Eis mit heißen Kirschen


 

Maja verrückte das im Kerzenlicht funkelnde Tafelsilber um zwei Zentimeter nach rechts, ordnete Servietten und Gläser noch ein wenig perfekter und trat mit kritischem Blick auf den festlich gedeckten Tisch einen Schritt zurück. Doch, sie war zufrieden.

 Da klingelte es auch schon. Beim Weg zur Tür strich sie kontrollierend über ihr Kleid, wie schon mehrfach an diesem Abend. Sie war nervös.

Wer wäre das nicht an ihrer Stelle. Ihre Hand zitterte, als sie die Klinke nach unten drückte.
Da stand er, gutaussehend und gepflegt wie immer.
„Hallo, komm rein“, sagte sie lächelnd. „Das Essen ist gleich fertig.“
Er hängte seine Jacke an die Garderobe. Wirkte ernst. „Es war nicht nötig, dass du kochst.“
„Das hab ich gern getan“, versicherte sie. „Hoffentlich hast du Hunger. Es gibt Bandnudeln mit Lachs und Erbsen. Geh schon durch, ich hole den Wein.“
Ihre Hände zitterten, als sie mit dem Korkenzieher hantierte. Es war so wichtig, dass dieser Abend so verlief, wie sie es sich erhoffte. Lebenswichtig.
Der Korken flutschte aus dem Flaschenhals. Maja atmete tief durch und ging ins Wohnzimmer. Er saß da, wo er immer gesessen hatte, und sah ihr entgegen. Ohne Lächeln. Ein schlechtes Zeichen?
Mit einem harmonischen Gluck-Gluck-Gluck fand der Wein den Weg in sein Glas. Wenig später hob sie ihres hoch, um mit ihm anzustoßen. Er zögerte sichtlich, doch dann gab er sich einen Ruck. Ein feines Pling durchbrach die Stille, sie tranken. Als er sein Glas absetzte, musterte er sie. Neugierig, forschend, ein wenig ungeduldig. All das konnte sie seinen Gesichtszügen entnehmen. Oh, wie gut sie ihn kannte!
„Ich hole jetzt das Essen“, sagte sie und stand auf. „Bin gleich zurück.“
In der Küche füllte sie mit vor Aufregung rasendem Herzschlag dampfende Fettucini auf die angewärmten Pasta-Teller. Dazu kam die orangefarbene Sauce mit den köstlichen Lachsstückchen und den Erbsen. Zur Deko erhielt jeder Teller ein frisches Basilikumblatt. Sie wusste, dass er dieses Essen liebte.
Sein zur Schau getragenes Misstrauen minderte nicht seinen Appetit. Mit offensichtlichem Genuss verschlang er die Nudeln und den Lachs, rollte sogar verzückt mit den Augen und versicherte ihr, dass dies seine beste Mahlzeit seit Tagen sei. Sie lächelte selig. Teil eins ihres Plans war aufgegangen. Nun war es Zeit für Teil zwei.
Er kam ihr jedoch zuvor.
„Ich danke dir für die Einladung und das köstliche Essen, es würde mich aber interessieren, warum du mich hergebeten hast.“ Mit einem abwartenden Blick griff er zu seinem Glas und trank, ohne sie aus den Augen zu lassen.
„Ich wollte dich daran erinnern, wie schön wir es zusammen hatten“, sagte sie, nachdem sie den Kloß in ihrem Hals mit einem Schluck Wein hinuntergespült hatte. Leise fügte sie hinzu: „Ich liebe dich immer noch, Erik. Es muss doch eine Möglichkeit geben …“
„Sowas habe ich mir schon gedacht“, unterbrach er sie seufzend und schüttelte den Kopf. „Es hat keinen Zweck, Maja. Ich liebe Viktoria. Das, was zwischen uns beiden war, ist ein für alle Mal vorbei.“
Ihr wurde kalt. Wie konnte er so hart, so gefühllos sein? „Ist das dein letztes Wort?“, fragte sie und suchte in seinen Augen ein Zeichen dafür, dass er sie nur hatte auf den Arm nehmen wollen.
Gleich würde er lachen, sie in seine Arme ziehen und sagen, dass niemand ihm wichtiger war als sie.
Stattdessen sah er betreten zur Seite. „Es tut mir leid, aber …“
Sie stand schweigend auf und ergriff die beiden leeren Teller.
„Ich gehe dann wohl besser“, rief er hinter ihr her, als sie mit weichen Knien zur Küche ging. Sie hörte, dass er seinen Stuhl zurückschob und drehte sich um. „Bleib, ich habe noch Dessert für uns. Vanilleeis mit heißen Kirschen. Das magst du doch so gern.“ Sie zwang sich zu einem Lächeln. „Bitte, tu mir diesen letzten Gefallen und lass nicht zu, dass ich alles allein aufesse.“
Sie konnte sehen, dass er mit sich kämpfte. Dass es ihn von ihr fortzog. Nur sein schlechtes Gewissen war der Grund dafür, dass er sich wieder setzte. „Also gut.“
„Ich danke dir!“
Sie verschwand in der Küche und holte das köstliche Bourbon-Vanilleis aus dem Tiefkühlfach. Auf dem Herd standen zwei kleine Töpfe. Sie warf einen Blick hinein und lächelte zufrieden. Mit dem bloßen Auge war kein Unterschied feststellbar.
Als sie seine Portion vor ihm abstellte, lächelte sie ihm zu. Er schnalzte mit der Zunge. „Ist das mein Lieblings-Eis?“
„Aber natürlich.“
„Wunderbar!“ Er griff zu seinem Löffel. „Hast du noch diese tolle Kaffeemaschine?“
„Es ist erst zwei Wochen her, seit du mich … seitdem du ausgezogen bist“, erwiderte sie mit gerunzelter Stirn. „Natürlich habe ich sie noch.“
Bittend sah er sie an. „Könnte ich einen Cappuccino haben? Der wäre perfekt zu diesem Dessert.“
Sie verkniff sich ein Seufzen und stand abermals auf. „Also schön.“ Sie wies auf das Eis. „Fang an, bevor es schmilzt.“
Er nickte ihr dankbar zu.

