Superheld mit Defiziten - Teil 1


Matthew sah auf, als sich die Tür zum Behandlungszimmer öffnete. Ein distinguiert wirkender Mann mit grauem Schnauzer und gütigen Augen stand im Rahmen. »Mr. Barker?«, fragte er.
Matthew nickte.
Der Mann machte eine einladende Geste. »Ich bin Dr. Seagle. Kommen Sie bitte herein.«
Matthew folgte der Aufforderung und sah sich um. Ein großer, geschmackvoller Raum mit Ledermöbeln und einem wuchtigen dunklen Schreibtisch empfing ihn.
»Soll ich mich auf die Couch legen?«, fragte er unsicher.
»Machen Sie es sich bequem, wo immer Sie sich am wohlsten fühlen.«
Matthew zögerte, dann ging er auf die Lederliege zu. Er setzte sich darauf, hüpfte einige Male prüfend auf und ab und legte sich schließlich hin.
»Sehr bequem«, lobte er.
»Ja, ich weiß.« Dr. Seagle lächelte und nahm auf einem Sessel am Fußende der Couch Platz. Von dem Tisch daneben nahm er Kugelschreiber und Notizbuch zur Hand. »Warum sind Sie zu mir gekommen, Mr. Barker?«
Matthew antwortete erst nach kurzem Zögern. »Haben Sie schon einmal von Rescueman gehört, Doktor?«
»Aber ja, natürlich! Ich bewundere ihn schon seit Jahren. Erst letzte Woche hat er ein abstürzendes Flugzeug aufgefangen und damit Hunderte von Leben gerettet, hörte ich. Er ist ein großartiger Mann, wie ich finde, und ein Segen für unsere Stadt. Warum fragen Sie?«
Matthew Barker zögerte, dann holte er tief Luft und stieß hervor: »Das bin ich. Ich bin Rescueman.«
Die Augenbrauen des Psychiaters hoben sich überrascht. Er ließ ein leises Räuspern hören und setzte sich aufrechter hin. »Aha. Das ist interessant. Seit wann sind Sie dieser Superheld?«
»Seit zwölf Jahren. Es fing an meinem zwanzigsten Geburtstag an. Sie können sich sicher vorstellen, wie überrascht ich war. Und stolz. Dennoch habe ich bisher niemandem davon erzählt. Nur meine Mutter wusste Bescheid, doch sie ist vor einigen Monaten verstorben.«
»Das tut mir leid.«
»Danke.«
»Erzählen Sie mir mehr, Mr. Barker.«
Matthew sah zur Decke hinauf. »Wissen Sie, im normalen Leben schreibe ich Superhelden-Comics. Wenn allerdings jemand in Gefahr ist, verwandle ich mich selbst in einen Superhelden. Dann wird mein Körper zu einer Ansammlung von Muskeln, mein Gesicht, das - wie Sie zweifellos bemerkt haben - eher durchschnittlich ist, wird attraktiv und maskulin. Außerdem kann ich fliegen, habe Superkräfte und so weiter. Natürlich fließen all meine Erlebnisse als Rescueman in meine Comicarbeit ein.«
Er wandte den Kopf und sah den Psychiater an.
