Moorleichen-Alptraum

  

»Aaaah!!« Sophie Haas schreckt hoch, keuchend, die Augen weit aufgerissen. Wie Scherenschnitte nimmt sie die Einrichtung ihres Schlafzimmers in der Dunkelheit wahr. »Alles ist gut«, murmelt sie, nach wie vor schwer atmend und mit rasendem Herzschlag. »Es war nur ein Traum. Nichts weiter als ein blöder Traum.«

Neben ihr regt sich die Bettdecke. »Was is’n los?«

 Mit einem leisen Klick schaltet Sophie die Nachttischlampe an. Jan blinzelt und zieht eine Grimasse wegen der plötzlichen Helligkeit. »Oh Mann, muss das sein?«

 Sie geht nicht darauf ein. Er soll sich gefälligst nicht so anstellen. Ihr Traum war wesentlich schlimmer als so ein bisschen Licht.

 »Erinnerst du dich, worüber wir gestern beim Essen gesprochen haben?«, fragt sie drängend.

 »Meinst du deinen Tunesien-Urlaub?«

 »Nein.«

 »Dann weiß ich es nicht mehr. Darf ich jetzt weiterschlafen?«

 »Über die Moorleiche. Darüber haben wir gesprochen. Du hast zugegeben, dass du gelogen hast mit der Behauptung, sie wäre 2500 Jahre alt.«

 »2400.«

 »Was auch immer. Gerade ist sie mir im Traum begegnet. Sie kam in die Wache geschwebt und erinnerte mich daran, dass ich ihren Fall noch nicht aufgeklärt habe.« Sophie starrte an die Wand. »Du hättest mal hören sollen, wie Schäffer und Bärbel geschrien haben«, sagt sie tonlos. »Ich habe jetzt noch Gänsehaut. Sieh mal.«

 Nun setzt sich Jan doch auf, wirft einen kurzen Blick auf den nackten Arm, den sie ihm hinhält, und seufzt. »Das war nur ein Traum. Kannst du die Sache nicht einfach vergessen? Hengasch zuliebe?«

 Sie schnaubt. »Du meinst wohl dir zuliebe. Damit niemand erfährt, dass dein weiblicher Ötzi nichts weiter ist als eine arme ermordete Frau, die kein Mensch vermisst.«

 »Eben. Niemand vermisst sie. Und als uralte Moorleiche kann sie über ihren Tod hinaus Gutes tun.« Er schaut sie treuherzig an. »Nimm ihr das nicht weg, Sophie.«

 Sie runzelt die Stirn und legt sich wieder hin.

 »Sophie?«

 Sie schaltet das Licht aus. »Gute Nacht!«

  

»Wie war der Urlaub, Chef?«, fragt Dietmar Schäffer, als sie am nächsten Morgen die Wache betritt, und nippt an seinem Kaffee.

 »Schön, dass sie wieder da sind«, sagt Bärbel mit einem breiten Willkommens-Lächeln. Vor ihr auf dem Schreibtisch steht ein gerahmtes Foto ihrer kleinen Tochter. 

 »Danke, der Urlaub war wunderbar«, antwortet Sophie wahrheitsgemäß. »Gibt es etwas Neues?«

 Bärbel und Dietmar schütteln unisono die Köpfe. »Nichts«, sagt Schäffer.

 »Überhaupt nichts«, bestätigt Bärbel.

 »Wunderbar.« Sophie setzt sich zufrieden an ihren Schreibtisch.

 Bärbel und Dietmar tauschen einen verwunderten Blick.

 »Seit wann freuen Sie sich denn darüber, dass nichts zu tun ist?«, fragt Schäffer.

 »Weil wir dadurch Zeit haben, uns noch einmal um die Moorleiche zu kümmern.«

 »Nee, ne?« Bärbel ist sichtlich verwirrt. »Wie sollen wir einen Mord aufklären, der über zweitausend Jahre zurückliegt?«

 »Die Leiche ist erst zwanzig bis dreißig Jahre alt«, stellt Sophie richtig. »Haben Sie unserem Bürgermeister sein Märchen etwa abgekauft?«

 Bärbel setzt sich aufrecht hin. »Ach so, nee, natürlich nicht.«

 »Aber auch ein Fall, der dreißig Jahre her ist, wird nicht so einfach zu knacken sein, Chef«, lässt sich Dietmar Schäffer vernehmen.