Kurze Zeit später brachte sie ihm eine Tasse mit heißem Cappuccino. Auf den Milchschaum hatte sie etwas Kakaopulver rieseln lassen.
Sie warf einen Blick in seine Eis-Schale, während sie sich setzte. Eine halbe Portion hatte er bereits vertilgt. Nun fing auch sie an zu essen. Beobachtete ihn. Er schaufelte genüsslich Eis und Kirschen in sich hinein und trank zwischendurch von dem Cappuccino. Noch schien es ihm gut zu gehen.
Ihr Mund fühlte sich seltsam trocken an. Sie griff nach ihrem Weinglas und trank einen großen Schluck. Warum war ihr auf einmal so heiß? Vermutlich wegen der Aufregung. Ihr Herz raste, als sie sich einen weiteren Löffel Eis mit Kirschen in den Mund schob.
Erik war bereits fertig, tupfte sich den Mund mit der Serviette ab, lehnte sich zurück und verschränkte die Arme. Betrachtete sie. Der Ausdruck auf seinem Gesicht gefiel ihr nicht.
Ihr wurde immer heißer, ihr Herz galoppierte. Sie blinzelte, weil alles so merkwürdig verschwommen aussah. Das Atmen wurde zur Anstrengung.

Und mit einem Mal wusste sie Bescheid. Sie spürte, dass sich Schweiß auf ihrer Stirn bildete. „Erik, du … du hast die Teller vertauscht?“

Er hob die Achseln. „Es war nur so ein Gefühl“, erklärte er. „Du bist erstaunlich ruhig geblieben, als ich dir sagte, dass es vorbei ist. Ich hatte erwartet, dass du mir eine Szene machst, ich kenne dich schließlich gut genug.“
Ihr fiel der Löffel aus der schwach gewordenen Hand. „Und da hast du …?“ Ihre Stimme ging in ein Krächzen über. Sie griff sich ans Herz.
„Ja. Sicher ist sicher, hab ich mir gedacht.“ Er stand auf. „Sind es Tollkirschen?“
Sie nickte schwach. „Ruf einen … Krankenwagen“, flehte sie.
Er nahm ihre saubere Serviette und begann, alles, was er berührt hatte, gründlich abzuwischen. Dabei musterte er sie kalt. „Nein, ich denke nicht.“

 

  

ENDE