»Ich hoffe sehr, Sie empfinden die Tatsache, dass ich sozusagen auf Umwegen von meiner Fähigkeit lebe, nicht als unethisch.«
»Keineswegs. Im Gegenteil, es ist doch sehr praktisch, dass sich Ihre Tätigkeiten so gut ergänzen.« Dr. Seagle machte sich ein paar Notizen. »Es muss sehr befriedigend sein, Menschen aus scheinbar ausweglosen Situationen befreien zu können und so ihr Leben zu retten.«
Matthew verzog den Mund zu einem gequälten Lächeln. »Das ist es auch. Wirklich, ich liebe diese Gabe. Aber sie macht mich so ... einsam!«
Der Psychiater nickte und sah Matthew aufmunternd an. »Reden Sie weiter. Warum haben Sie nie jemand anderem als Ihrer Mutter davon erzählt?«
»Weil ich Angst habe, dass man mich dann ausschließlich als Superhelden wahrnimmt, nicht als den Menschen, der ich wirklich bin. Und das ist mir sehr wichtig, verstehen Sie? Ich war noch nie der selbstbewusste Typ, der von sich aus auf Menschen zugeht. Meine Schüchternheit macht es mir schwer, Menschen kennenzulernen. Aber diese Einsamkeit ist schrecklich. Wenn ich nicht Rescueman bin, fühle ich mich, als wäre ich unsichtbar. Gar nicht vorhanden. Sie wissen, ich bin immer für andere da, helfe wo ich kann, doch als ich mir vor ein paar Tagen einen Schrank gekauft habe und ihn nicht allein zusammenbauen konnte, kam niemand, um mir zu helfen. Verstehen Sie? Ich bemühe mich, es allen recht zu machen, doch wenn ich einmal Hilfe brauche, dann ...«
Er konnte die Tränen nicht länger zurückhalten. Dr. Seagle reichte ihm schweigend ein Kleenex.
Matthew schnäuzte sich. »Danke, Doktor. Der Schrank ist noch immer nicht aufgebaut. Allein kriege ich das einfach nicht hin. Immer, wenn ich die einzelnen Bretter sehe, wird mir meine Einsamkeit wieder ebenso bewusst wie meine Unzulänglichkeit. Es ist schrecklich.«
»Ich verstehe Sie sehr gut«, sagte Dr. Seagle sanft.
Matthew nickte und fuhr fort. »Im normalen Leben bin ich weder so geschickt noch so stark wie Rescueman, stattdessen habe zwei linke Hände. Mein wahres Ich verkörpert das absolute Gegenteil eines Superhelden.« Nach einer kurzen Pause fügte er tonlos hinzu: »Ein Versager auf ganzer Linie, das bin ich.«
»Sie übertreiben.«
»Leider nicht. Auf dem Weg in Ihre Praxis bin ich auf der Treppe gestolpert und habe mir das Knie aufgeschlagen.« Matthew winkelte das linke Bein an, zog das Hosenbein nach oben und präsentierte sein lädiertes Knie. »Sehen Sie?«
Dr. Seagle zischte leise durch die Zähne. »Das hat sicher weh getan.«
Das Hosenbein rutschte wieder hinab. »Ach, es geht. Schlimmer war es, als ich mir mit dem Hammer auf den Daumen schlug, als ich den vermaledeiten Schrank aufbauen wollte.«
»Solche kleinen Unfälle können doch jedem einmal passieren.«
»Mag sein, doch mir geschieht so etwas ständig. Und dann ist niemand da, der ein Pflaster für mich holt, mich tröstet oder mir einen Tee kocht. Tue ich es dann selbst, verschütte ich ihn und verbrühe mir die Finger.« Er seufzte und versuchte, den Kloß in seinem Hals hinunter zu schlucken. Ihm war zum Heulen zumute. Noch nie hatte er so offen mit jemandem über all das gesprochen und diese Dinge laut auszusprechen war ein zermürbendes Gefühl.
Das Leder des Sessels knirschte, als Dr. Seagle sich vorbeugte. »Lieber Mr. Barker, sicher haben Sie auch Talente oder Charaktereigenschaften, die ...«
Die Stimme des Arztes wurde plötzlich undeutlich, sie rauschte an Matthew vorbei wie ein Windstoß. Es ging wieder los, er spürte es genau. Eilig sprang er auf. Schon merkte er, dass sich sein Hemd spannte und seine Muskeln wölbten. Das ihm bekannte Kribbeln auf seiner Haut setzte ein.
»Mr. Barker? Was ist mit Ihnen?«, drang wie von fern die Stimme Dr. Seagles an sein Ohr.
