Federleichte Kampfansage


 


»Aber ihre Augen sind doch offen, das heißt, dass sie wach ist, oder?«, sagt eine tiefe Stimme, die ich kenne, aber nicht zuordnen kann. Redet sie von mir?
Ich kann nichts weiter sehen als eine weiße Raufaserdecke und ein Bild an der gegenüberliegenden Wand. Darauf ist ein bunter Blumenstrauß abgebildet.
»Das stimmt so leider nicht«, sagt eine weitere Stimme. »Auch, wenn ihre Augen offen sind, ist Ihre Frau vermutlich ohne Bewusstsein. Bei Wachkoma-Patienten ist das nicht ungewöhnlich. Hören Sie, Herr Mahler, Ihre Frau wurde nach der Erstbehandlung der Hirnblutung von der Intensivstation in die Neurologie verlegt. Das heißt aber nicht, dass sich ihr Zustand in nächster Zeit entscheidend verbessern wird.«
»Oh.« Pause. Ich höre ein Räuspern. »Was kann ich tun, Herr Doktor?«
»Nehmen Sie sich Zeit für sie, sprechen Sie mit ihr, seien Sie einfach da. Erinnern Sie sie an gemeinsame Zeiten. Fotoalben sind oft hilfreich.«
»Ich soll mit ihr reden, obwohl sie mich nicht hören kann?«
Eine Hand greift nach meiner, streichelt meine Finger. Die Stimmen verschwimmen zu einem unschönen Rauschen, denn diese plötzliche Nähe, diese Berührung ist alles, was ich wahrnehme. Und sie gefällt mir nicht. Ich will meine Hand wegziehen, schaffe es aber nicht. Sie wird weiterhin festgehalten und gestreichelt.

»Hallo Jeanette, ich bin Maik, dein Ergotherapeut.«
Die Stimme klingt fröhlich und lebensbejahend. Jeanette, das bin ich, soviel weiß ich. Bens Hand, die meine gehalten hat, ist fort. Ich registriere das mit Erleichterung.

Maik spricht mit mir, während er die Decke zurückschlägt und seine Hände prüfend über meine Füße und Beine streichen.
Er kommt von nun an regelmäßig, hellt meine dunklen Tage auf. Ich freue mich, wenn er in meiner Nähe ist und mit mir redet. Diesmal erzählt er mir von einem Streich, den er als Junge seinem Lehrer gespielt hat, während er meine Arme bewegt und meine Finger beugt. Ich höre zwar, was er sagt, doch in erster Linie lausche ich seiner sympathischen Stimme.
Dann ist auch mein Mann plötzlich da. Er küsst mich auf die Stirn und redet ein paar Worte mit Maik, dessen Hände sich zurückziehen.

Mein Therapeut betrachtet mich nachdenklich, seine Miene ist ernst. »Ich komme später wieder, Jeanette«, sagt er und geht.
Mir wird kalt.
Ben setzt sich zu mir, die Matratze sinkt herab. Er streichelt meine Wange, sieht müde und ernst aus. Ich würde mich gern abwenden, doch mein Kopf gehorcht mir nicht. Ob ich mich je daran gewöhnen werde, gleichzeitig leblos und lebendig zu sein?
»Wach doch auf«, sagt mein Mann leise. »Ich finde es so furchtbar, dich hier liegen und ins Leere starren zu sehen. Als wärst du da und doch ganz woanders.«
Das Geräusch der sich öffnenden Tür lässt ihn hochblicken. Abrupt steht er auf, die rasche Bewegung hebt und senkt meinen Körper.
»Was machst du denn hier?«, zischt er.
»Was glaubst du wohl? Ich will Jeanette besuchen«, sagt die helle, etwas trotzig klingende Stimme meiner besten Freundin Jana. Vermutlich sollte ich mich freuen, dass sie da ist, doch ich empfinde nichts als Widerwillen. Wie neulich, als Ben meine Hand streichelte.
Er geht zu Jana hinüber. »Ausgerechnet jetzt kommst du her?«
»Entschuldige, ich wusste nicht, dass du hier bist.«
Im nächsten Moment beug Jana sich über mich. Ihr Haar umrahmt das schmale, hübsche Gesicht wie ein dunkler Vorhang eine beleuchtete Theaterbühne. Ihre Hand streichelt sanft meine Wange.
Ich will das nicht.
Stille. Dann höre ich Ben vorschlagen, draußen weiter zu reden.
»Wieso? Sie kriegt doch sowieso nichts mit«, entgegnet Jana schnippisch, geht aber mit. Ich bin allein. Allein mit vagen Erinnerungen. Von Ben und Jana, nackt und keuchend in unserem Bett. Sie haben mich nicht bemerkt und ich habe nichts gesagt. War wie gelähmt vor Schmerz und Enttäuschung.
Und dann fand ich mich hier wieder.
Nur Maik kommt zurück. Setzt sich zu mir und schaut mich an. »Ich weiß ja nicht, was zwischen dir und deinem Mann passiert ist«, sagt er leise, »aber mir war so, als hättest du dich nicht gefreut, als er kam. Du hast dich irgendwie versteift und dein Gesicht schien angespannter als sonst.«
Ich würde ihm so gern sagen, wie richtig er mit seiner Beobachtung liegt. Aber meine Zunge gehorcht mir ebenso wenig wie meine Hände oder Füße.
»Du bekommst mehr mit, als sie alle ahnen, nicht wahr?«, flüstert Maik und lächelt. Ich mag sein Lächeln. Würde es gern immer vor mir sehen. Bei sämtlichen Untersuchungen, die sie mit mir anstellen, in den Stunden, die ich allein hier liege, und vor allem dann, wenn Ben in meiner Nähe ist. Manchmal legt mein Mann sich zu mir, schlingt seine Arme um mich, zieht meinen Kopf an seine Brust. Das ist jedes Mal furchtbar für mich, doch ich bin dazu verdammt, es ohne Gegenwehr über mich ergehen zu lassen. Einmal hat er sich gar dicht an mich gepresst, schwer geatmet und meine Brüste gestreichelt, während er in Erinnerungen an früher schwelgte. An die Zeit, in der wir frisch verliebt waren und nicht genug voneinander bekamen. Doch das ist lange vorbei.
Immer, wenn Ben seither an mein Krankenbett tritt, ist der Gedanke an diesen widerlichen Vorfall, der mit Bens verlegenem Räuspern und seinem recht plötzlichen Aufbruch endete, wieder da. Ich will ihn nicht mehr sehen. Doch er merkt nicht, wie ich innerlich verkrampfe, sobald er in meiner Nähe ist.
Maik aber spürt mein Unbehagen. Vermutlich, weil ich ganz anders bin, wenn er bei mir ist.