 »Wenn es einfach wäre, könnte es ja jeder«, gibt Sophie optimistisch zurück. »Ich habe mir schon ein paar Gedanken gemacht. Da die Tote hier nicht als vermisst gemeldet wurde, ist sie wohl keine Einheimische. Sie hat also vielleicht jemanden hier besucht. Irgendwann in den achtziger- oder neunziger Jahren.«

 Bärbel macht ihr ‚Aha!‘-Gesicht.

 »Wir werden uns erst einmal ganz unverbindlich umhören«, verkündet Sophie. »Ohne die Moorleiche zu erwähnen, damit vorerst ihr jugendliches Alter geheim bleibt.«

 »Darum hat Herr Schulte Sie gebeten, stimmt’s?«, fragt Bärbel und nickt verstehend.

 »Sagen wir, ich tue ihm damit einen Gefallen. Also, Sie, Bärbel, reden mal mit Frau Runkelbach, und Sie, Herr Schäffer, sprechen mit Hans Zielonka. Die beiden kriegen doch am meisten mit.«

 »Ich soll den Chef – ich meine den Herr Zielonka – fragen, ob er sich noch daran erinnern kann, wer damals Besuch von einer Frau hatte?«, fragt Schäffer ungläubig.

 »Zu Hochzeiten kommen oft Besucher von auswärts«, sinniert Bärbel.

 Sophie schaut erfreut hoch. »Sehr gut, Bärbel! Hochzeiten! Oder runde Geburtstage. Während Sie Hengaschs Senioren befragen, schaue ich im Standesamt und im Zeitungsarchiv vorbei. Vielleicht finde ich dort etwas Brauchbares.« Sie klatscht in die Hände. »Also los, an die Arbeit!«

 »Aber ich kann nur bis mittags«, erinnert Bärbel sie, während sie sich ihre Polizeimütze auf das dunkle Haar setzt. »Dann muss ich meine Kleine bei der Tagesmutter abholen.«

  

Mit einem Stapel Papieren kehrt Sophie um kurz vor zwölf in die Wache zurück. In den fraglichen Jahrzehnten hat es einige Hochzeiten, grün, silbern oder golden, gegeben. Dazu noch mehrere runde Geburtstage, die groß gefeiert wurden. Die meisten Namen sagen Sophie nichts. Sie breitet die Zettel mit den Anzeigen vor sich aus und seufzt leise. Dieser Fall ist wirklich eine enorme Herausforderung. Doch genau das reizt sie auch.

 Sie nimmt eine der Anzeigen und grinst. Mitte der Neunziger ehelichte ein gewisser Dietmar Schäffer seine Heike.

 Prompt erscheint der damalige Bräutigam im Türrahmen. »Der Zielonka konnte mir gar nichts sagen«, berichtet er bedauernd. »Klar kamen mal Frauen Anfang Dreißig zu irgendwelchen Feiern nach Hengasch, doch soweit er wusste, sind sie auch allesamt wieder abgereist.«

Sophie wedelt mit der Schäfferschen Hochzeitsanzeige. »Bestimmt hat Ihre Frau noch irgendwo die Gästeliste von Ihrer Hochzeit. Oder?«

 Schäffer glotzt. »Unsere Hochzeit?«

 »Genau. Oder kamen damals alle Gäste von hier?«

 Er lässt sich auf seinen Bürostuhl sinken. »Nee, nicht alle, aber viele. Chef, das ist schon so lange her! Ich weiß gar nicht mehr, wer alles dabei war.«

 »Dann rufen Sie Ihre Frau an. Wenn sie noch eine Liste hat, wäre es ganz reizend, wenn sie sie herbringen würde.«

 »Ist doch sowieso Mittagspause«, bemerkt Schäffer mit einem Blick auf die Uhr. »Ich könnte sie nach dem Essen mitnehmen.«

 »Das ist sogar noch besser.« Sophie nickt zufrieden. So muss sie Heike Schäffers Fragen nicht über sich ergehen lassen. »Aber denken Sie dran, kein Wort über die Moorleiche!«

 Dietmar steht auf und nickt eifrig. »Geht klar, Chef.«     

 Kaum ist er verschwunden, erscheint Bärbel. »Also, ich hab mit Frau Runkelbach und auch mit Tante Ente gesprochen«, erzählt sie und Sophie glaubt, eine gewisse Aufregung an ihr zu bemerken. »Und?«, fragt sie.