»Entschuldigen Sie mich bitte«, sagte er mit tieferer Stimme als zuvor und stürmte aus der Praxis.
Er spürte den verwirrten Blick des Psychiaters in seinem Rücken.
Bis er das Dach erreicht hatte, war seine Verwandlung vollkommen.
Er war Rescueman, gekleidet in einen hautengen, silbergrauen Anzug mit einem schwarzem »R« auf der Brust und rotem Umhang. Ohne zu zögern lief er auf den Rand des Daches zu und stieß sich ab.
In atemberaubendem Tempo sauste er durch die Luft, umrundete Häuserblocks und sah hinab auf die weit unten liegenden Straßen, mit Autos, die so klein wirkten wie Marienkäfer.
Nach einer scharfen Kurve entdeckte er, was ihn alarmiert hatte. Im zwölften Stock eines Hochhauses saß ein kleines Mädchen an einem offenen Fenster und spielte mit einer Puppe.
Rescueman steuerte auf das Kind zu. In diesem Moment rutschte dem Mädchen ihr Spielzeug aus der Hand. Bei dem Versuch, die Puppe aufzuhalten, verlor die Kleine das Gleichgewicht und stürzte in die Tiefe. Sie fiel so schnell, dass Rescueman einen Augenblick lang daran zweifelte, sie rechtzeitig zu erreichen.
Er beschleunigte und ließ das Kind dabei nicht aus den Augen. In Windeseile sauste er am sechsten Stock vorbei, am fünften, am vierten. Er musste sich beeilen, wenn er die Kleine rechtzeitig erreichen wollte. Noch einmal steigerte er das Tempo.
Schneller als eine Pistolenkugel jagte er hinter dem fallenden Mädchen her. Es war schon auf der Höhe des dritten Stockwerks. Des zweiten.
Als nur noch wenige Meter die Kleine von dem Aufprall auf dem betonierten Fußweg trennten, hielt Rescueman unwillkürlich den Atem an. Würde er es schaffen?
Seine ausgestreckten Fingerspitzen vibrierten. Im letzten Moment packte er ihren Knöchel und riss sie in seine Arme, bevor ihr Kopf auf dem Beton auf-schlagen konnte.
Während er sacht neben der Stoffpuppe landete, die unversehrt auf dem Asphalt lag, ließ er die angehaltene Luft entweichen und schloss erleichtert die Augen.
Aufgeregte Stimmen ließen sie ihn wieder öffnen. Etwa ein Dutzend Passanten standen um ihn und das Mädchen herum. Sie jubelten ihm zu. Einige Touristen machten aufgeregt Fotos.
»Bravo, Rescueman«, rief ein Junge und strahlte ihn voller Bewunderung an. »Sie sind der Hammer. Wenn ich groß bin, dann -«
Ein markerschütternder Schrei unterbrach ihn. Alle hoben den Kopf. Er kam aus dem Fenster, aus dem das Kind gefallen war.
Rescueman schnappte sich die Puppe, hielt sie und das kleine Mädchen fest im Arm und flog an der Fassade des Hauses hinauf, zurück in den zwölften Stock.
Ein verzweifeltes, tränenüberströmtes Frauengesicht erschien im Rahmen, die Augen waren vor Schreck weit aufgerissen.
»Es ist alles in Ordnung«, rief Rescueman ihr zu. »Ich habe Ihre Tochter, sie ist ohnmächtig, aber wohlauf.«
Er landete auf dem Fensterbrett, ging in die Knie und reichte der zitternden Frau ihr Kind. Die Puppe legte er dem Mädchen in den Arm.
»Danke, Rescueman«, flüsterte die Mutter und küsste immer wieder die weichen Wangen ihrer Tochter, die endlich die Augen aufschlug.
