Ein hochprozentiger Fall


 

Als Nina ins Büro stürmte, kochte sie vor Zorn. Aufgebracht pfefferte sie ihre Handtasche auf den Schreibtisch, ihre Mütze flog gleich hinterher.

„Einen wunderschönen guten Morgen“, lächelte ihr Kollege Erik munter.

Sie ließ sich auf ihren Stuhl fallen. „Männer sind doch wirklich unglaublich!“
„Ich weiß“, lächelte Erik geschmeichelt.
„Im negativen Sinne, du Hornochse! Paolo will, dass ich möglichst bald viele kleine Bambini produziere und meinen Job gegen den Herd eintausche.“ Sie schnaubte. „Ich hasse es, wenn er sich aufführt wie ein südeuropäischer Macho.“
„Schätzchen, er ist einer.“
Das Telefon klingelte. Erik meldete sich und lauschte mit ernster Miene.  
„Gut, wir kommen“, sagte er und legte auf.
„Arbeit?“
„Jep. Wir müssen in die Schlossstraße.“

Mit einem gleichzeitigen „Moin“, begrüßten sie den Gerichtsmediziner, der neben der Leiche kniete.

„Haben Sie schon was für uns?“, fragte Nina.

„Sie wurde stranguliert, mit ‘ner Wäscheleine oder ähnlichem“, berichtete Dr. Mey sachlich. „Hier wurde sie nur abgelegt. Todeszeitpunkt gestern Abend, etwa zwischen sieben und zehn, mehr kann ich erst nach der Obduktion sagen.“
Die Kälte des Novembermorgens machte ihrer aller Atem sichtbar. Nina fröstelte und atmete tief ein. Plötzlich stutzte sie. Roch es nach Alkohol?
„Was liegt da neben ihr?“, fragte Nina. „Das ist doch eine Flasche, oder?“
„Rum.“ Dr. Mey zog die große Nase kraus. „Sie wurde damit übergossen.“
„Ach herrje“, ließ sich Erik leise vernehmen. „Kommt Ihnen das nicht bekannt vor, Dr. Mey?“
Der Arzt nickte. „Doch, natürlich.“
Nina sah von einem zum anderen. „Was soll das heißen?“
„Das kannst du nicht wissen, du bist ja erst seit Mai bei uns“, sagte Erik. „Dies ist der dritte Rum-Mord. Die erste Leiche wurde am Ostermontag des letzten Jahres am Nordertor entdeckt, also vor etwa anderthalb Jahren. Die andere lag am Neujahrsmorgen darauf in dem flachen Brunnen im Burghof.“
„Und die Parallelen sind Rumflaschen und Würgemale?“, vergewisserte sich Nina.
Dr. Mey nickte. „Und der Opfertyp. Alle drei waren in den Vierzigern, hatten dunkle Haare und eine schlanke Figur.“

„Der oder die Täter wurden nie gefunden?“
Die beiden Männer schüttelten den Kopf

 

„Was weißt du über Serienmorde?“, fragte Erik, als sie wieder im Präsidium waren.

„Nun, Serienmörder handeln nicht spontan, sondern geplant“, begann Nina. Ihre Finger spielten mit einem Kugelschreiber. „Sie suchen ihre Opfer gezielt aus. Meist gibt es keine Verbindung zwischen Täter und Opfer.“
Erik lehnte sich mit seinem Kaffeebecher zurück. „Was noch?“
Nina forschte in ihrer Erinnerung nach dem Gelernten. „Der durchschnittliche Serienmörder ist männlich, zwischen zwanzig und vierzig, ledig und kinderlos“, sagte sie. „Er ist eher unterdurchschnittlich intelligent, oft arbeitslos und etwas verschroben. Die Kindheit war von Gewalt, Gefühlskälte oder Missbrauch geprägt.“
Erik nickte. „Der Rum und die Tatsache, dass sämtliche Opfer weiblich waren, könnten darauf hindeuten, dass unser Mörder mit einer Trinkerin zusammengelebt hat. Eine ehemalige Lebensgefährtin vielleicht, oder auch seine Mutter. Damit wäre eine unglückliche Kindheit auf jeden Fall gegeben.“
„Das ist ein vager Anhaltspunkt, aber besser als nichts.“ Nina schnappte sich ihre Jacke. „Ich befrage mal die Anwohner der Fundorte.“
Weder am Nordertor noch in der Schlossstraße war Nina erfolgreich mit ihrer Frage nach einer dunkelhaarigen Frau mit Alkoholproblem, die vor zehn bis zwanzig Jahren mit ihrem Sohn in der Gegend gewohnt haben könnte.
Erst im Burghof hatte sie Glück.  

