Diesmal wird es etwas dramatisch.

Eine Geschichte, wie sie so oder ähnlich im Nachbar- oder Bekanntenkreis vorkommen könnte ...

 

 

Auch leise Geräusche können endgültig sein


Torsten legte den Hörer auf und starrte nachdenklich vor sich hin. Simone hatte normal geklungen und trotzdem war er beunruhigt. Nein, vermutlich war genau das der Grund, weshalb er Verdacht schöpfte. Sie hatte sich zu normal angehört. Beinahe heiter. Inzwischen war er ein Profi darin, die Anzeichen zu erkennen. Jede Nuance in ihrer Stimme zu deuten.

Er hob den Hörer wieder ab und wählte. Lauschte dem Freizeichen und betete, seine Schwiegermutter würde rangehen.

»Jannsen.«
»Hallo Kati, ich bin’s«, sagte Torsten. »Hast du heute schon mit Simone gesprochen?«
»Nein, noch nicht, aber ich wollte gleich mal vorbeigehen und ...« Sie brach ab. »Du klingst so merkwürdig. Sag die Wahrheit, Torsten. Hat sie etwa wieder ...?«

»Ich weiß es nicht, Kati. Vielleicht. Es ist nur ein Verdacht, aber als ich eben mit ihr sprach, da ... hatte ich dieses ungute Gefühl. Als wäre plötzlich ein Eisklumpen in meinem Magen.«

»Du weißt es also nicht genau?«

»Nein. Aber kaum hörte ich ihre Stimme, war das Gefühl da. Bisher hat es mich noch nie getrogen.«

»Soll ich mal rübergehen?«, bot seine Schwiegermutter an, »ich könnte Mika mit zum Einkaufen nehmen und anschließend mit ihm auf den Spielplatz gehen.«
Torsten atmete erleichtert tief durch. »Ja, tu das. Es ist besser, wenn er bei dir ist, falls ich recht haben sollte.«

»Ach, Torsten«, jammerte seine Schwiegermutter, »es ist doch erst drei Wochen her, seit sie von der Kur zurück ist.«

Kati sagte immer ›Kur‹. Das klang so schön harmlos. Nach ein wenig Erschöpfung, nach nötiger Erholung, nach Strandkorb und Spaziergängen.
»Wie gesagt, ich bin mir nicht sicher«, sagte Torsten und schaute auf die Uhr. Es war kurz nach drei. Gleich musste er zum Gericht. Hoffentlich dauerte die Verhandlung nicht allzu lange.

»Hör zu, ich werde heute früher Feierabend machen und so bald wie möglich nach Hause fahren«, sagte er nun, »aber ich habe eine Bitte an dich.«

»Was denn, mein Junge?« Er hörte die hoffnungslose Verzweiflung in Katis Stimme, spürte, dass sie kurz davor war, zu weinen.

Er räusperte sich. »Falls es wieder soweit ist ... Könnten Mika und ich dann eine Weile bei dir bleiben?«


Er schaltete den Motor seines Volvos aus und zog die Handbremse an. Betrachtete sein Haus in der Frühlingssonne. Zwei Etagen weißer Klinker, blaue Dachziegel, Garage, ein gepflegter Vorgarten. Von außen ein Symbol seines beruflichen Erfolgs, doch innen offenbarte sich das Desaster seines Privatlebens.
Er wusste von seiner Sekretärin, dass Kati noch einmal versucht hatte, ihn zu erreichen, als er beim Gericht gewesen war. Die Verhandlung hatte sich endlos gezogen und später war seine Schwiegermutter nicht ans Telefon gegangen. Vermutlich war sie mit Mika unterwegs. Ein Handy besaß sie nicht. So einen neumodischen Schnickschnack brauche sie nicht, behauptete sie stets, wenn er ihr riet, sich eines anzuschaffen.

Er griff nach seiner Aktentasche, stieg aus dem Wagen und ging langsam auf die moderne Eingangstür mit den Milchglaseinsätzen zu. Schloss sie auf. Horchte ins Haus hinein. Aus dem Wohnzimmer war der Fernseher zu hören. Irgendeine Sitcom, er hörte die Lacher aus dem Off. Ihm selbst war weiß Gott nicht zum Lachen zumute.