»Das habe ich doch gern gemacht«, sagte er, tippte sich grüßend mit dem Zeigefinger an die Stirn und wandte sich ab, um nach Hause zu fliegen. »Passen Sie aber in Zukunft besser auf.«
»Das werde ich!«, versprach sie. »Ganz bestimmt. Danke, Sie sind mein Held! Gott segne Sie!«

In einer ruhigen Seitenstraße, ganz in der Nähe seiner Wohnung, setzte er auf und war wenige Augenblicke später wieder der normale, unscheinbare Matthew Barker in seinem schlichten grauen Anzug.
Von dem chinesischen Restaurant an der Straßenecke holte er sich sein Abendessen.
Während er in seinem Wohnzimmer vor dem Fernseher das köstliche Chop-suey verputzte, begann die lokale Nachrichtensendung. Sie startete mit der spektakulären Rettung des Kindes.
Eine Reporterin mit blonder Kurzhaarfrisur, warmen braunen Augen und Sommersprossen unterhielt sich mit der Mutter der Kleinen.
»Was ist genau passiert, Mrs. Miller?«
»Nun, ich kam ins Kinderzimmer und sah, dass das Fenster offen stand und meine Tochter verschwunden war. Sofort habe ich befürchtet, dass sie aus dem Fenster gestürzt sein musste.«
Mrs. Millers Mundwinkel zuckten bei der Erinnerung an diesen schmerzhaften Moment und in ihren Augen schimmerten Tränen.
»Wissen Sie, das Fenster ist schon eine ganze Weile nicht mehr in Ordnung, doch der Vermieter hielt es bisher nicht für nötig, es reparieren zu lassen. Wie auch immer, als ich aus dem Fenster sah, kam bereits Rescueman angeflogen und brachte mir meine Kleine zurück. Es geht ihr gut, sie hat lediglich einen Schreck bekommen.« Mrs. Miller weinte nun dicke Tränen und sah direkt in die Kamera. »Beinahe hätte ich das Wertvollste verloren, das ich auf der Welt habe. Danke, Rescueman! Ich stehe für immer in deiner Schuld.«
Gerührt schob Matthew sich eine Gabel voll Reis und Gemüse in den Mund. Momente wie diese verursachten stets ein angenehm warmes Gefühl in seinem Inneren.
Die Reporterin ging noch einmal auf das kaputte Fenster und den Ärger mit dem Vermieter ein, doch Matthew hörte nicht wirklich zu. Er lauschte stattdessen dem Klang ihrer Stimme, betrachtete die vor Empörung funkelnden Augen, die Sommersprossen, das Mitgefühl, das sie ausstrahlte.
Matthew seufzte. Was für eine Frau! Für ihn, den stillen, tölpelhaften Comicschreiber mit dem schütteren Haar war sie allerdings so unerreichbar, als würde sie auf einem anderen Planeten leben.

»Ah, Mr. Barker, schön, Sie wiederzusehen. Wir mussten Ihre letzte Sitzung ja unterbrechen.«
»Stimmt, ich entschuldige mich dafür. Es kam mir etwas dazwischen.«
»Ja, ich habe davon gehört. Machen Sie es sich bequem. Großartig, wie Sie das kleine Mädchen gerettet haben.«
»Danke. Ich bin froh, dass ich Schlimmeres verhindern konnte.«
»Aber jetzt wieder zu Ihrem Problem. Sie wollten, dass ich Ihnen helfe, damit Sie nicht länger allein sind, nicht wahr?«
Matthew legte sich auf die Couch und nickte dem Arzt hoffnungsvoll zu. »Das wäre schön. Wissen Sie, kurz nach dem Vorfall mit dem Mädchen habe ich eine Frau gesehen, die mich sehr beeindruckt hat. Seitdem muss ich ständig an sie denken.«
»Tatsächlich? Wer ist sie?«