„Ach, da meinen Sie gewiss Silvia Körner“, nickte eine Frau Andersen, die bereits über 30 Jahre im Burghof Nr. 5 wohnte. „Ja, die war andauernd betrunken. Und sie hatte einen Sohn, so um die zehn war er damals. Arne hieß er, er war oft bei mir zum Essen. Der kleine Kerl hatte ja ständig Hunger.“
Nina hielt den Atem an. „Wo genau hat Frau Körner gewohnt?“
„Direkt über mir.“ Die alte Frau zeigte an die Decke. 

„Wann war das ungefähr?“
„Hm, ich glaube, Mitte der Achtziger. Ja, ich erinnere mich, Silvester 86/87 lag sie besoffen in dem Brunnen, unten im Hof. Und Arne versuchte, sie ganz allein da raus zu heben. Ganz verzweifelt war er. Mein Mann hat ihm dann geholfen, seine Mutter ins Bett zu tragen.“ Alma Andersen schüttelte seufzend den Kopf. „Kurz darauf sind die beiden ausgezogen. Ich hab nie wieder von ihnen gehört.“

„Gib Silvia Körner ein“, rief Nina aufgeregt, als sie im Büro ankam. „Ich glaube, dass sie die Mutter unseres Mörders ist.“

Eriks Finger flogen über die Tasten. Kurz darauf grinste er zufrieden.
„Volltreffer! Vorbestraft wegen Diebstahls. Sie war auch in der Schloss- und in der Norderstraße gemeldet.“
„Noch irgendwo?“, fragte Nina ungeduldig. „Wo lebt sie jetzt?“
„Moment.“ Er drückte ein paar Tasten. „Sie ist 2002 verstorben. Ihr letzter Wohnsitz war die Norderstraße.“
Nina überlegte. „Und davor lebte sie im Burghof, und vorher in der Schlossstraße?“
Er prüfte es nach. „Ja, stimmt.“
„Okay. Wo wohnte sie, bevor sie in die Schlossstraße zog?“
„Worauf willst du hinaus?“
Nina setzte sich. „Die Morde geschehen offenbar in umgekehrter Reihenfolge. An Silvia Körners letztem Wohnsitz – Norderstraße – wurde die erste Leiche gefunden. Die zweite habt ihr in der Nähe ihrer vorletzten Wohnung gefunden, im Burghof. Davor wohnte sie in der Schlossstraße, wo heute die dritte Leiche gefunden wurde.“
„Du meinst also, wenn es vor dieser noch eine Adresse gab, könnte eine weitere Leiche dort abgelegt werden?“
„Davon müssen wir ausgehen. Also, gibt es noch eine Anschrift?“
Erik schaute nach. „Von 1976 bis 1982 wohnte sie im Oluf-Samsons-Gang.“
„Das ist doch die so genannte ‚Liebesgasse‘, oder?“
Er nickte. „Und zu der Zeit herrschte dort noch Hochbetrieb.“
„Mit anderen Worten, Silvia Körner war vermutlich eine Prostituierte“, folgerte Nina. „1987 war Arne Körner zehn Jahre alt, also war er zu der Zeit, als seine Mutter in der Liebesgasse aktiv war, schon geboren.“
„Das klingt in der Tat nicht nach einer Bilderbuchkindheit. Fast kann er einem leid tun.“
„Mir tut nur die arme Frau leid, die bald tot im Oluf-Samsons-Gang liegt“, sagte Nina düster. „Wir müssen Arne Körner finden.“

 

Dort, wo Körner gemeldet war, erfuhren sie nur, dass er ausgezogen sei. Die Nachbarin berichtete, er habe mit geschlossenen Vorhängen in seiner Wohnung gehockt und nicht einmal Moin gesagt. „Ich bin froh, dass er weg ist“, betonte sie.
Im Wagen klingelte Ninas Handy. Sie sah aufs Display und nahm den Anruf an. „Was willst du?“, fragte sie kalt und lauschte Paolos überschwänglicher Entschuldigung nebst Einladung zum Essen.
„Von mir aus“, knurrte Nina. „Aber es muss ein besonders teures Restaurant sein. Ciao.“