Er stellte seine Aktentasche bei der Garderobe ab und holte tief Luft, ehe er zum Wohnzimmer ging.

Simone lag auf der Couch, vom Eingang aus konnte er ihre nackten, schmutzigen Fußsohlen sehen. Und auf dem niedrigen Couchtisch stand eine fast leere Wodkaflasche. Schien ihn anzugrinsen.

Er biss die Zähne zusammen und wandte den Blick ab.

Langsam trat er näher. Simone war eingeschlafen. Ihr Mund stand etwas offen, das lange blonde Haar hing strähnig herab. Er schaltete den Fernseher aus. Warum nur fiel sie immer wieder in dieses hochprozentige Loch und zog sie alle mit sich? So ging es einfach nicht weiter. Ein Entzug, eine Therapie folgte der nächsten, weil sie immer wieder zur Flasche griff, trotz aller Schwüre und Versprechungen. Sie fühlte sich eben ständig überfordert. Vom Haushalt und von der Erziehung des fünfjährigen Mika, der zwar manchmal anstrengend sein konnte, aber doch eigentlich ein ganz normaler Junge war. Simone musste nicht einmal den Spagat zwischen Beruf und Haushalt bewältigen, brauchte nicht mitzuarbeiten. Er verdiente genug.

Bei der ersten Therapie hatte man ihr gesagt, das sei vielleicht der Grund für ihre Alkoholsucht. Sie fühle sich klein neben Torsten, dem erfolgreichen Anwalt. Nutzlos und unfähig. Als Simone ihm das an den Kopf geworfen hatte, war er wütend geworden. Ob er seinen Job aufgeben solle, damit sie sich besser fühle, hatte er sie gefragt.

Er riss sich den Arsch auf und bekam zum Dank den Schwarzen Peter zugespielt. Noch immer rumorte es in ihm, wenn er an diese ungerechten Vorwürfe seiner Frau dachte.
Torsten kniete sich neben das Sofa und rüttelte an der Schulter seiner Frau. »Simone, wach auf!«

Sie murmelte etwas, doch die Augen blieben geschlossen.

»Simone!«
Nichts. Er stand auf, ging ins Gästebad und hielt eines der kleinen Handtücher unter den kalten Wasserstrahl am Waschbecken. Dann wrang er es aus und ging zurück. War so wütend und enttäuscht, als er seine betrunkene Frau betrachtete. Am liebsten hätte er ihr das nasse Tuch grob ins Gesicht geklatscht, doch er beherrschte sich und bettete es zusammengelegt auf ihre Stirn.
»Simone, wach auf«, versuchte er es noch einmal, und diesmal schlug sie zögernd die Augen auf. Sie schwammen im Wodka, waren rot und trüb.

»Was issn los?« Simone fegte das Tuch von ihrer Stirn und schaute Torsten wütend an. »Darf man nich ma’n kleines Nickerchen machen?«
»Nüchtern schon«, gab er zurück und trat ein paar Schritte zurück. »Was war es diesmal, hm? Eine Wodka-Werbung im Fernsehen? Oder war es dir zu anstrengend, dich um deinen Sohn zu kümmern, weil ich so rücksichtslos bin und arbeiten gehe?«

Sie kämpfte sich in eine sitzende Position und verzog das Gesicht zu einer weinerlichen Grimasse. »Du hast doch keine Ahnung, durch welche Hölle ich jeden Tag gehe«, jammerte sie.

»Das mag sein«, räumte er ein. »Aber dank dir ist auch mein Leben mehr Hölle als Himmel, glaub mir. Ich wollte dir nur sagen, dass es mir endgültig reicht. Ich packe jetzt ein paar Sachen zusammen und verschwinde. Du bist fortan auf dich allein gestellt, meine Liebe.«

Sie stand unsicher auf, schwankte und bohrte ihre Finger in die gepolsterte Rückenlehne des Sessels. »Was soll das heißen? Und Mika?«

»Kommt natürlich mit mir. Oder glaubst du ernsthaft, ich lasse ihn bei seiner versoffenen Mutter?«

