NOAH


 

 Die Türen der U-Bahn zischen und puffen, als sie aufgleiten. Anna findet einen freien Platz und lässt sich frustriert darauf nieder. Drückt die flache Hand auf ihren schmerzenden Unterleib und drängt die Tränen zurück.

Schon wieder hat es nicht geklappt. Dabei wäre der Kerl, mit dem sie vor zwei Wochen im Bett war, ein idealer Vater für ihr Kind gewesen. Groß, kräftig, und dumm war er auch nicht. Es hat allerdings gedauert, bis er betrunken genug war, um sie nach Hause zu begleiten.

Anna ist keine Schönheit, das weiß sie. Mit den mausbraunen Haaren, dem nichtssagenden Gesicht und dem kaum vorhandenen Busen ist die Auswahl an potentiellen Samenspendern für sie gering. Sie muss nehmen, was sie kriegen kann. Hohe Ansprüche stellt sie längst nicht mehr, sie will nur endlich ein Baby. Damit sie nicht mehr so einsam ist und jemanden hat, um den sie sich kümmern kann.

Der zu ihr gehört.

Die nächste Haltestelle wird angekündigt. Wenig später hält die Bahn, die Tür öffnet sich und eine junge Mutter schiebt ihren todschicken Kinderwagen herein. Anna presst die Lippen zusammen und beobachtet die Frau. Die setzt sich auf einen frei gewordenen Platz, zieht ihr Handy heraus und beginnt zu telefonieren, während sie mit der anderen Hand den Kinderwagen hält und leicht wippen lässt. Das Baby beginnt zu quengeln, wenig später wird daraus ein wütendes Gebrüll. Die Mutter beendet das Gespräch, steckt ihr Telefon weg und hebt das Kind heraus.

Es ist noch klein, vielleicht zwei oder drei Wochen alt. Unter dem Mützchen lugen dunkle Haare hervor und obwohl das Baby schreit weiß Anna, dass es ein hübsches Gesichtchen hat. Die Mutter redet beruhigend auf das Kleine ein und öffnet nebenbei ihre Bluse. Kaum hat sie ihr Kind angelegt, endet das Gebrüll abrupt.

Fasziniert beobachtet Anna die Szene. Das Baby trägt blaue Kleidung, es ist also ein Junge. Seine kleine Hand hat den Finger der Mutter gepackt.

Annas Haltestelle naht, doch sie bleibt wie unter einem Zwang sitzen. Kann sich von diesem Anblick nicht lösen.

Als der Kleine satt ist, legt seine Mutter ihn wieder hin. Die nächste Station wird durchgegeben. Die Frau steht auf, eine Hand am Griff des Kinderwagens. Anna steht ebenfalls auf. Folgt Mutter und Sohn, auf den Bahnsteig, die Rolltreppe hinauf und in den warmen Frühlingsnachmittag. Sie weiß selbst nicht genau, wieso sie das tut. Da ist ein Gedanke in ihrem Hinterkopf, kaum fassbar, aber so dominant, dass sie einfach handelt. Ohne nachzudenken.

Ein Straßencafè. Die Frau winkt jemandem zu, begrüßt eine Blondine mit rotgefasster Brille. Setzt sich zu ihr an den Tisch.

Der Kinderwagen steht neben ihr.

Anna zögert. Der Nebentisch ist frei. Sie hat nicht viel Geld, aber so teuer wird eine Tasse Kaffee nicht sein. Sie sucht sich den Stuhl nah am Kinderwagen aus. Hineinsehen kann sie leider nicht, ohne dass es auffällt. Und sie will keine Aufmerksamkeit erregen.

Die beiden Frauen schwatzen und lachen vergnügt. Annas Kaffee wird serviert. Sie nippt daran und lässt den Kinderwagen nicht aus den Augen. Das Kind ist ruhig, vermutlich ist es satt und zufrieden eingeschlafen.

Als Anna ihren Kaffee ausgetrunken hat, steht die Mutter plötzlich auf und verschwindet im Lokal.