»Sie waren beide bei der Hochzeit von den Steiners dabei und erinnern sich daran, dass es damals einen kleinen Skandal gab.«

Sophie wedelt ungeduldig mit der Hand. »Los, los, weiter!«

»Also, der Magnus Reinhold war wohl ganz schön betrunken und hat ständig versucht, bei einer Cousine von der Anja Steiner – das war die Braut – zu landen. Als ein paar Männer ihn schließlich hinausgeworfen haben, kam es zu einer Schlägerei.«

»Moment mal, Magnus Reinhold, das war doch der -«

»Genau, der Sohn von Oma Kathi vom Apfelhof. Damals hat er ja noch ziemlich viel getrunken.«

»Ich verstehe. Geht die Geschichte weiter?«

Bärbel nickt. »Ich bin gerade bei der Anja Steiner gewesen. Diese Cousine war nur eine sehr entfernte Verwandte aus Köln, die sie kaum gekannt hat. Seitdem hat sie auch nie wieder von ihr gehört.«

 »Wie alt war sie?«

 »Genau wusste Anja das nicht, aber sie meint, sie müsse Anfang Dreißig gewesen sein. Sah aber deutlich jünger aus. Und hübsch war sie. Magnus war wohl nicht der Einzige, der sie toll fand.«

 Sophie spürt dieses Kribbeln auf ihrer Kopfhaut, wie immer, wenn es in einem Fall merklich voranging. »Wie heißt diese Cousine?«      

 »Natascha Lengenfeldt.« Bärbel reicht ihr einen Zettel. »Die Hochzeit war im Mai 1991.«

 »Sehr gut, ich prüfe das alles mal nach. Holen Sie Ihr Baby ab, wir sehen uns morgen.«

 »Danke, Chef.« Erleichtert nickt Bärbel ihr zu und geht zur Tür. »Tschüss!«

 Sophie hört den Gruß kaum, denn sie sucht in den Hochzeitsanzeigen auf ihrem Schreibtisch nach etwas, das ihr vorhin ins Auge sprang. Wo ist denn bloß …

 Ha! Triumphierend zieht sie einen Zettel heraus. Die Hochzeitsanzeige von Magnus und Helga Reinhold. Deren Hochzeit fand nur knappe drei Monate später statt, Anfang September desselben Jahres. Wenn er im Mai versucht hat, bei Natascha Lengenfeldt zu landen, war er womöglich zu dem Zeitpunkt noch gar nicht mit Helga liiert. Und trotzdem heiratete er sie nur wenig später.

 Eine Menge Fragen liegen Sophie auf der Zunge und die muss sie loswerden. Sie zieht ihre dicke Winterjacke an, schnappt sich ihre Handtasche und verlässt die Wache.

  

Die baumbestandene Auffahrt des Apfelhofes wirkt an diesem trüben Januartag noch wesentlich trostloser als im Sommer. Seit dem Mordfall Katharina Reinhold, die von ihrer geistig verwirrten Schwester umgebracht wurde, hat Sophie diesem Ort des Grauens keinen Besuch mehr abgestattet. Margot Reinhold, die Mörderin, befindet sich inzwischen in einer Nervenheilanstalt. Sophie rekapituliert, was sie über Magnus Reinhold weiß.

In seiner Jugendzeit hat er, wie Bärbel bereits anmerkte, viel getrunken, ist über diese Sucht aber längst hinweg. Einmal ist er mit einem Messer auf seinen Vater losgegangen und Sophie weiß noch genau, was Hans Zielonka in diesem Zusammenhang gesagt hat. ‚Magnus hat das Potential zum Mörder, das steckt ihm in den Genen.‘

Seine Geschwister haben den Apfelhof sofort verlassen, nachdem sie volljährig wurden, laut Zielonka aus Angst vor ihrem Bruder.

 Sophie hält vor dem alten Haus und steigt aus. Mit einer Mischung aus Neugierde und Unbehagen geht sie auf die Haustür zu und erinnert sich mit leichtem Gruseln daran, wie sie im Keller des Apfelhofes zu sich kam, nachdem Margot sie niedergeschlagen hat. Nur dank Heike Schäffer – ausgerechnet! –, die ihr zu Hilfe kam, ist ihr damals nicht mehr passiert.

Sie drückt auf die Klingel und wenig später öffnet sich die Tür. Helga Reinhold steht vor ihr. Wie üblich in einem kittelartigen Kleid, ungeschminkt und mit Kopftuch.