Erik hielt an einer roten Ampel und grinste. „Ist dein Paolo vom Macho zum Softie mutiert?“
„Sieht zumindest so aus. Er lädt mich zum Essen ein, und ich werde sehr großen Hunger haben. Er soll bluten.“
„Ich habe nachgedacht“, kam Erik auf den Fall zurück. „Heute ist der 17. November. Die ersten beiden Leichen wurden zu Ostern und am ersten Januar gefunden. Vielleicht hat der Mörder sich auch die Daten bewusst ausgesucht. Immerhin hat er seine Mutter am Neujahrsmorgen aus dem Brunnen im Burghof gefischt. Vielleicht finden wir heraus, wann er wieder zuschlägt.“
Ein Blick in den Computer gab Erik Recht. Arne Körner war am 16. November 1977 geboren worden, was bedeutete, dass er die Tote aus der Schlossstraße an seinem Geburtstag ermordet hatte.
„Aber hilft uns das weiter?“, zweifelte Nina. „Wann könnte er wieder zuschlagen?“

„Mal überlegen. Vermutlich hat seine Mutter ihn zu Ostern enttäuscht, Silvester ebenso und an seinem Geburtstag. Welchen Feiertag hat sie ihm wohl noch versaut?“
Sie sprachen es gleichzeitig aus. „Weihnachten!“

Die Adventszeit brach an. In der Flensburger Innenstadt wurden Punschbuden und Wurststände aufgebaut, Lichterketten funkelten und praktisch alles, von der Bratpfanne bis zur Spielkonsole, verwandelte sich in Weihnachtsgeschenke.

Arne Körner blieb verschwunden. Sie hatten ein Foto aus der Datenbank, das einen fülligen Mann mit kurzen blonden Haaren zeigte, doch auch auf eine öffentliche Fahndung hin gab es keine Hinweise, die sie weiterbrachten. Es war wie verhext.
„In drei Tagen ist Heiligabend“, seufzte Nina. „Wir glauben, dass er dann wieder zuschlagen wird. Da die Fundorte nicht die Tatorte sind, wissen wir bloß nicht, wo.“
„Uns bleibt wohl nichts anderes übrig, als Weihnachten im Oluf-Samsons-Gang zu verbringen“, murmelte Erik. „Tolle Aussichten.“
„Ja“, meinte Nina ahnungsvoll. „Paolo wird begeistert sein.“

Schon in der Nacht zum 24. Dezember lauerten sie in verschiedenen Erdgeschosswohnungen auf das Eintreffen des Serienmörders, allerdings ohne Erfolg. 

„Dann müssen wir eben noch eine Nachtschicht dranhängen“, seufzte Erik, als die Sonne aufging. „Wenn er am Heiligabend den Mord begeht, wird er die Leiche in der Nacht zum ersten Feiertag hier ablegen.“

Nina gähnte. „Wahrscheinlich hast du Recht.“ 

Den versäumten Schlaf holte sie am Vormittag nach und verbrachte den Rest des heiligen Nachmittags mit Paolo. Festliche Stimmung wollte jedoch nicht recht aufkommen. Paolo war sauer, dass sie auch noch an diesem Abend würde arbeiten müssen. Statt Harmonie und Geschenke gab es Streit und Vorwürfe.

Nina war entsprechend bedrückt, als sie, Erik und sechs weitere Beamte sich am späten Nachmittag erneut in vier Erdgeschosswohnungen im Oluf-Samsong Gang verteilten. Die sich eng aneinander kuschelnden Häuser mit den kleinen Fenstern säumten die schmale Gasse, die sich einer wilden Vergangenheit rühmte. Am unteren Ende befand sich der Hafen, bei Tageslicht und Sonnenschein ein malerischer Anblick. An diesem nasskalten Wintertag jedoch sah man nur das feucht glänzende Kopfsteinpflaster im Licht der weihnachtlichen Straßenbeleuchtung.

Die Bewohner waren nicht gerade begeistert darüber, dass die Polizei ausgerechnet am Heiligen Abend ihre Wohnungen besetzte. Nina konnte sie verstehen, doch diese Aktion war nun einmal notwendig. Es war ihre einzige Chance, den Mörder zu fassen.

Die Uhr schlug Mitternacht, die Bewohner waren schlafen gegangen, doch bisher ließ sich Arne Körner nicht blicken.

„Vielleicht lagen wir mit unserer Vermutung doch falsch“, sagte Nina eine Stunde später. „Ich glaube inzwischen, er kommt gar nicht.“ Sie saßen im Halbdunkel, nur in der Küche verbreitete eine Tischlampe ein warmes Licht.
„Er kommt“, behauptete Erik mit angespannter Stimme. „Ich spüre es.“
„Wenn du Recht hast, ist wieder eine Frau ermordet worden und wir konnten es nicht verhindern“, flüsterte Nina bedrückt.

