Blutwurst & Honig


 

Mutter Natur beugt sich zu Gevatter Tod hinunter. »Aufstehen, mein Lieber, die Pflicht ruft«, flüstert sie mit ihrer sanftesten Stimme in sein Ohr.
Er brummt ungehalten und wälzt sich auf die andere Seite.
»Nun komm schon. Das Frühstück ist fertig und du hast wirklich lange genug geschlafen. Mindestens acht Minuten.«
Er dreht sich herum und sieht sie aus müden Augen an. Jämmerlich sieht er aus. Kalkweiß ist sein Gesicht und die Augen liegen in tiefen dunklen Höhlen. Als er gähnt, kriecht fauliger Atem in ihre Stupsnase, die sich unwillkürlich rümpft. Sie tritt einen Schritt zurück. »Ich habe frischen Kaffee für dich gekocht«, fügt sie aufmunternd hinzu. »Schön stark und heiß.«
»Ich will trotzdem nicht«, knurrt er.
»Papperlapapp! Komm hoch, es gibt viel zu tun. Schnapp dir dein Kapuzencape und deine Sense, und dann komm.« Damit verlässt sie den Raum.

Wenig später sitzen sich beide beim Frühstück gegenüber. Gevatter Tod schlürft schwarzen Kaffee und kaut mit langen Zähnen an seinem Schwarzbrot mit Blutwurst.
»Ich bin ausgelaugt«, jammert er zwischen zwei Bissen. »Immer mehr Menschen und damit immer mehr Arbeit. Etwas Unterstützung wäre gut. Junges Blut mit Kraft und Elan.«
Mutter Natur nickt und schmiert sich Sonnenblumenmargarine auf ihr Vollkornbrötchen. Dann lässt sie ihren geliebten goldenen Bienenhonig darauf tropfen und beobachtet, wie er auf der Margarine verläuft.
»Frag doch den Chef, ob du noch ein paar zusätzliche Sensenmänner zur Unterstützung bekommen kannst. Das klappt doch ganz gut, inzwischen bist du nur noch für Europa zuständig.«
»Und für den Nahen Osten«, ergänzt er mit vollem Mund. »Momentan die anstrengendste Abteilung, wie du weißt. Das ist allein kaum zu schaffen.«
»Ja, da gebe ich dir Recht. Dummheit, Ignoranz und Hass haben dort ganze Arbeit geleistet.«
Gevatter Tod legt das angebissene Brot auf den Teller. »Irgendwie habe ich keinen Appetit. Wo sind eigentlich Gier, Wut und Unglück?«
»Die sind längst unterwegs.« Mutter Natur nippt an ihrem Kamillentee und genießt die sich ausbreitende Wärme in ihrem Inneren. »Auch Trauer ist schon weg.«
»Und die anderen?«
»Glück und Frieden schlafen noch. Ach, und Liebe und Hoffnung sind bei einem Fortbildungsseminar. Das sei dringend nötig, sagten sie.«
Er seufzt. »Ich merke schon, ich werde heute kaum zum Ausruhen kommen. Stressiger war mein Job nur im 14. Jahrhundert, als mein alter Freund Pest seine beste Zeit hatte.«
Er sieht ins Leere, hängt vermutlich der Erinnerung an alte Zeiten nach, während er seinen Kaffee schlürft.
»Es ist erschreckend«, bemerkt Mutter Natur.
»Was meinst du?«
»Ich meine deinen Gesichtsausdruck, während du an Elend, Qualen und Hoffnungslosigkeit denkst. Du siehst dann immer so ... zufrieden aus.«
»Ich mag meinen Beruf eben«, erwidert er eingeschnappt. »Er ist abwechslungsreich. Ich komme rum und lerne viele Menschen kennen.«
Sie hebt eine Augenbraue. »Ein ziemlich einseitiges Vergnügen, meinst du nicht? Schließlich sind sie tot, sobald sie die Ehre hatten, deine Bekanntschaft zu machen.«
»Jeder Job hat seine Schattenseiten.« Gevatter Tod reißt den Mund auf und beginnt, Blutwurstreste aus seinen Zähnen zu pulen.
»Unterlass das bitte«, bemerkt Mutter Natur kopfschüttelnd. »Du weißt, ich mag das nicht.«
Er klappt den Mund wieder zu und greift nach seiner schwarzen Serviette. »Und? Was steht auf deinem Tagesplan?«
»Das Übliche«, antwortet sie und bemüht sich, optimistisch zu klingen. »Ich werde versuchen, mich gegen Gewinnsucht, Profitgier, Unvernunft und Leichtsinn zu wehren. Mal gelingt es, mal nicht. Vielleicht schafft es heute der hundertste Baum in diesem Jahr, seine Wurzeln durch gepflasterte Wege zu stoßen. Ich glaube, dann gönne ich mir zum Feierabend ein Glas Nektar.« Genüsslich beißt sie in ihr Brötchen.
Gevatter Tod lehnt sich zurück. »Auch dann, wenn der Regenwald erneut um ein paar fußballfeldgroße Flächen reduziert wird und tausende Meeresbewohner wegen der Wasserverschmutzung durch Plastik und Öl draufgehen?«