»Die Reporterin, die die Mutter des Kindes interviewt hat. Ich ... fühle mich zu ihr hingezogen aber mir ist klar, dass sie sich niemals für jemanden wie mich interessieren würde. Damit meine ich den langweiligen Comic-Autoren, nicht den strahlenden Superhelden.«
»Woher wollen Sie das wissen?«, fragte Dr. Seagle gespannt. »Sie kennen sie doch gar nicht, wenn ich Sie richtig verstanden habe.«
Matthew schnaubte. »Sehen Sie mich doch an. Ich bin unsicher, nichtssagend und ein Tollpatsch. All das, was sie nicht ist. Sie ist eloquent, selbstsicher und auch noch wunderschön. Sie hat reizende Sommersprossen, wissen Sie? Und ein Lächeln, das Eis zum Schmelzen bringen kann. Ihre Stimme ist weich und melodisch, und ihre Augen ...«
»Wie wäre es, wenn Sie zunächst einmal Kontakt mit einigen anderen Menschen aufnehmen würden?«, unterbrach Dr. Seagle seine Schwärmerei. »Sozusagen zum Warmwerden. Wir müssen Ihr Selbstwertgefühl aufbauen, damit Sie ihre Schüchternheit überwinden und offener auf die Menschen zugehen können.«
Matthew dachte darüber nach. »Aber wie soll ich diese Leute kennenlernen? Und wo?«
»Mein Vorschlag mag etwas unorthodox sein«, sagte Dr. Seagle und schlug die Beine übereinander, »doch am kommenden Freitagabend findet bei mir zu Hause eine kleine Cocktailparty statt. Ich würde Sie gern dazu einladen. Bestimmt treffen Sie dort viele interessante Leute.«

Matthew holte tief Luft und sah an der schicken Villa empor, in der Dr. Seagle lebte. Sollte er wirklich hineingehen und sich unter die ganzen Unbekannten mischen?
Schließlich gab er sich einen Ruck. Er hatte dem Psychiater versprochen, zu erscheinen, und er stand immer zu seinem Wort. Also ging er die Stufen zur eleganten Eingangstür hinauf und läutete.
Eine ältere Hausangestellte öffnete ihm.
Er räusperte sich. »Guten Abend. Mein Name ist Matthew Barker. Ich möchte zu Dr. Seagle.«
Sie trat höflich zur Seite. »Kommen Sie bitte herein, Sir. Ihren Mantel nehme ich, wenn Sie einverstanden sind.«
Nachdem er ihr seinen Trenchcoat überreicht hatte, führte sie ihn durch die Eingangshalle zu einer zweiflügeligen Tür und drückte die Klinke hinunter. »Einen schönen Abend, Sir.«
»Danke.« Er lächelte ihr unsicher zu und atmete tief ein.
Das warme Licht von unzähligen Kerzen empfing ihn. Außerdem gedämpfte klassische Musik und die Stimmen von vielen sich unterhaltender Menschen.
Es roch nach Parfum, alten Büchern und Antiquitäten. Nervös sah Matthew sich nach Dr. Seagle um und entdeckte ihn nur wenige Schritte entfernt inmitten einiger Männer in Anzug und Krawatte.
Dr. Seagle hob den Blick, seine Miene erhellte sich, als er Matthew erkannte. Offenbar prächtig gelaunt kam er auf ihn zu.
»Ah, Mr. Barker, wie schön, dass Sie da sind. Kommen Sie, treten Sie näher. Was möchten Sie trinken? Einen Martini vielleicht?«
»Lieber ein Ginger Ale. Ich vermeide es, Alkohol zu trinken. Sie wissen, wieso.«
Dr. Seagle sah ihn ratlos an, doch dann nickte er lächelnd. »Ich verstehe. Damit Sie auch im Notfall immer Herr Ihrer Sinne sind, nicht wahr?«
»Nicht nur deshalb.« Matthew senkte die Stimme.