Annas Herz schlägt plötzlich schneller. Ihr Blick fällt auf die blonde Frau mit der roten Brille. Die wischt auf ihrem Smartphone herum und bekommt offenbar nicht mit, was links und rechts von ihr geschieht. Anna legt mit zitternden Fingern zwei Euro auf den Tisch, sieht sich verstohlen um. Niemand achtet auf sie. Die Geräusche um sie herum verschwimmen zu einem Rauschen.

Noch einmal schaut sie zu der Blondine, doch die hat nur ihr Smartphone im Blick.

Anna steht auf. Ihre Hände legen sich um den Griff des Wagens. Warmes Plastik. Sie atmet tief ein und aus. Ihr Herz droht ihren Brustkorb zu sprengen. Unauffällig geht sie los. Mit dem Wagen. Mit dem Baby. Es schläft tatsächlich. Die kleinen Ärmchen liegen rechts und links vom Kopf.

Sie geht schneller. Richtung U-Bahn.

Ein Mann ist Anna bei der Treppe behilflich. Sie bedankt sich mit heißen Wangen als sie unten ankommt. Schiebt das Kind zum Bahnsteig. Niemand hält sie auf, kein Mensch mustert sie misstrauisch, niemand spricht sie an.

Sie steigt ein. Setzt sich und hält dabei den Wagen mit einer Hand fest.

In der U-Bahn sieht sie sich unaufhörlich um, erwartet, dass jemand mit wütendem Blick auf sie zukommt oder mit ausgestrecktem Arm anklagend auf sie weist. Doch nichts geschieht.

Was wohl gerade im Café los ist? Die Mutter wird inzwischen gemerkt haben, dass ihr Baby fort ist. Sie wird aufgelöst sein, wütend auf ihre unaufmerksame Freundin, voller Angst um ihr Kind.

Aber sie muss sich keine Sorgen machen, dem Baby geht es gut. Anna würde nicht zulassen, dass ihm etwas geschieht.

Sie zieht die Wickeltasche hervor, die unter dem Wagen liegt. Darin sind einige Windeln, Feuchttücher, Wechselkleidung, Creme, Puder und zwei Schnuller. Keine Babynahrung, da es ja gestillt wird. Anna muss etwas besorgen.

Schließlich hat sie ihre Station erreicht. Sie eilt nach Hause, in den Wohnblock, in dem man seine Nachbarn nur vom Sehen kennt. Sie hat das oft bedauert, doch nun ist sie froh darüber. Keine Seele wird sich wundern oder Fragen stellen.

Im leeren Aufzug beruhigt sich ihr Puls langsam. Sie sieht in den Wagen. Das Baby ist bezaubernd. Anna lächelt zärtlich auf das kleine Wesen hinab.

Als die Wohnungstür hinter ihr ins Schloss fällt, atmet sie auf. Schließt die Augen und lehnt erschöpft aber glücklich den Kopf gegen die Tür.

Sie hat endlich ein Kind.  

Lächelnd schiebt sie den Wagen durch den Flur, öffnet eine Zimmertür. Es riecht ein wenig muffig, sie muss mal wieder lüften.

Der Raum ist in gelb und hellgrau gehalten, das ist neutral. Auf einem Regal sitzen einige Plüschtiere. Eines davon ist eine Spieluhr, die ‚Guten Abend, gut‘ Nacht‘ erklingen lässt, wenn man an dem Bändchen zieht. Das Kinderbett hatte mal jemand vor dem Haus abgestellt, für den Sperrmüll. Dabei ist es noch gut erhalten. Anna hat es am späten Abend in ihre Wohnung gebracht, als sie sicher sein konnte, dass ihr kaum jemand begegnen würde. Anschließend hat sie es liebevoll restauriert. Als Wickelkommode muss das alte Garderobenschränkchen herhalten. Anna hat es mit zwei gefundenen und gewaschenen Gartenstuhlauflagen gepolstert und ein großes grünes Frotteehandtuch darübergelegt.