»Frau Haas. Was machen Sie denn hier?«

»Guten Tag, Frau Reinhold. Ich hoffe, ich störe nicht.«

»Magnus und ich essen gerade zu Mittag.«

 Sophie setzt ihr breitestes Lächeln auf. »Es dauert nicht lange, versprochen. Ich habe nur ein paar Fragen.«

 Sichtlich ungehalten lässt Helga Reinhold sie eintreten und geht dann vor in die kleine Küche.

 Magnus, der sich gerade einen Löffel dampfende Erbsensuppe in den Mund schieben will, sieht überrascht auf. Seine Stirn um die krisseligen roten Haare ist noch höher geworden, seit Sophie ihn das letzte Mal gesehen hat.

 »Frau Kommissarin«, wundert er sich. »Geht es etwa um meine Mutter?«

 »Nein, mehr um Sie«, sagt Sophie und deutet auf einen Stuhl. »Darf ich?«

 Er brummt etwas, das Sophie als Zustimmung deutet. Sie setzt sich hin. »Ich würde gern wissen, wann und wie Sie zwei sich kennengelernt haben«, sagt sie und schlägt die Beine übereinander.

 Magnus und Helga tauschen einen irritierten Blick.

 »Wieso?«, fragt Helga.

 Sophie spürt ihr Misstrauen. Sie muss sich schnell etwas einfallen lassen, um Helgas Argwohn zu zerstreuen. Gespielt verlegen winkt sie ab. »Ach, es geht um etwas völlig Albernes. Ich habe mit Bärbel gewettet, dass Sie beide sich schon lange vor Ihrer Hochzeit kannten. Sie aber meint, Sie wären sich erst kurz vorher nähergekommen.« Sophie beugt sich ein wenig vor. »Ich hätte Sie gar nicht damit belästigt, doch mein Wetteinsatz ist, dass ich einmal im Monat Bärbels Baby hüte. Und das, wo ich Kinder nicht einmal besonders leiden kann.« Sie lacht.

 Helga schaut sie befremdet an.

 »Das tut mir leid für Sie, aber Sie haben die Wette verloren«, sagt Magnus und löffelt weiter seine Suppe. »Wir haben uns im Mai ‘91 kennengelernt und schon im September geheiratet.«

»Wirklich? Also, das hätte ich nicht gedacht!« Sophie bemüht sich, überrascht zu wirken.

»Gab es einen Grund für diese Eile?«

Der Löffel, der auf dem Weg zu Magnus geöffnetem Mund ist, hält unterwegs inne. »Äh …«, sagt Magnus und sieht hilfesuchend zu Helga. Sophie beobachtet die beiden interessiert.

»Wegen des Apfelhofs«, sagt Helga schnell. »Hier wurden helfende Hände gebraucht und meine Schwiegermutter ließ nicht zu, dass ich herziehe, solange wir nicht verheiratet sind.«

Die Anspannung weicht aus Magnus‘ Gesicht. »Ja, so war das«, bestätigt er.   

Sophie glaubt den beiden kein Wort. »Und wie sind Sie sich begegnet?«, will sie wissen.

 »Bei einer Hochzeit«, antwortet Helga kurz angebunden und sieht ihren Mann finster an.

 »Bei Hochzeiten lernen sich ja viele Paare kennen«, plaudert Sophie. »Bei wessen Hochzeit war es denn?«

 »Das weiß ich nicht mehr«, behauptet Helga, ehe Magnus den Mund aufmachen kann. »Ist ja schließlich schon sehr lange her. Wenn das alles war …« Sie sieht Sophie auffordernd an.

»Ja, vielen Dank.« Sophie steht auf. »Dann werde ich wohl babysitten müssen. Schönen Tag noch!«

 

Als sie ins Büro kommt, ist Dietmar bereits wieder zurück aus der Mittagspause. »Heike hatte tatsächlich noch die Gästeliste«, bemerkt er stolz. »Ich habe sie auf Ihren Schreibtisch gelegt.« 

»Danke, Schäffer, aber ich glaube, die brauchen wir nicht mehr.« Sophie zieht ihre Jacke aus und lässt sich wenig später zufrieden in ihrem Stuhl zurücksinken.

»Mann, Mann, Mann«, stöhnt Schäffer. »Dann habe ich sie also umsonst mitgenommen.«

 Sophie hält den Bogen Papier in die Höhe und betrachtet Dietmar amüsiert. »Hoffentlich haben Sie sich nicht verhoben.«

 »Wie? Ach so, nee.« Er verschränkt die Arme. »Haben Sie etwas herausgekriegt?«

 Sophie berichtet von dem, was sie erfahren hat und wie seltsam das Ehepaar Reinhold auf ihre Fragen reagiert hat.