»Wenn ich auch nur einen Tropfen trinke, verwandle ich mich nämlich nicht in Sie-wissen-schon-wen, egal, wie dringend es nötig wäre. Aber denken Sie an unsere Abmachung: Niemand hier soll von meinem Geheimnis erfahren.«
Dr. Seagle nickte. »Versprochen ist versprochen. Dann also ein Ginger Ale. Kommen Sie, gehen wir an die Bar.«
Wenig später stand Matthew mit seinem Glas in einer Runde von Ärzten, Anwälten und Architekten, die sich über die wirtschaftliche Lage im Land unterhielten.
Er hörte nur halbherzig zu, nippte an seinem Glas und ließ den Blick über die anderen Gäste schweifen.
Als sich die Tür öffnete und eine blonde Frau eintrat, hätte er sich um ein Haar verschluckt.
Das war doch die bezaubernde Reporterin, von der er Dr. Seagle erzählt hatte. Wie war das möglich?
Matthews Herz begann zu rasen.
»Ah, da ist ja die Dame, mit dem ich Sie gern bekannt machen würde«, sagte Dr. Seagle in diesem Moment. »Kommen Sie, Mr. Barker.«
Vor Panik wurden Matthew die Knie weich. »A-aber Dr. Seagle, ich glaube nicht, dass ich -«
»Machen Sie sich keine Sorgen, ich bin ja bei Ihnen«, unterbrach ihn der Arzt und nahm sachte Matthews Ellenbogen. »Zumindest bis Sie mir ein Zeichen geben, dass ich verschwinden soll. Sie ist übrigens meine Nichte.«
Matthew blieb der Mund offen stehen. »Und als ich Ihnen von ihr erzählte, da wussten Sie, dass ...«
Dr. Seagle lächelte. »Nehmen Sie mir bitte nicht übel, dass ich ein wenig Schicksal gespielt habe«, bat er. »Sehen Sie es als Teil der Behandlung.«
Mit weichen Knien ging er an Dr. Seagles Seite auf dessen Reporter-Nichte zu. Er würde vermutlich keinen Ton herausbekommen und wünschte, die Erde würde sich auftun und ihn verschlucken.
Die hinreißende Frau, der sein Herz gehörte, sah Dr. Seagle strahlend entgegen. »Onkel George! Schön, dich wiederzusehen. Danke für die Einladung.« Sie legte ihre Hände auf seine Schultern und küsste ihn auf beide Wangen. Es waren schmale, gepflegte Hände, erkannte Matthew.
»Es ist schön, dass du kommen konntest«, erwiderte Dr. Seagle. »Ich möchte dir einen Bekannten von mir vorstellen. Das ist Matthew Barker. Er ist Künstler und im Comicbereich tätig. Mr. Barker, dies ist meine reizende Nichte Evelyn Sawyer. Sie arbeitet für einen großen Fernsehsender als Reporterin.«
Evelyn reichte ihm die Hand und lächelte. »Bitte, nennen Sie mich Eve. Evelyn heißen doch nur spießige Hausmütterchen, die Kochrezepte sammeln und Kakteen züchten.« Sie lachte fröhlich.
Matthews Wangen brannten. »Meine Mutter, ihr Name war Evelyn«, brachte er stockend hervor.
Eve erstarrte. »Oh, bitte entschuldigen Sie. Ich wollte Ihnen nicht zu nahe treten.« Sie schnalzte mit der Zunge. »Ich bin ein grässliches Plappermaul. Es tut mir ehrlich leid.«
»Ist sschon gut.« Matthew lächelte verlegen. »Meine Mutter züchtete tatsächlich Kakteen - unter anderem. Und sie war immerzu am Kochen.«
Eve schmunzelte. »Ist das wahr?«
»Wenn ich es sage.«
»Eve, mein Herz, was möchtest du trinken?«, unterbrach Dr. Seagle.
»Ein Glas Champagner wäre wunderbar.«
»Wenn ihr mich einen Moment entschuldigt, hole ich dir ein Glas.«
Er zwinkerte Matthew noch einmal zu und verschwand in der Menge.