Ihre Hände greifen in den Kinderwagen, schieben sich unter den kleinen Körper des schlafenden Babys. Wie leicht es sich anfühlt! Wie zerbrechlich. Der Kopf sackt nach hinten, als sie den kleinen Jungen anhebt. Ihre Hand fährt stützend nach oben. Dann nimmt sie das Baby auf den Arm, bettet das Köpfchen zwischen ihrer Schulter und der Wange.

Verträumt und mit geschlossenen Augen atmet sie den Duft ein.  Streichelt die kleine weiche Babyhand und summt dabei leise ein Kinderlied.

Es fällt ihr schwer, sich loszureißen, doch sie muss Babynahrung kaufen. Seufzend legt sie den Kleinen in das Kinderbettchen. Deckt ihn mit einer leichten Decke zu. Wie gut, dass er noch so müde ist. Sie schnappt sich ihr Portemonnaie und verlässt die Wohnung.

Die Sachen sind viel teurer, als sie gedacht hat. Ein Trinkfläschchen, eine Packung Windeln, das Milchpulver … Ratlos steht sie vor dem Regal, es gibt so viele Sorten. Ob das Kind allergisch ist? Sicherheitshalber nimmt sie eine entsprechende Packung, erschrickt über den Preis und fragt sich, wie sie sich das auf Dauer leisten soll. Aber irgendwie wird es schon gehen. Sie muss eben an anderer Stelle sparen, obwohl sie sich ohnehin nicht viel gönnt.

Auf dem Rückweg überlegt sie, wie sie den Kleinen nennen soll. Jonah vielleicht. Oder Daniel. Noah klingt auch sehr schön.

Als sie aus dem Fahrstuhl tritt, hört sie ihn schreien. Panisch sucht sie ihren Schlüssel, braucht eine Ewigkeit, um ihn ins Schloss zu manövrieren. Endlich! Sie lässt die Einkäufe im Flur fallen, stürmt zum Baby. Sein Gesichtchen ist krebsrot angelaufen und die Wangen sind nassgeweint. Er strampelt mit den kleinen Beinchen und brüllt seine Wut hinaus.

Anna hat ein schlechtes Gewissen. „Entschuldige, ich lass dich bestimmt nicht mehr allein. Nie mehr!“, verspricht sie und hebt ihren Sohn heraus. Aus seinem Windelbereich kommt ein strenger Geruch. Anna rümpft die Nase und legt Noah – ja, so soll er heißen, beschließt sie – auf der Wickelkommode ab. Beginnt ihn auszuziehen.

Als sie die Windel öffnet, kann sie nur mühsam ein Würgen unterdrücken. Noah liegt in einer grünbraunen Masse. Verflixt, die Feuchttücher! Sie sind noch in der Wickeltasche beim Kinderwagen.

„Schön liegenbleiben, Noahlein, hörst du?“, säuselt sie und geht rückwärts zur Tür. Lässt ihn nicht aus den Augen. Er schreit noch immer und zerrt damit an Annas Nerven. So schnell sie kann hetzt sie zum Kinderwagen, zerrt die Wickeltasche hervor und wühlt nach den Feuchttüchern. In ihrem Rücken das wütende Gebrüll von Noah. Sie schwitzt, bekommt endlich die Packung mit den Tüchern zu fassen, schnappt sich auch noch die drei vorhandenen Windeln und eilt zurück. Sie atmet durch den Mund, während sie sich an die Arbeit macht. Wohin mit den schmutzigen Tüchern? An einen Mülleimer hat sie gar nicht gedacht. Kurzerhand öffnet sie eine Schublade des Wickelschränkchens und stopft sie mit spitzen Fingern hinein.