 Dietmar Schäffer nickt mehrmals, sieht dann aber verwirrt auf. »Und was bedeutet das?«

 »Bisher ist es nur eine Theorie«, sagt Sophie langsam, »aber ich glaube, Helga Reinhold weiß, dass Magnus diese Cousine der Braut im Suff getötet hat und für ihr Schweigen verlangte sie, dass er sie heiratet.« Nachdenklich greift sie nach einem Kugelschreiber und drückt mehrmals auf den Knopf. Klack. Klack. Klack. »Mir ist nur noch nicht ganz klar, warum sie so scharf darauf war, dass er sie zur Frau nimmt. Ich meine, der Mann ist ja nun nicht gerade der Hauptgewinn.«

»Vielleicht hat Heike was gehört«, sagt Schäffer. »Soll ich sie mal anrufen?«

Sophie nickt. »Gute Idee, Schäffer.« Sie macht eine auffordernde Handbewegung und Dietmar greift zum Hörer. Der sicherlich müffelnde Stoffhund schmiegt sich an seine Wange und Sophie verzieht angewidert das Gesicht. Ungeduldig lauscht sie dem Telefonat und sieht Schäffer erwartungsvoll an, als er endlich auflegt. »Und? Was hat sie gesagt?«

 »Also, Heike sagt, die Birgit von den Landfrauen hat ihr mal erzählt, dass die Helga eine ganz schlimme Kindheit hatte. Ihr Vater prügelte die ganze Familie regelmäßig windelweich und Geld war immer knapp. Helga wollte schon früh von dort weg und der Apfelhof bot ihr finanzielle Sicherheit.«

 »Soso, das meint also die Birgit von den Landfrauen.« Sophie lässt den Kugelschreiber los. »Jetzt müssen wir Magnus die Tat nur noch nachweisen.«

Dietmar nickt, sieht aber ratlos aus. »Und wie?«

»Wissen Sie, was das ist, Schäffer?«, fragt sie, stützt die Ellenbogen auf die Schreibtischplatte und bettet den Kopf in ihren Händen. »Das ist eine gute Frage. Eine verdammt gute Frage.«   

 

Am nächsten Tag fährt Sophie mit Bärbel hinaus auf den Apfelhof. Als sie aussteigen, hören sie von der Rückseite des Hauses eine Axt in Holz einschlagen. Magnus ist offenbar gut beschäftigt, so dass sie ungestört mit Helga sprechen können. Die sieht alles andere als begeistert aus, als sie die Tür öffnet.

»Sie schon wieder«, stöhnt sie genervt.

 »Helga, wir müssen mit dir reden«, sagt Bärbel. »Können wir reinkommen?«

 »Aber nicht so lange, ich hab viel zu tun.«

 »Wir werden es kurz machen«, verspricht Sophie und folgt Bärbel und Helga in die Küche.

 Als alle drei am Tisch sitzen, ergreift sie das Wort. »Folgendes: Als Sie Ihren Mann bei jener Hochzeit -«

 »Der von Anja Steiner«, wirft Bärbel ein.

 Sophie schaut kurz zu Bärbel und dann zurück zu Helga Reinhold. »Also, als Sie Ihren Mann bei der Steiner-Hochzeit kennenlernten, kam es zu einem Zwischenfall mit der Cousine der Braut, einer Natascha Lengenfeldt. Unsere Ermittlungen haben ergeben, dass diese Natascha seitdem spurlos verschwunden ist. Weil sie alleinstehend und arbeitslos war, dauerte es eine Weile, ehe eine Kölner Freundin sie dort als vermisst meldete.«

 Helga Reinhold weicht Sophies Blick aus. »Und was hab ich damit zu tun?«

 »Gar nichts«, wiegelt Bärbel ab. »Aber wir glauben, dass Magnus etwas mit ihrem Verschwinden zu tun haben könnte – und dass du ihn deckst.«

»So ein Blödsinn«, sagt Helga.