Sie runzelt verärgert die Stirn. »Musst du immer so negativ sein? Natürlich gibt es immer wieder Rückschläge. Umso mehr muss man sich doch über jeden kleinen Erfolg freuen.«
»Blödsinn! Du machst dir nur was vor. Früher oder später bist du erledigt. Die Menschen werden letztendlich gegen dich gewinnen, weil sie unersättlich sind und die Augen vor dem verschließen, was kommt, wenn sie dich vernichtet haben.«
Seine knochigen Finger greifen nach der Kaffeetasse.
»Dennoch werde ich nicht einfach aufgeben«, murmelt sie trotzig. »Vielleicht geschieht ein Wunder. Ich glaube fest, dass sie bald merken werden, dass sie im Grunde verlieren, wenn sie gegen mich gewinnen. Es gibt immer mehr Menschen, denen das klar wird. Es gibt sogar eine Bezeichnung für sie. Sie nennen sich Ökologen.«
Er stellt mit einem Klirren die Tasse ab, so dass Kaffee auf den Tisch spritzt, und schnaubt. »Pah! Das ist doch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Du bist naiv, das warst du schon immer. Früher oder später wirst du an meine Worte denken.«
Sie schluckt seine Bemerkung zusammen mit ihrem Honigbrötchen-Bissen hinunter, was nicht leicht ist, wenn sich die Kehle wie zugeschnürt anfühlt. »Du meinst, wenn ich in meinen letzten Zügen liege und du dann kommst, um mir das Licht endgültig auszuknipsen?«
Er lächelt zufrieden. »Es mag hart klingen, aber - Ja!«
Ein schauriges Lachen erfüllt die Luft, untermalt vom Rasseln eiserner Ketten.
Mutter Natur verdreht die Augen. »Ich wäre dir sehr verbunden, wenn du einen anderen Klingelton einstellen würdest. Dieser hier jagt mir jedes Mal eine Gänsehaut über den Rücken.«
Gevatter Tod grunzt nur und nimmt den Anruf an. »Ja, Chef?«
Er lauscht in den Hörer, brummt hin und wieder und schüttelt dann den Kopf. »Allein schaffe ich das nicht. Dafür brauche ich Unterstützung. Ich bin schließlich nicht mehr der Jüngste.«
Mutter Natur schmiert sich die zweite Hälfte ihres Vollkornbrötchens, während sie interessiert zuhört.
»Mag ja sein, dass die Maßnahme nur rein prophylaktisch ist. Aber falls es ernst wird, bestehe ich auf Unterstützung hier in Europa. Gut. Ja, bis bald.«
Er beendet das Gespräch und seufzt. »Der Chef will, dass ich den Abteilungen in den USA zur Seite stehe«.
»Wieso das auf einmal?«, fragt sie kauend.
»Er geht davon aus, dass es dort früher oder später zu einer Katastrophe kommt.«
Sie nickt verstehend und schluckt den Bissen hinunter. »Der neue Präsident?«
»Du sagst es. Nachdem er sich mit Nordkorea angelegt und sich auch in der restlichen Welt wie ein Trampeltier ohne Kinderstube aufgeführt hat, flippt er jetzt aus, weil irgendjemand ein Buch über ihn geschrieben hat. Noch weiß niemand, wie das ausgeht, weil Mr. President so unberechenbar ist. Und ich muss es ausbaden.« Er seufzt so tief, dass seine Lungen rasseln.
»Das ist bitter«, stimmt Mutter Natur ihm zu. »Aber sieh es mal so: Dir vertraut der Chef eben am meisten.«
Er schweigt, stützt nur sein blasses Gesicht in die knochigen Hände und senkt den Blick.
»Ich weiß, was dir durch den Kopf geht«, flötet Mutter Natur heiter.
»So? Was denn?«
»Du hast die Fliege auf meinem Honigbrötchen im Auge und würdest sie am liebsten mit einem schnellen Schlag deiner Knochenhand zerquetschen, nur um deine Wut abzureagieren.«
Der Tod richtet sich auf und schenkt ihr ein anerkennendes Totenkopfgrinsen. »Du kennst mich einfach zu gut.«
»Ich weiß.« Sie verscheucht die Fliege mit einem sanften Wedeln ihrer rundlichen Hand. »Du hättest es auch getan, wenn dann nicht deine ganze Hand voller Honig gewesen wäre.«
»Dieses klebrige, süße Zeug«, murmelt er angewidert, schüttelt sich, dass es klappert, und steht auf. »Igitt!«
»Musst du schon gehen?«
Er schnappt sich seine Sense. »Ja, es wird Zeit. Im Nahen Osten ist mal wieder der Teufel los.«
»Grüß ihn von mir«, bittet sie lächelnd. »Bis heute Abend!«


ENDE