 

Eine halbe Stunde später hielt ein Wagen am oberen Ende der Gasse. Der Motor erstarb und das Licht erlosch. Ninas Müdigkeit war wie weggeblasen.

„Es geht los!“, sagte sie ins Funkgerät. „Alle Lichter aus!“ Sie sprintete zur Tür und zog ihre Waffe. Als es dunkel war, öffnete sie die Haustür einen Spaltbreit und lugte hindurch. Erik stand hinter ihr, ebenfalls die Dienstpistole im Anschlag.
Nina sah, dass jemand aus dem Wagen stieg, sich prüfend umsah und etwas vom Rücksitz zog.

Die Gasse war menschenleer. Die Person hievte sich ihre Fracht über eine Schulter und schloss das Auto. Dann kam sie gebeugt von ihrer Last die schmale Straße herunter. Schleppende Schritte und keuchender Atem durchbrachen die nächtlichen Stille.
„Wir müssen warten, bis Körner die Leiche hingelegt hat und verschwinden will“, wisperte Erik.

Nina nickte. Inzwischen war deutlich zu erkennen, dass es sich bei der Person um einen Mann handelte. Er näherte sich ihrer Tür. Nina schob sie vorsichtig bis auf einen winzigen Spalt zu, damit der Täter sie nicht bemerkte. Er ging vorbei und blieb wenige Sekunden später stehen. Ninas Puls raste, während sie ihn mit einem Auge beobachtete. Gerade legte er seine Last an einer Hauswand ab und holte etwas aus der Innentasche seiner Jacke.
„Er will sie mit Rum übergießen“, flüsterte Nina. „Lass uns zumindest das verhindern.“
„In Ordnung.“ Erik hob das Funkgerät. „Zugriff! Jetzt!“

Ein Kollege schaltete seine Taschenlampe ein. In der nächsten Sekunde hörten sie das Klirren einer auf dem Pflaster zerberstenden Flasche. 

„Los!“, rief Erik.

Nina stieß die Tür auf. Sie stürmten auf den Mann zu, der sie erschrocken anstarrte und richteten die Mündungen ihrer Waffen auf ihn. 

„Arme hinter den Kopf!“, brüllte Erik. 

Es war tatsächlich Arne Körner, der nun die Hände auf dem Hinterkopf verschränkte. Nina fiel auf, dass er ganz anders aussah als auf dem Foto. Er war deutlich schmaler, trug eine Brille und einen Vollbart. 

Deshalb also ist die Fahndung erfolglos gewesen, dachte Nina. Arne Körner muss ein sehr einsames Leben führen.

Erik ließ gerade die Handschellen zuschnappen, als links von ihnen jemand hustete. Nina wandte den Kopf und sah zu Arne Körners Opfer, das nun ein würgendes Geräusch von sich gab.

„Sie lebt noch!“, rief Nina. „Schnell, ruft einen Notarzt!“ 

Sie hockte sich neben die Frau und wies einen Kollegen an, Wasser und eine Decke zu bringen. Dann betrachtete sie Arne Körners jüngstes Opfer. Wie die anderen war es schlank und hatte langes, dunkles Haar. Und auch diesmal verunstalteten Würgemale den Hals. Die Frau atmete angestrengt und hustete.
„Du dreckige, versoffene Schlampe“, fauchte Körner. Er sah hasserfüllt auf die halb bewusstlose Frau, dann verzog er das Gesicht und brach in Tränen aus. „Du sollst tot sein. Warum bist du nicht tot? Warum?“

Als Nina nach Hause kam, war sie erschöpft, aber erleichtert, dass Körners letztes Opfer überlebt hatte. Es stellte sich heraus, dass die Frau geübt darin war, lange die Luft anzuhalten. Sie war Apnoe-Taucherin, erforschte die Meere ohne Sauerstoffgerät. Dieses Hobby hatte ihr das Leben gerettet.

Im Schlafzimmer betrachtete Nina müde lächelnd den schlafenden Paolo, dann fiel ihr Blick auf ihr Kopfkissen. Dort lag ein hübsch verpacktes Weihnachtsgeschenk. Gerührt nahm sie das Päckchen, setzte sich auf die Bettkante und öffnete es so leise wie möglich.
Es enthielt ein gerahmtes Foto von Paolo, auf dem er eine Polizeimütze trug. Darunter lag ein Zettel. „Ich weiß jetzt, wie wichtig dir dein Job ist. Das Bild ist für deinen Schreibtisch. Ti amo, Cara.“