Erschöpft und erleichtert zugleich legt sie den sauberen und frisch gewickelten Noah zurück in sein Bettchen, doch zufrieden ist er noch immer nicht. Vermisst er seine Mutter? Nein, er ist noch viel zu klein, um zu wissen, wer seine echte Mutter ist. Er wird sich schon an Anna gewöhnen, da ist sie sicher. Aber warum hört er nicht auf zu weinen? Ob er wieder Hunger hat? Sie eilt in die Küche und studiert fieberhaft die Gebrauchsanweisung auf der Packung mit dem Milchpulver. Abgekochtes Wasser hat sie nicht. Das dauert auch viel zu lang. Es wird ohne gehen müssen.

„Jetzt sei doch endlich still!“, schimpft sie, während ihre zitternden Hände versuchen, die richtige Menge Wasser mit der richtigen Menge Pulver zu vermengen.

Endlich ist warme fertige Milch in dem Fläschchen. Anna atmet auf, holt Noah und geht mit ihm ins Wohnzimmer. Während er gierig trinkt, schaltet sie den Fernseher ein. Dort wird über einen Fall von Kindesentführung in ihrer Stadt berichtet. Noahs heulende Mutter ist zu sehen. Das Aussehen des Kinderwagens wird beschrieben, auch die Kleidung des Babys.

Anna wendet den Blick vom Bildschirm ab und lächelt Noah an, der sie mit großen Augen ansieht und zufrieden trinkt. „Wir zwei werden sehr glücklich sein, nicht wahr?“, flüstert Anna und stellt die leere Flasche auf den Couchtisch. „Deine Mutter kriegt bestimmt bald ein neues Kind und alle sind zufrieden.“

Noah öffnet den Mund und spuckt einen Teil seiner Mahlzeit wieder aus.

 

Die Nacht ist anstrengend. Dreimal wird Anna von Noahs Gebrüll geweckt. Schlaftrunken bereitet sie ihm ein Fläschchen oder wechselt seine Windel. Während des Tages versucht sie, immer dann, wenn Noah schläft, selbst die Augen zu schließen, doch er scheint stets genau dann aufzuwachen, wenn sie gerade fest eingeschlafen ist. Sie würde gern mit ihm spazieren gehen, traut sich jedoch nicht. Jemand könnte den Kinderwagen erkennen. Es wäre ein Albtraum, wenn man ihr Noah wieder wegnimmt.

 

Die nächste Nacht ist eine Wiederholung der vorherigen. Am Morgen ruft das Arbeitsamt an. Anna soll sich bei einer Reinigungsfirma vorstellen, sonst wird ihr die Unterstützung gestrichen.

„Ich hab ein Baby!“, ruft sie übermüdet in den Hörer. „Wie soll ich da ganztags arbeiten?“

Ihr sei von einer Schwangerschaft nichts bekannt gewesen, sagt die Dame am anderen Ende verwundert und fordert Anna auf, umgehend die Geburtsurkunde nachzureichen.

Am Ende ihrer Kräfte kauert Anna auf ihrem Bett, wiegt Noah in ihren Armen und weint still vor sich hin.

 

Es ist stockdunkel, als sie mit Noah im Kinderwagen aus dem Haus tritt. Die frische Luft tut ihr gut. Keine Entscheidung ist ihr jemals so schwergefallen, doch sie sieht keine andere Möglichkeit. Mit Noah kann sie nicht arbeiten, ohne Arbeit kann sie sich das Kind nicht leisten.

Seine Eltern leben in einem hübschen Bungalow in einer baumbestandenen Straße. Auf einem Schildchen an der Wickeltasche stand die Adresse. Anna sieht sich um. Alle anderen Häuser sind dunkel, doch in Noahs Elternhaus brennt noch Licht. Langsam nähert sich Anna der Tür. Hebt Noah aus dem Wagen und drückt ihn an sich. Küsst die zarte Haut seiner Wange.

„Es tut mir leid, mein Engel“, flüstert sie mit tränenerstickter Stimme. „So leid. Leb wohl.“

Dann legt sie ihn zurück, deckt ihn sorgfältig zu, drückt auf die Klingel und läuft davon. 

Morgen Abend wird sie wieder ausgehen. Vielleicht trifft sie dann endlich den Mann, der ihr ihren eigenen Noah schenkt.

 

ENDE