Mitten ins Herz


 

Das Bimmeln der Kirchenglocken draußen vermischt sich mit Schritten und Gemurmel im Inneren. Mein Chef und ich rutschen in eine noch nicht vollbesetzte Bank. Wir, also Herr Beck und ich, sind die einzigen aus der Firma, die zu Heikes Hochzeit eingeladen sind. Sie ist seine Assistentin, seine rechte Hand. Ich bin für die Buchhaltung zuständig. Die anderen Angestellten von ‚Becks Catering‘ sehen wir selten, da sie nicht wie wir im Büro arbeiten, sondern als Köche, Kellner oder Barkeeper tätig sind.

Der Altarraum sieht schön aus, stelle ich fest. Kerzen tauchen ihn in warmes Licht und die Bodenvasen mit weißer Calla verleihen ihm festliche Eleganz.

Als alle sitzen erklingt der Hochzeitsmarsch aus dem Sommernachtstraum. Vor dem Altar steht der Bräutigam und lächelt nervös.

Die Tür der Kirche öffnet sich. Wir wenden die Köpfe und sehen Heike am Arm ihres Vaters hereinkommen. Ich habe sie noch nie so glücklich gesehen. Seit Monaten fiebert sie diesem Tag – ihrer Traumhochzeit – entgegen.

»Sie sieht richtig hübsch aus«, stellt Herr Beck verwundert fest. Es stimmt. Ihr sonst recht dünnes, hellbraunes Haar ist aufgesteckt und wirkt viel voller als sonst. Das Make-up verleiht ihr einen frischen Teint und lässt ihre blassblauen Augen leuchten. In Ihrem Brautkleid sieht sie fast wie eine Prinzessin aus.

Ich freue mich für sie. Sie war fest davon überzeugt, als Mauerblümchen zu enden. Dann lernte sie Frank kennen und plötzlich ging alles ganz schnell. Die zwei zogen innerhalb eines Jahres zusammen, verlobten sich – und nun stehen sie hier, lächeln sich verliebt an und geben sich das Jawort. Ich seufze gerührt. Jetzt muss sich nur noch Heikes größter Wunsch erfüllen. Sie sehnt sich nach einem Baby. Da sie bereits 37 ist, hat sie es eilig, die Familienplanung anzugehen.

Beim ‚Ave Maria‘, von einer Solistin vorgetragen, sprießt Gänsehaut auf meinen Armen. Was für eine schöne Trauung.

»Weiß Heike schon, was Sie ihr zur Hochzeit schenken?«, frage ich Herrn Beck leise, als das frisch gebackene Ehepaar selig lächelnd an uns vorbei zum Ausgang schreitet.

Er schüttelt den Kopf und zwinkert mir zu. »Sie hat keine Ahnung. Aber ich werde es verraten, wenn ich ihr und Frank gratuliere.«

Vor der Kirche nehmen die Brautleute dankbar die Glückwünsche entgegen. Ich sehe, wie der Chef Heike etwas zuflüstert und als sie ihn daraufhin ungestüm umarmt weiß ich, dass er die Katze aus dem Sack gelassen hat. Statt ihr nur einen großzügigen Rabatt für das Catering einzuräumen, spendiert unser Big Boss sämtliche Speisen und Getränke für diesen Tag.

 

Während des Essens sitzen Herr Beck und ich an einem Tisch mit drei Pärchen. Freunde und Nachbarn des Paares. Nette Leute, wir haben viel Spaß.

Das Steak war vorzüglich. Pappsatt lege ich das Besteck auf den Teller, lehne mich zurück und schaue mich um. Unser Personal ist wie üblich unaufdringlich und aufmerksam. Zügig werden die leeren Teller abgeräumt.

»Haben wir schon wieder einen neuen Kellner?«, frage ich verwundert, als mein Blick auf einen schmalen jungen Mann mit ernster, beinahe finsterer Miene fällt.

»Der Sohn einer Bekannten«, erklärt mein Chef. »Sie sucht händeringend eine Perspektive für ihn und hofft, dass es ihm bei uns gefällt. Er jobbt heute nur zur Probe, für ein Taschengeld.«

Na, ob das was wird? Er sieht nicht aus, als ob er Spaß an der Arbeit hätte.

