Love is in the air … Diese Geschichte ist so ähnlich wirklich passiert. Als ich davon hörte, musste ich sie einfach aufschreiben. Gute Unterhaltung!

Wiedersehen am Meer


 

Der Strand war menschenleer. Nur ein paar Möwen, die sich vom Wind tragen ließen, und die rasch dahinziehenden Wolken leisteten Felicitas Gesellschaft.

Sie liebte das Meer, seine vielen Gesichter. Heute wirkte es zornig und aufgewühlt, mit Schaumkronen, die sich wie ärgerlich zusammengezogene Augenbrauen kräuselten. An anderen Tagen war es friedlich und ausgeglichen. Dann glitzerte es im Sonnenlicht und wirkte mit seinem Kleid aus zahllosen funkelnden Pailletten wie eine herausgeputzte, bestens gelaunte Diva.

Auch den Wind mochte Felicitas. Es gefiel ihr, wenn er an ihrer Jacke zerrte und durch ihr Haar fuhr wie ein leidenschaftlicher Liebhaber. Wenn er ihr Gesicht stürmisch küsste und eine sanfte rote Tönung auf ihren Wangen hinterließ. Sie war froh, dass sie sich zu diesem Spaziergang aufgerafft hatte. Tom hatte keine Lust gehabt, sie zu begleiten und im Grunde war sie froh darüber.

Dabei konnte sie sich glücklich schätzen, ihn gefunden zu haben. Tom war freundlich, half im Haushalt, war zärtlich, rücksichtsvoll und fürsorglich. Ihre zahlreichen Macken tolerierte er mit einem nachsichtigen Lächeln. Er war der perfekte Ehemann.

Felicitas sah zum Himmel hinauf, der an diesem Herbstnachmittag wie ein riesiges göttliches Gemälde aussah. Wolkenberge in verschiedenen Rosa- und Grautönen zogen eilig vorbei, als hätten sie einen wichtigen Termin, zu dem sie nicht zu spät kommen wollten.

Sie betrat den hölzernen Steg. Die Bretter knarrten leise. Etwa in der Mitte des Stegs stützte sie die Unterarme auf das Geländer und sah ins Wasser hinunter.

Hinter ihr erklangen Schritte, die abrupt verklangen..

„Lizzy?“ Es klang verwundert, fast ungläubig.

Sie wandte den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war, denn sie hatte tief in ihr eine verstaubte Saite zum Klingen brachte.

Die tief stehende Sonne blendete sie. Felicitas hielt sich eine Hand über die Augen und erkannte nun, wer sie angesprochen hatte.

„Das darf doch nicht wahr sein“, wisperte sie erstickt.

Er lächelte breit und trat näher. „Ich glaube es einfach nicht! Du bist es wirklich.“

Sie sah ihn an und hatte das Gefühl, wieder sechzehn zu sein, so heftig schlug ihr Herz gegen die Rippen. Ein paar kleine Fältchen umrahmten seine schönen dunklen Augen, ansonsten hatte er sich nicht wesentlich verändert. Es war David, ihr David. Ganz eindeutig.

Schon war sie in seiner Umarmung verschwunden. Etwas schnürte ihr die Kehle zusammen, als sie die Wange an seine breite Brust legte, doch dann löste er sich bereits wieder von ihr und musterte sie unverhohlen, die Hände auf ihren Schultern.

„Du siehst gut aus, Lizzy.“

„Danke. Du auch.“

Eine kurze Pause entstand.

„Was machst du hier?“, fragte er.

„Mein Mann und ich verbringen unseren Urlaub in Glücksburg“, berichtete Felicitas. „Aber was tust du in unserer alten Heimat? Irgendjemand erzählte mir, du wärst nach Neuseeland ausgewandert.“

David nickte. „Das stimmt. Doch manchmal muss ich einfach hierher zurückkommen. Hin und wieder vermisse ich den norddeutschen Sinn für Humor.“ Er breitete die Arme aus. „Und diese Luft. Die findet man nirgendwo sonst.“

Sie lächelte. „Das ist wahr.“

Nebeneinander lehnten sie am Geländer, das Meer im Rücken, die Ellenbogen auf dem hölzernen Querbalken der Brüstung. Sie spürte seinen Blick auf sich ruhen.

„Geht es dir gut?“, fragte er.

Sie nickte und mied seinen Blick. „Ja, sicher. Und dir?“

„Jetzt, in diesem Moment?“ Er lachte leise. „So gut wie lange nicht mehr.“

Sie bemerkte das Funkeln seiner Augen. Was sie darin zu sehen glaubte, machte sie verlegen und unvernünftig glücklich zugleich.