In der nächsten Stunde hatte Matthew das Gefühl, auf einer Wolke zu schweben. Eve entpuppte sich als interessante und intelligente Person mit viel Humor. Sie machte erstaunlicherweise den Eindruck, als würde sie sich gern mit ihm unterhalten. Es kam ihm sogar so vor, als flirte sie mit ihm. Sicher war er sich jedoch nicht, dafür hatte er zu wenig Erfahrung auf diesem Gebiet. Konnte es wirklich sein, dass sie ihn mochte? Ohne zu ahnen, wer da tatsächlich vor ihr stand?
Schließlich jedoch sah sie bedauernd auf ihre zierliche Armbanduhr. »Es tut mir wahnsinnig leid, Mr. Barker, doch ich muss gehen. Ich habe morgen in aller Frühe ein wichtiges Meeting.«
Er versuchte, sich seine Enttäuschung nicht anmerken zu lassen. »Das ist schade. Es war mir ein großes Vergnügen, Sie kennenzulernen.«
»Geht mir genauso.« Ihre Augen funkelten. »Viel-leicht sehen wir uns mal wieder?«
Sein Puls beschleunigte sich. »Das wäre wunderbar.«
»Ja, das finde ich auch.«
Sie sah ihn an, schien auf irgendetwas zu warten. Aber auf was?
Da er nicht reagierte, stellte sie ihr leeres Glas auf einem nahen Tisch ab und seufzte. »Tja, dann werde ich mal gehen.«
Matthew registrierte, dass Dr. Seagle, der in der Nähe stand, ihm durch seine auffordernden Blicke irgendetwas sagen wollte. Und plötzlich wusste er, auf was Eve gewartet hatte. Am liebsten hätte er sich in den Allerwertesten getreten. Was war er nur für ein Trottel!
»Eve, ich ... ähm, dürfte ich Sie einmal anrufen, ich meine, Sie vielleicht zum Essen einladen oder ...«
Sie strahlte ihn an.
»Sehr gern, Matthew, das würde mich freuen.« Sie fischte etwas aus ihrer Handtasche. »Hier ist meine Karte.«
»Danke. Wenn Sie möchten, bringe ich Sie nach Hause«, rutschte es ihm heraus.
Wo kam dieser Mut plötzlich her?
Sie nickte überrascht. »Einverstanden. Das wäre sehr freundlich von Ihnen.«

Matthews Leben änderte sich in den folgenden Tagen um hundertachtzig Grad. Eve wurde ein fester Bestandteil seines Alltags. Sie gingen zum Essen, in den Park oder ins Kino. Er konnte es nicht fassen, doch sie verbrachte ihre Zeit offensichtlich gern mit ihm.
Und noch immer hatte sie keine Ahnung, dass er der berühmte und von allen bewunderte Rescueman war.
An einem Samstagabend besuchten sie das Theater. Shakespieres Romeo und Julia wurde gespielt. Es war kurz nach der Pause, als Matthew das bekannte Kribbeln verspürte, das seine Verwandlung ankündigte.
»Entschuldige mich einen Augenblick«, flüsterte er Eve zu und machte ein zerknirschtes Gesicht. »Ich bin sofort zurück.«
Sie nickte ihm zu. Gewiss war sie der Überzeugung, er müsse die Waschräume aufsuchen.
In Wahrheit raste er aus dem Gebäude und flog Sekunden später als Rescueman wie der Blitz zum Bahnhof. Eine Weiche war versehentlich falsch gestellt worden und zwei Züge drohten zu kollidieren. Rescueman stellte sich seitlich auf das Gleis und breitete die Arme aus. Sein roter Umhang flatterte wie eine Warnflagge. Grelles Bremsenquietschen dröhnte in seinen Ohren und in seiner Nase brannte der Geruch von heißem Metall.

 

(Weiter mit dem zweiten Teil)