Nachdem auch das Dessert – köstliche Eistorte – verputzt ist und der Alkohol zu fließen beginnt, wird die Stimmung ausgelassen. Der DJ bittet das Brautpaar auf die Tanzfläche und die Gäste bilden einen klatschenden Kreis, während Heike und Frank zu Marianne Rosenbergs Kult-Hit ‚Er gehört zu mir‘ tanzen.

Bald ist das Parkett gut gefüllt. Ich betrachte das Gewimmel und sehe, dass Heike nun mit ihrem Vater tanzt.

»Na, Maria, was meinen Sie? Wollen wir es auch einmal versuchen?«, fragt mein Chef.

Ich lächle ihn an. »Warum nicht? Gern.«

Er versteht es, zu führen. So macht Tanzen Spaß. Ich schwebe in seinen Armen dahin, als plötzlich ein gellender Schrei das Blut in meinen Adern gefrieren lässt. Die Musik bricht ab und alle schauen sich irritiert um. Was ist passiert?

Heike kommt aus der Richtung der Waschräume gerannt. Ihr Gesicht ist das pure Entsetzen. Augen und Mund sind weit aufgerissen, Hände und Brautkleid mit Blut besudelt.

In den nächsten Minuten herrscht totales Chaos. Schließlich erfahre ich, was passiert ist. Jemand hat Frank niedergestochen. Im Herren-Waschraum. »Mitten ins Herz«, weiß Heikes Nachbarin, die neben mir sitzt.

Mein Gott, denke ich erschüttert und fühle mich wie versteinert. Die arme Heike!

Schon nach kurzer Zeit strömen Polizisten in den Festsaal, alles wird untersucht, sämtliche Gäste müssen vernommen werden. Ein Beamter bittet mich, meine Handtasche zu öffnen. Ich erfahre, dass nach der Mordwaffe gesucht wird.

Wenig später beobachte ich, wie der Nachbar, der bei uns am Tisch gesessen hat, nach draußen geführt wird. Er wirkt völlig verstört. Alle Gäste sehen ihm nach, es wird getuschelt und geflüstert. Angeblich wurde ein blutiges Steakmesser in dem Jackett gefunden, das über seiner Stuhllehne hing.

Heike sitzt teilnahmslos auf einem Stuhl, die Familie um sich herum, die auf sie einredet. Sie tut mir unendlich leid.

Obwohl der Täter ja rasch gefunden wurde, bittet ein Kommissar jeden von uns zum Gespräch. Schließlich bin auch ich dran.

»Wozu noch ein Verhör, wenn der Täter schon feststeht?«, frage ich ihn verwundert.  

»Der Verdächtige streitet die Tat vehement ab«, erklärt der Kommissar, ein kompakter Mann mit Brille und Kinngrübchen. Er sieht nett aus. Und müde. Es ist ja auch schon spät.

»Aber die Mordwaffe wurde bei ihm gefunden?«, hake ich nach.

»Ja. In seinem Jackett, in der rechten Tasche.« Er zögert. »Und genau das macht mich stutzig.«

»Wieso?«

»Der Mann ist Linkshänder. Aber von jetzt an stelle ich die Fragen, einverstanden?«

Er erkundigt sich nach meinem Verhältnis zu Heike und Frank.

»Heike und ich arbeiten seit zwölf Jahren zusammen«, berichte ich. »Mit der Zeit sind wir Freundinnen geworden. Sie managt den Laden, der Chef verlässt sich voll auf sie.«     

»Soso. Waren Sie heute Abend die ganze Zeit mit ihm zusammen?«

Ich stutze. »Mit Herrn Beck? Eigentlich schon.«

Ich muss an eine Szene von vor zwei Wochen denken. Heike erzählte mir gerade von ihrem Babywunsch, als der Chef zur Tür hereinkam. Ihm hat sie nie davon erzählt. Wenn er aber unser Gespräch belauscht hat, weiß er, dass Heike im Fall einer Schwangerschaft für lange Zeit ausfallen würde. Und das dürfte ihm gar nicht gefallen. Er ist hilflos ohne sie und kriegt bereits Zustände, wenn sie Urlaub hat.

Da war noch was. Vorgestern hat er mich gebeten, 25.000 Euro vom Geschäftskonto auf sein privates zu überweisen. Natürlich kommt so etwas vor, doch dann erzählt er mir immer, wofür das Geld ist, für ein neues Auto oder so. Diesmal jedoch – nichts. Auch, dass er mich nicht über die Aushilfe informierte, ist ungewöhnlich.