David drehte sich um und sah aufs Meer hinaus. „Ich war sicher, ich würde dich nie wiedersehen. Es hat mir das Herz gebrochen, als du damals weggezogen bist.“

„Mir auch, glaub mir. Aber was hätte ich schon tun können? Um allein hier zu bleiben, war ich zu jung.“

„Du hast versprochen, zu schreiben, doch du hast es nie getan“, erinnerte er sie. „Warum nicht?“

Es fiel ihr schwer, seinem intensiven Blick standzuhalten. „Ich dachte, ein endgültiger Schnitt wäre weniger schmerzhaft.“ Sie lächelte traurig. „Wie sich herausstellte, war das ein Irrtum.“

Nebeneinander verließen sie den Steg und steuerten die Promenade an.

„Hast du Familie?“, fragte Felicitas.

David schüttelte den Kopf. „Nein. Es hat sich irgendwie nie ergeben.“ Ein zärtliches Lächeln begleitete seine nächsten Worte: „Es war eben keine wie du.“

Sie schluckte und drängte die Tränen zurück. Vielleicht hätte ihre Liebe eine Chance gehabt, irgendwann früher. Doch nun war es zu spät. Sie war verheiratet und David lebte am anderen Ende der Welt.

„Wie lange bist du noch hier?“, fragte er.

„Eine Woche.“ 

„Das ist nicht viel Zeit.“ Er strich über ihre vom Wind gerötete Wange. „Machen wir das Beste draus?“

Sie wollte den Kopf schütteln, vernünftig sein. Und sagte: „Ja. Machen wir das Beste draus.“

„Wo ist dein Mann?“

„Er sieht sich im Fernsehen ein Fußballspiel an.“

„Komm“, sagte David. „Gehen wir einen Kaffee trinken.“

Wenig später betraten sie ein nahegelegenes Café. Dezentes Geplapper und leises Gelächter vermischte sich mit dem Klappern von Geschirr. Die Luft roch nach frisch gemahlenem Kaffee. Felicitas und David fanden einen Tisch und bestellten. Kurz darauf standen zwei große Tassen mit Cappuccino vor ihnen. David ließ etwas Zucker auf den Schaum rieseln.

„Was machst du beruflich?“, wollte er wissen.

„Ich arbeite in einem Hotel, im Sekretariat.“

„Klingt interessant.“

Sie zog eine Grimasse. „Das ist es aber nicht.“

Er legte den Löffel zur Seite, ein fast trauriges Lächeln im Gesicht. „Es ist verrückt. Ich sehe dich an und möchte dich in die Arme nehmen, so wie früher.“

Hitze breitete sich in ihr aus, kroch von den Füßen bis zu ihrer Kopfhaut. Sie schaute ihn an und wusste, es hatte keinen Zweck, ihm – oder sich selbst - etwas vorzumachen.

„Mir geht es genauso“, gestand sie leise. „Ich glaube, ich weiß jetzt, warum ich immer das Gefühl hatte, dass mir irgendetwas fehlt.“

„Du bist nicht glücklich mit deinem Mann?“

Sie hob die Schultern. „Es ist nicht seine Schuld. Seit damals war ich nie wirklich glücklich, aber dank Tom war ich auch nicht unglücklich.“

David nickte. „Habt ihr Kinder?“

„Nein. Tom wünscht sich zwar welche, aber ich ... Ich war bisher nicht bereit dafür. Es fühlte sich einfach nicht ... richtig an.“

David sah ihr in die Augen. „Glaubst du an Schicksal, Lizzy?“

„Eigentlich nicht.“ Sie zögerte. „Aber seit heute würde ich zumindest einräumen, dass ich da falsch liegen könnte. Was ist mit dir, glaubst du daran?“

„Oh ja. Das tue ich.“

 

Sie schloss die Tür zur Ferienwohnung auf. Aus dem Wohnzimmer hörte sie die Stimme eines Sportmoderators. Tom lag schlafend auf dem Sofa.

Felicitas ging ins Schlafzimmer und ließ sich auf das Bett fallen. Die Arme hinter dem Kopf verschränkt blickte sie an die Zimmerdecke.

Sie hatte David in einer Disco kennengelernt. Er hatte sie zum Tanzen aufgefordert, war lustig, unaufdringlich und freundlich. Ein netter, gutaussehender Typ mit einem ansteckenden Lachen. Sie verabredeten sich für den nächsten Tag auf dem Jahrmarkt, der in Flensburg gastierte, und als David sie bei den Autoscootern das erste Mal küsste, war Felicitas bereits rettungslos verknallt.

Von dem Tag an waren sie unzertrennlich. In seinen Armen verlor sie ihre Unschuld. Sie war glücklich mit David und wusste, sie würde nie wieder jemanden so lieben wie ihn.

Dann wurde ihr Vater nach Düsseldorf versetzt. Felicitas glaubte, sie müsse sterben. Der Abschied von David kam ihr vor wie eine Herzamputation ohne Narkose.

