er das Gertie-Grauen abwenden soll. „Klar kannst du wieder bei Pia im Zimmer schlafen. Sie hat sicher nichts dagegen.“

 „Doch“, wimmere ich, den Tränen nahe. „Sie hat was dagegen. Allerhand sogar.“

  „Ja, Hühneraugen sind furchtbar“, sagt er mit verständnisvoller Stimme. „Du musst deine Füße abends mit Salbe einreiben? Dabei hilft dir meine Schwester bestimmt gern, sowas kann sie sehr gut.“

 Ich raufe mir die Haare. „Bist du wahnsinnig?!“, zische ich Jonas zu.

"Und du bleibst eine Woche?“, hakt er nach. 

Entsetzt schnappe ich nach Luft. Dann springe ich wie Rumpelstilzchen um Jonas herum und wedele abwehrend mit den Händen. Eine Woche? Das überstehe ich nicht. Niemals!

 „Ach, diesmal sogar drei Wochen!“

 Mein Herz setzt aus. Bestimmt ist mein Gesicht so weiß wie Büffelmozzarella. Völlig kraftlos lasse ich mich auf einen Stuhl fallen.

 „Ja, bis morgen, Tante Gertie“, verabschiedet sich Jonas. „Tschüs.“

 Ich stehe auf und wanke zur Tür.

 „Wo willst du hin?“, fragt Jonas.

 „Ich ziehe zu Kati.“

 Lieber ertrage ich ein Jahr lang meine quirlige Frühaufsteher-Morgenmensch-Freundin als drei Gertie-Horrorwochen mit Hühneraugen.

 Für die Fluchtvorbereitung verpasse ich sogar meine Lieblingsserie.

Mit hängenden Schultern schleppe ich meine Tasche zur Tür.

 „Übrigens“, feixt Jonas, bevor er die Tür zu seinem Zimmer abschließt. „Heute ist der erste April.“

  

ENDE