Sie fing an zu heulen und wischte sich unbeholfen die Tränen von den Wangen. »Wie redest du denn mit mir?«

»In der einzigen Sprache, die du zu verstehen scheinst. Es ist vorbei, Simone. Wenn du dich unbedingt zu Tode trinken willst, dann tu es. Aber wir werden nicht dabei zusehen.«

Er wandte sich ab, um Mikas und seine Sachen zusammenzupacken. Es fiel ihm schwer, so zu reden und zu handeln, doch während Simones letzter Therapie hatte er beschlossen, bei einem weiteren Rückfall den Rat zu befolgen, den sein alter Freund Max, ein Arzt, ihm gegeben hatte:

»Sie muss richtig mit der Schnauze im Dreck liegen. Solange es jemanden gibt, der ihr eine helfende Hand reicht, wird sie immer wieder rückfällig werden. Es darf nur zwei Möglichkeiten für sie geben: Aufhören oder der völlige Absturz. Dann hat sie eine hauchdünne Chance, es zu packen.«

Torsten wünschte ihr, dass sie irgendwann den Absprung schaffte, doch selbst dann sah er keinen Weg, dass sie wieder zueinander fanden. Sie hatte seine Liebe mit dem Wodka weggespült.

»Warte, Torsten!« Simone torkelte hinter ihm her, erreichte ihn vor dem Schlafzimmer. Packte seinen Arm und klammerte sich an ihm fest. »Ich hör auf, versprochen! Gleich morgen. Du darfst mich jetzt nicht im Stich lassen.«
Er seufzte, löste sich von ihr und bemühte sich um eine feste Stimme. »Es tut mir leid, Simone, aber deinen Versprechungen kann ich nicht länger glauben. Es bleibt dabei, ich gehe.«

Sie stand da, starrte ihn an. Wütend. Ungläubig. Spürte wohl, dass er kein Spielchen spielte, sondern es bitterernst meinte. Abrupt begann sie zu schreien, kreischte so laut, dass es in seinen Ohren schmerzte, und begann, auf ihn einzuschlagen. Er hob die Arme, um seinen Kopf zu schützen.

»Dann geh doch!«, brüllte sie. »Hau ab! Ohne dich bin ich sowieso besser dran. Dann wird jedenfalls nicht ständig auf mir herumgehackt!«

Ebenso plötzlich, wie ihr Ausbruch gekommen war, hörte er wieder auf. Sie begann zu schluchzen und rutschte an der Wand der Diele nach unten, bis sie auf den glänzenden Bodenfliesen hockte. Ihre Schultern zuckten, ihr Gesicht war bleich und verquollen. Sie sah erbärmlich aus.

Torsten wandte sich ab und holte zwei Koffer. Zunächst packte er Mikas Sachen, dann seine eigenen. Nur das Notwendigste, für die nächsten Tage. Früher oder später würde Simone im Krankenhaus landen. Dann konnten Mika und er zurück nach Hause. Für seine Frau würde er eine kleine eigene Wohnung besorgen. Max hatte ihm zu dieser Vorgehensweise geraten.

Als er fertig gepackt hatte, fand er Simone im Wohnzimmer auf der Couch. Sie saß da und schenkte sich den Rest des Wodkas in ein Wasserglas. Als sie seine Schritte hörte, wandte sie sich ihm zu und hob mit höhnischer Miene das Glas an. »Prost, mein geliebter Ehemann. Auf dass es dir ohne mich besser geht.«
Er beobachtete, wie sie mit zurückgelegtem Kopf trank und ging mit den Koffern weiter zur Eingangstür. Öffnete sie. Wenn sie gleich hinter ihm zufiel, schloss er damit unweigerlich das Kapitel seiner Ehe. Er hatte lange gekämpft und verloren. Der Wodka hatte gewonnen.

Schon Mika zuliebe musste dieses Elend endlich ein Ende haben.

Torsten schob die Rollkoffer nach draußen und trat dann selbst über die Schwelle. Zog die Tür hinter sich zu. Sie krachte nicht dramatisch ins Schloss. Es war ein leiser Ton. Ein sanftes Zuschnappen. Doch auch leise Geräusche können endgültig sein.

 

ENDE