Der Kommissar mustert mich. »Alles in Ordnung?«

Ich nicke zerstreut und er lässt mich allein.

Nachdenklich gehe ich zu unseren Mitarbeitern. Sie verpacken gerade das gesäuberte Geschirr. Zwei weitere kümmern sich um die Bar. Nur einer fehlt: der mürrische Aushilfskellner. Wo steckt der Kerl? Und wo ist der Chef? Im Festsaal kann ich ihn nicht finden, also beschließe ich, draußen nachzusehen.

Hier ist es ruhig und kühle Luft schlägt mir entgegen. Der Porsche des Chefs steht noch auf dem Parkplatz. Ich blinzele. Sitzt jemand darin? Tatsächlich kann ich schemenhaft zwei Köpfe sehen.

Die Beifahrertür geht auf. Im Licht, das nun aus dem Wagen kommt, erkenne ich den Aushilfskellner. Während er einen dicken weißen Umschlag in sein Jackett schiebt, sieht er sich aufmerksam um.

Rasch verberge ich mich hinter einem BMW.

Ich höre die Wagentür des Porsche zufallen und eilige Schritte, die sich entfernen.

In meinen Ohren rauscht es. Noch immer hinter dem BMW hockend versuche ich zu begreifen, was das alles bedeutet.

»Maria? Was machen Sie denn hier? Spionieren Sie mir etwa nach?«

Erschrocken sehe ich hoch. Vor mir steht mein Chef und sieht wütend auf mich herab. Ich habe ihn gar nicht kommen hören.

Bestürzt und mit weichen Knien richte ich mich auf. »Sie wollten verhindern, dass Heike eine Familie gründet, nicht wahr?« 

Er runzelt die Stirn. »Sagen wir mal, der Gedanke gefiel mir nicht. Eine so gute Assistentin finde ich nie wieder.«

Dass er den Mordauftrag so unumwunden zugibt, schockt mich fast genauso wie die Tat selbst.

»Also heuerten Sie diesen Killer-Kellner an, der problemlos an das Steakmesser des Nachbarn kam und es nach der Tat in dessen Tasche steckte, um den Verdacht auf ihn zu lenken.«

»Gut kombiniert, Miss Marple.« Bedrohlich langsam kommt Herr Beck auf mich zu.

Ich weiche zurück, stoße aber gegen den BMW. Als ich um Hilfe schreien will, sind plötzlich sind die Hände des Chefs an meinem Hals. Drücken zu. Vergeblich versuche ich, Luft zu holen. Kralle meine Finger um seine Handgelenke, doch er ist zu stark für mich. Mein Herz rast in Todesangst.

Irgendetwas klickt vernehmlich. Dann eine Stimme. »Lassen Sie sie los!«

Herr Beck gehorcht zögernd. Ich schnappe nach Luft und fasse mir keuchend an die Kehle.

»Sind Sie in Ordnung?« Der Kommissar steht hinter uns, die Mündung seiner Pistole zeigt auf meinen Chef.

»Es geht schon«, krächze ich. »Woher wussten Sie …?«

»Bei unserem Gespräch merkte ich, dass Sie beunruhigt waren. Da bin ich Ihnen gefolgt«, erklärt er und übergibt Herrn Beck mit kurzer Anweisung an zwei Beamte.

Wir sehen den dreien nach. »Mir tut meine Kollegin so leid«, murmele ich. »Dies sollte der schönste Tag ihres Lebens werden, doch nun hat sie nicht nur ihren Mann, sondern wohl auch noch den Job verloren.« Ich räuspere mich. Mein Hals fühlt sich an, als hätte ich Reißnägel geschluckt.

»Ja, das ist bitter«, stimmt der Kommissar zu. Dann sieht er auf die Uhr. »Das wird vermutlich eine lange Nacht, ich könnte einen Kaffee vertragen. Leisten Sie mir Gesellschaft? Dabei können Sie mir alles genau erzählen.«

»Gut«, stimme ich zu. Sein Lächeln gefällt mir. »Doch wenn es Ihnen Recht ist, hätte ich statt eines Kaffees lieber einen doppelten Whisky auf Eis.«

 

ENDE