Noch Jahre später, als sie bereits mit Tom zusammen war, dachte sie immer wieder an David, doch nicht mehr voller Trauer. Eher wehmütig.

Und nun, völlig unverhofft, feierten ihre Gefühle von einst ein verwirrendes Comeback. Doch konnte sie diesen Empfindungen einfach so nachgeben? Sie waren beide älter geworden, hatten sich verändert. Sie kannten sich im Grunde überhaupt nicht. Und doch gab es noch immer diesen Zauber zwischen ihnen.

„Sehen wir uns morgen?“, hatte David vorhin beim Abschied gefragt. „Auf dem Steg? Um elf?“

Sie hatte Ja gesagt.

 

„Was macht dein Mann heute?“, fragte David.

„Er wollte ins Museum.“

„Du nicht?“

Sie sah ihn an. „Nein. Ich wollte zu dir.“

David lächelte und nahm ihre Hand. „Hast du ihm von mir erzählt?“

Sie schüttelte den Kopf. Das Meer war ruhiger als am Vortag. Nur ein leises Glucksen war zu hören, wenn kleine Wellen auf die Pfeiler des Stegs trafen.

David räusperte sich, er wirkte plötzlich angespannt. „Lizzy, wenn ich dich bitten würde, zu mir zu kommen, nach Gisborne, würdest du es tun?“

Ihr Herz schlug plötzlich schneller. „Erzähl mir von dort“, bat sie, einer Antwort ausweichend.

Er legte einen Arm um sie. „Gisborne liegt auf der Nordinsel Neuseelands, direkt an der Küste. Die Stadt wird auch „City of Rivers“ genannt, weil sie von drei Flüssen durchzogen wird. Die Menschen sind sanft und freundlich, das Klima ist mild. Es ist ein sehr schöner Ort zum Leben.“

„Das klingt wunderbar.“ Sie schmiegte sich an ihn. „Was machst du dort? Womit verdienst du deinen Lebensunterhalt?“

Sie spazierten am Strand entlang und David erzählte von seinem Leben als Weinbauer. Felicitas sah das Leuchten in seinen Augen, die Begeisterung, die er ausstrahlte. Er wirkte, als hätte er seinen Platz im Leben gefunden. Den Ort, wo er hingehörte.

David drängte sie nicht zu einer Antwort, doch beim Abschied nahm er ihre Hände in seine. „Wirst du darüber nachdenken?“, fragte er ernst.

„Das werde ich bestimmt“, sagte sie, „aber -“

Sein Zeigefinger legte sich sanft auf ihre Lippen. „Mehr will ich im Augenblick gar nicht hören.“ Er zog sie in seine Arme. Ein paar Herzschläge lang hielten sie sich schweigend fest.

„Ich habe dich schon einmal verloren“, murmelte er an ihrem Ohr. „Noch einmal möchte ich das nicht erleben. Wenn du dasselbe fühlst wie ich, dann komm mit mir.“

 

Am Abend stocherte Felicitas schweigend in ihrem Essen herum, während Tom von seinem Museumsbesuch schwärmte.

„Was ist mit dir?“, fragte er irgendwann. „Du isst nichts und hörst mir nicht zu. Geht es dir nicht gut?“

„Nein.“ Sie hob den Kopf, sah seine gerunzelte Stirn und nahm all ihren Mut zusammen. „Ich habe einen Entschluss gefasst, Tom. Es war keine leichte Entscheidung, glaub mir. Ich habe viel darüber nachgedacht …“

Die Furchen auf seiner Stirn wurden tiefer. „Komm zum Punkt, Felicitas.“

Sie hole tief Luft. „Ich werde mich von dir trennen.“

Er stellte sein Weinglas ab. „Ich fürchte, ich verstehe nicht ganz.“

„Es tut mir leid“, versicherte sie. „Wirklich. Es tut mir sehr, sehr leid.“

„Soll das ein Scherz sein?“ Ungläubig starrte er sie an, fuhr sich durch das kurze blonde Haar. Eine Geste der Verwirrung, des Unverständnisses. „Einfach so? Von heute auf morgen? Ich kapiere das nicht. Hast du den Verstand verloren?“

Sie war den Tränen nahe. „Es liegt nicht an dir, bitte glaub mir. Es ist nur so, dass ...“ Sie wusste nicht weiter. Ihre zitternden Finger ergriffen die Serviette, spielten mit ihr.

Eine unangenehme Minute lang sprachen beide kein Wort.

„Mein Gott!“, stieß er plötzlich hervor, lehnte sich zurück und starrte Felicitas fassungslos an. „Es gibt einen anderen.“

 

Das Meer sah in der Dunkelheit aus wie geschmolzenes Blei. Felicitas hörte das Rauschen der Brandung, spürte den Sand unter den Füßen. Sie holte ihr Handy hervor und wählte Davids Nummer.

