Weihnachten mal anders


 

Wütend trampelte ich auf dem zerschlissenen Badteppich vor dem Minispiegel herum. „Ich werde hier noch wahnsinnig!“, brüllte ich und hörte meinen Freund im Wohnzimmer genervt aufstöhnen.

„Oh, Mann, was ist denn jetzt schon wieder los?“

Marcus war in ebenso prächtiger Stimmung wie ich. Kein Wunder. Seit zwei Tagen saßen wir allein auf dieser Skihütte fest. Schneekatastrophe statt Weihnachtsidylle.

Aufgebracht stapfte ich ins Wohnzimmer, wo er – natürlich! – vor dem Fernseher saß. Zu seinem Glotz-Glück hatten wir wenigstens noch Strom.

„Dieses Funzellicht ist eine Zumutung!“, regte ich mich auf. „Ich hatte dir gesagt, ich will ein Bad mit Fenster.“

„Da ist doch eins.“

Ich schnaubte. „Das Ding ist nicht größer als ein Buch!“

„Du weißt, was ein Buch ist?“, entgegnete er boshaft. „Wow! Ich dachte, du kennst nur Klatschzeitschriften.“

Wütend funkelte ich ihn an. „Du bist so ein mieser Mistkerl.“

Marcus seufzte und schaltete den Fernseher leiser. „Hör zu, ich finde es auch ätzend, hier eingeschneit zu sein. Und es tut mir leid, dass du nicht genug Licht hast, um deine Fingernägel zu lackieren, oder dass die Matratzen so ungemütlich sind wie die eines …“ Er grinste. „ …eines Kefirs. Das heißt übrigens Fakir. Kefir ist irgend so ein Buttermilchgesöff.“

Mühsam hielt ich mich davon ab, ihm meine schlecht lackierten Fingernägel in die Augen zu rammen.

„Das weiß ich, Professor Oberschlau“, entgegnete ich sauer. „Ich hatte mich bloß versprochen und das weißt du genau.“

„Wieso willst du dich überhaupt schminken?“, fragte er verständnislos. „Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass wir heute noch auf eine weihnachtliche Aprés-Ski-Party gehen.“

Ohne darauf einzugehen ließ ich mich auf einen der beiden hässlichen Sessel fallen und verschränkte beleidigt die Arme. „Mein Magen knurrt.“

Und wie er das tat. Bevor wir die Gelegenheit gehabt hatten, uns im Ort mit Lebensmitteln einzudecken, hatte uns der Schnee überrascht. Seit zwei Tagen lebten wir von Crackern, Aufbackbrötchen und Käse. Selbst davon war kaum noch etwas übrig.

„Geh vor die Tür und friss Schnee“, lautete nun Marcus‘ gefühlloser Kommentar.

Das war zu viel! Ich hatte die Nase gestrichen voll von diesem Weihnachtsurlaub, der ‚einfach mal ganz anders‘ sein sollte.

Was ja auch okay war, aber so? Mir war kalt, ich hatte Hunger und mein Freund benahm sich so unausstehlich wie noch nie. Von wegen romantische Zweisamkeit! Wenn ich könnte, dachte ich enttäuscht, würde ich sofort von hier verschwinden. Und zwar allein!

Sehnsüchtig sah ich hinüber zum Fenster. Dort tropfte es sachte von den Eiszapfen. Es tropfte? Verwundert stand ich auf und schaute hinaus in den winterweißen Nachmittag. Es taute wirklich! Die Sonne kämpfte sich erfolgreich durch graue Wolken, die zum Teil bereits himmelblaue Lücken offenbarten. Sofort besserte sich meine Laune. Noch nie war mir ein Wunsch so schnell erfüllt worden. Ich warf einen Blick zu Marcus, der sich sichtlich gelangweilt einen alten Weihnachtsfilm ansah. Er konnte ruhig hier hocken bleiben.

Im Schlafzimmer packte ich meinen Trolley. Als ich ihn an Marcus vorbeirollte, sah er irritiert auf. „Was hast du denn vor?“

„Ich gehe. Keine fünf Minuten halte ich es noch mit dir in dieser Bruchbude aus.“ Wütend zerrte ich mir meine neuen Lederstiefel an die Füße und schlüpfte in die kuschelige Lammfelljacke. „Leb wohl. Und fröhliche Weihnachten.“

Er lachte vergnügt. „Bis gleich, Natascha. Weit kommst du eh nicht.“

Das würden wir ja sehen! Mein Trolley und ich traten über die Schwelle, dann knallte ich die dicke Holztür zu und sah mich um.