»Ich kann Ihre Beweggründe verstehen«, sagt Sophie sanft. »Sie wollten damals fort aus Ihrem Elternhaus und hier bot sich eine einmalige Chance.« Sie macht eine kurze Pause und fährt dann fort. »Natürlich ist das alles lange her und die ganze Sache im Grunde längst vergessen. Niemand wird Ihrem Mann etwas nachweisen können, wenn Sie weiterhin schweigen. Oder wollen Sie uns sagen, was sie darüber wissen?«

»Ich weiß überhaupt nichts.«

Sophie hebt besänftigend beide Hände. »Schon gut, das haben wir erwartet. Es ist ja auch Ihr gutes Recht, sich schützend vor Ihren Mann zu stellen. Also bleibt er Ihnen erhalten – für den Rest Ihres Lebens.« Sie lächelt und steht auf. »Es muss schön sein, so eine glückliche Ehe zu führen.«

Auf dem Weg zum Auto sieht Sophie noch einmal zurück. Helga Reinhold steht im Türrahmen und nagt an ihrer Unterlippe.

 »Und was jetzt?«, fragt Bärbel auf dem Weg zurück zur Wache.

 »Jetzt heißt es abwarten. Entweder beißt sie an – oder nicht.«

 »Na, da bin ich aber mal gespannt. Also, wenn diese Natascha wirklich unsere Moorleiche ist und Magnus sie umgebracht hat, sollte er auch dafür büßen müssen. Find ich.«

 »Ja, Bärbel, das finde ich auch.« Sophie drückt das Gaspedal durch.    

  

Der Nachmittag neigt sich bereits dem Ende entgegen und draußen ist es düster. Sophie steht an der spaltbreit geöffneten Tür der Wache und pustet ihren Zigarettenrauch in die kalte Winterluft, als plötzlich ein Wagen auf die Auffahrt rollt und anhält. Als die Tür aufgeht und das Innere des Wagens erhellt wird, erkennt Sophie, wer hinter dem Steuer sitzt. Ihr Herz schlägt schneller. Es ist Helga Reinhold!

 Eilig wirft sie die Kippe in den Schneerest am Rande der Treppe und hetzt zurück in die warme Wachstube. So schnell sie kann setzt sie sich hinter ihren Schreibtisch und bemüht sich, entspannt auszusehen.

 »Sie kommt!«, zischt sie Schäffer noch zu.

 »Wer?«

 Die Tür geht auf und eine verlegen dreinblickende Helga Reinhold tritt an den Tresen.

 »Ich möchte gern eine Aussage machen«, sagt sie.

 Sophie grinst zufrieden.   

  

»… und dann erzählte sie, dass sie beobachtet hat, wie Magnus diese Natascha bedrängte, als sie am Morgen nach der Feier zum Bahnhof hinüberging«, berichtet Sophie hochzufrieden, als sie abends mit Jan bei Wein und Käse auf der Couch sitzt.

Jan schenkt ihr Rotwein nach.

»Danke. Es war noch früh und die Straßen menschenleer, sagte Helga Reinhold. Magnus zog Natascha in einen Hauseingang und wollte dort wohl über sie herfallen – vermutlich war auch noch Restalkohol im Spiel -, aber sie wehrte sich nach Kräften und irgendwann begann er, sie zu würgen.« Sophie stößt mit Jan an und trinkt einen Schluck. »Als sie sich nicht mehr rührte, sah Helga ihre Zeit als gekommen an. Sie half Magnus, die Leiche ins Moor zu schaffen und versprach, über all das kein Wort zu verlieren, wenn er sie mit einer Heirat aus ihrem Elternhaus herausholt.«

 »Ich hab noch nicht kapiert, wieso sie jetzt auf einmal mit der Wahrheit herausrückt«, sagt Jan verbittert. »Nun erfährt ganz Hengasch, dass unsere Moorleiche nichts Besonderes ist.«

»Auf diese Weise ist sie ihren Mann endlich geschickt losgeworden. Ihr ging es nicht um ihn, sie hat ihn nie geliebt. Im Gegenteil, sie verabscheut ihn. Aber wenn sie sich scheiden lässt, steht sie vor dem Nichts. Nun bleibt ihr der Apfelhof, zumindest so lange, bis Magnus aus dem Gefängnis entlassen wird. Und das kann dauern.« Sophie lächelt und steckt sich ein Stück Käse in den Mund.

 »Aber nun stehe ich als Lügenbaron vor der Gemeinde«, klagt Jan.

Sophie zuckt mit den Achseln. »Die Hengascher lieben dich, sie werden dir schon irgendwann verzeihen«, prophezeit sie. »Na ja, zumindest alle außer Hans Zielonka.«  

»Hauptsache, du hast deinen Fall gelöst«, brummt Jan.

Sie strahlt ihn an. »Genau! Jetzt kann ich endlich wieder ruhig schlafen – ohne Moorleiche.«

 

ENDE