„Ich habe es getan. Ich habe mich von Tom getrennt“, sagte sie bedrückt. „Er war wütend, gekränkt und sehr verletzend mir gegenüber. So habe ich ihn noch nie erlebt. Es war furchtbar.“

„Das tut mir leid“, sagte David. „Es war sicher ein Schock für ihn. Möchtest du jetzt allein sein oder brauchst du Gesellschaft?“

„Seit einer Stunde renne ich den Strand auf und ab und denke nach“, antwortete sie. „Ich bin durchgefroren und deprimiert.“

„Dann komm her.“ Er nannte ihr seine Adresse. „Ich freue mich auf dich und mache uns einen heißen Tee mit Rum.“

Zehn Minuten später war sie bei ihm. Fiel in seine Arme, spürte seine Lippen auf ihren und hatte das verrückte Gefühl, nach Hause gekommen zu sein.

 

In den nächsten Tagen lernten sie sich neu kennen. Tagsüber redeten sie und in den Nächten berauschten sie sich an der Nähe des anderen. Davids Leidenschaft riss Felicitas mit, sie fühlte sich wie in einem erregenden Strudel.

Als sie eines Morgens spazieren gingen, drückte er sie fest an sich. „Ich kann immer noch nicht glauben, dass ich dich wiederhabe.“

„Mir geht es genauso. Ich habe sogar das Gefühl, freier atmen zu können. Ist das nicht verrückt?“

„Nein, das glaube ich nicht“, sagte er mit einem zärtlichen Lachen.

Sie blieb stehen und sah ihn an. „Ist das Liebe?“

Er nickte ernst. „Davon bin ich überzeugt. Ich werde es dir beweisen, wenn du nach Gisborne kommst. Du wirst die glücklichste Frau Neuseelands sein, weil ich alles dafür tun werde, um dieses Strahlen in deinen Augen nie erlöschen zu lassen.“

„Wirklich alles?“

„Wirklich alles.“

 

Felicitas lauschte den Wellen, die sich an den Klippen der Küste von Gisborne brachen und schloss die Augen. Sie stand häufig hier, mitten in den Elementen. Nicht selten dachte sie dabei an Tom. Als sie nach dem Urlaub zurück nach Düsseldorf gefahren war, war er bereits ausgezogen und hatte nur ihre persönlichen Sachen im Haus zurückgelassen.

Nach ihrer Ankunft in Gisborne vor sechs Monaten hatte sie ihm geschrieben. Sie machte sich Sorgen, hätte gern gewusst, wie es ihm ging, doch er hüllte sich in gekränktes Schweigen.

David hatte sein Wort gehalten. Er las ihr jeden Wunsch von den Augen ab, war liebevoll und brachte sie immer wieder zum Lachen. Gab ihr das Gefühl, angekommen zu sein. Lediglich die Tatsache, dass sie nichts von Tom hörte, machte ihr Kummer.

Sie hörte Davids Schritte hinter sich. Schon legten sich seine Hände auf ihren leicht gewölbten Leib. Sie drehte sich um, schlang die Arme um seinen Nacken und atmete seinen Duft ein. Er roch nach Natur, nach Frische und Meeresluft.

„Wie geht es euch beiden?“, fragte er zärtlich.

„Fantastisch. Und dir?“

„Du hast Post bekommen.“

Seine Stimme klang seltsam. Irgendwie beunruhigt. Er löste sich von ihr und zog einen Brief aus seiner Hosentasche.

Sie las den Absender und verspürte eine eigentümliche Schwäche in den Beinen. Ihre Hand tastete nach Davids Arm. Er führte sie zu der Bank, die er gezimmert hatte, weil sie so gern hier oben war, dann hob er einen Stein auf und warf ihn weit aufs Meer hinaus.

Der Brief war nicht sehr lang. David kam zurück und setzte sich neben sie.

„Tom möchte, dass ich nach Deutschland komme“, berichtete sie mit Tränen in den Augen. David runzelte argwöhnisch die Stirn. „Ach! Tatsächlich?“

Lächelnd nahm sie seine Hand. „Ja. Zu unserem Scheidungstermin. Er ist frisch verliebt und möchte die Frau gern heiraten. Er hat mir verziehen, schreibt er.“
Davids Gesichtszüge entspannten sich. „Und ich hatte schon befürchtet ...“

„Es geht ihm gut“, sagte Felicitas erleichtert. „Er ist glücklich. Und ich bin es auch. Nun kann ich dieses Glück endlich so richtig genießen.“ Sie streichelte sanft ihren Bauch.

Gemeinsam lauschten sie den Wellen, die gegen die Felsen schlugen, als sie Arm in Arm den Hügel hinabgingen.

 

ENDE