 Um mich herum standen viele weiß dekorierte Tannen, von denen in kurzen Abständen wässrige Klumpen auf den Boden klatschten. Der Schnee war bereits so weit getaut, dass der Kiesweg zu sehen war, der vom Haus in Richtung Dorf führte.

Was für eine gottverlassene Gegend! Ich stiefelte los. Die Räder des Trolleys rumpelten auf dem Kies und er selbst schien zum Tanzen aufgelegt zu sein. Auf einem glatten Weg wäre es sicher einfacher gewesen, das übermütige Gepäckstück im Griff zu behalten als auf dieser unebenen Schotterpiste, doch ich gab nicht auf und zerrte das hüpfende Mistding verbissen hinter mir her. Bis zu einer Weggabelung. Links stand eine alte Ruine, rechts eine gewaltige Kastanie. Links sah ich entfernt einen Wald, rechts Felder. Ich überlegte, von wo wir bei unserer Ankunft gekommen waren. Zu dem Zeitpunkt waren Markus und ich noch total happy über unseren bevorstehenden Winterurlaub gewesen und hatten praktisch nur Augen füreinander gehabt. Mit anderen Worten, ich hatte keine Ahnung, welche Richtung ich einschlagen sollte. Wald oder Felder? Mir wurde klar, dass es nur einen Ausweg aus diesem Dilemma gab. Ich holte also tief Luft, streckte meine Hand aus und begann: „Eene Meene Muh, und raus bist du.“

 Der Wald gewann. Dort angekommen klatschten im Sekundentakt Schneebatzen von den Bäumen und trafen nicht selten mich. Ich hätte heulen können. Meine schicke Jacke war bereits nach wenigen Minuten nass und meine Haare hingen herab wie zu lang gekochte Spaghetti. Als wäre das nicht genug, brachten mich die hohen Hacken meiner neuen Michael Kors-Stiefel, die ich in einem Anfall von Leichtsinn gekauft hatte, beinahe um. Dreimal war ich bereits umgeknickt. Frustriert und bis oben hin angefüllt mit Selbstmitleid humpelte ich weiter.

Platsch! Mitten ins Gesicht. Ich blieb stehen, wischte mir die kalte Pampe aus den Augen und schrie meine Wut hinaus. „AAAAARRGGGHHHH!!“

„Haben’s a Problem?“

Ich wirbelte herum. Vor mir stand ein kleiner, dürrer Mann mit tief liegenden Augen und Bartstoppeln.

Ich räusperte mich, verlegen wegen meines Wutausbruchs. „Äh, wie weit ist es noch bis zum Bahnhof?“

Er nahm sich den zerknautschten Hut vom Kopf und fuhr sich über den breiten Scheitel. „No, so zwei Stunden. Höchstens. Wenn’S umdrehen täten. Sonst mehr, ungefähr fünf.“

„Waaas?!“

War ich also doch in die falsche Richtung gelaufen. Ich verfluchte mein Talent, mich bei zwei Auswahlmöglichkeiten regelmäßig für die falsche zu entscheiden.

Meine Füße schmerzten, von den hohen Hacken und vor Kälte. Der blöde Trolley schien immer schwerer zu werden und mein knurrender Magen machte sich auch wieder bemerkbar.

„Was mache ich denn jetzt?“, jammerte ich den Tränen nahe.

„Jo mei, wenn’s mögen, dann kommen’s halt mit. Mei Frau macht grad Essen.“

Das klang zu schön um wahr zu sein. „Wirklich? Oh, das wäre wunderbar.“

„Des is koa Problem net. Sie, Sie hom da wos.“ Er machte mit dem Zeigefinger eine kreisförmige Bewegung um seine Augenpartie.

Meine Wimperntusche! Der Schnee, der mir ins Gesicht geklatscht war, hatte mich offenbar unzureichend abgeschminkt und ich sah nun vermutlich aus wie ein Pandabär mit Schlafdefizit.

Mit aufgerissenen Augen und weit offenstehendem Mund versuchte ich, mit den Fingern die Farbe zu entfernen.

„Und? Geht’s wieder?“, fragte ich blinzelnd.

„Jo mei“, war die achselzuckende Antwort. „Passt scho.“

Na dann. Mit schamhaft gesenktem Kopf humpelte ich mit meinem Trolley hinter dem Mann her.

Nach nur fünf Minuten standen wir vor einer Hütte, gegen die unsere Skihütte das reinste Luxusanwesen war. Mein Retter, der ein wenig wie eine Kartoffel mit Haarkranz aussah, und der sich inzwischen als Alois vorgestellt hatte, öffnete die Tür und ließ mir den Vortritt. Ich zog den Kopf ein und trat über die Schwelle.

 

Fortsetzung folgt ...