Jana kommt nicht mehr, aber hin und wieder ruft sie an, während Ben bei mir ist. Ich merke an der Vertrautheit in Bens gesenkter Stimme, dass sie es ist. Oft verschwindet er kurz darauf, so dass ich mich mittlerweile freue, wenn sein Handy klingelt.
Die Zeit vergeht, ist ausgefüllt mit Untersuchungen, Spaziergängen mit Maik, der mich in einem Spezial-Rollstuhl durch den mit Vogelzwitschern und dem Duft der Blumen erfüllten Krankenhauspark schiebt, unnütz scheinenden Sprechübungen mit dem Logopäden, und der Ergotherapie, auf die ich mich am meisten freue. Maiks Hände sind sanft und energisch zugleich. Er sorgt dafür, dass meine Muskeln nicht völlig erschlaffen. Er bewegt mich, körperlich und mental. Erzählt mir von Filmen, die er gesehen, von Dingen, die er erlebt hat. Nie erwähnt er eine Frau oder eine Familie. Wenn ich könnte, würde ich ihm die vielen Fragen stellen, die mir auf der nutzlosen Zunge liegen.

Manchmal glaube ich, er spürt, was ich möchte. Stellt das Radio ein, wenn mir nach Musik zumute ist, oder öffnet das Fenster, wenn ich gern frische Luft atmen würde. Es ist faszinierend.
»Habe ich dir eigentlich schon gesagt, dass du meine hübscheste Patientin bist?«, fragt er eines Morgens. Die Schwester hat mich gerade gewaschen, mir das Gesicht eingecremt und die Haare gebürstet. Dass ich diese simplen Kleinigkeiten nicht mehr selbst tun kann, ärgert mich, doch nach dieser Bemerkung von Maik bin ich einfach nur glücklich. Er ist der Einzige, dessen Nähe ich als angenehm empfinde. Sein Kompliment tut mir so gut. Mag sein, dass er das zu jeder Patientin sagt, aber wer weiß? Vielleicht auch nicht.
Während er meinem schlaffen Körper zu etwas Bewegung verhilft, betrachte ich ihn, wann immer sein Gesicht in mein Blickfeld gerät. Er hat dunkleres und längeres Haar als Ben, und im Gegensatz zu meinem Mann trägt er einen Bart. Seine braunen Augen strahlen Fröhlichkeit aus und wenn er lacht, leuchten sie richtig.
Ben dagegen ist meistens ernst. Wenn er lächelt, wirkt es gezwungen.

Es ist verrückt. Ich spüre, dass er sich in meiner Nähe unwohl fühlt, ebenso wie ich mich in seiner. Dennoch kommt er täglich nach der Arbeit, erzählt mir vom Stress im Büro und schaut alle paar Minuten auf die Uhr, bis er einen Grund findet, um zu gehen. Immer häufiger ist dieser Anlass ein Anruf von Jana.
»Ich weiß, dass du gar nichts von dem mitbekommst, was ich dir erzähle«, sagt er eines Tages und fährt sich durch die Haare, »aber ich finde, du hast ein Recht, es zu erfahren. Vielleicht verstehst du es doch, wäre ja möglich. Wie dem auch sei, dein Arzt hat mir heute gesagt, dass du nicht mehr lange hierbleiben kannst. Er meint, es könnte helfen, wenn du nach Hause kommst und dort gepflegt wirst. Aber das ist nicht so einfach, Jeanette. Ich lebe nicht mehr allein. Jana ist bei mir eingezogen, und sie ist schwanger. Deshalb wirst du demnächst in ein Heim ziehen müssen. Es tut mir leid.«

Als er fort ist, wird mir klar, dass ich etwas tun muss.
In dieser Nacht schlafe ich nicht. Stattdessen bündele ich Kraft und Willen und versuche, einen Teil meines Körpers zu bewegen. Einen Zeh, den kleinen Finger, meine Mundwinkel. Irgendetwas. Ich will mich nicht so einfach abschieben lassen. Will wieder richtig leben.
Als Maik kommt, klopft mein Herz schneller. Ich brenne darauf, ihm die Ergebnisse der letzten Nacht zu präsentieren. Als er wie jeden Morgen meine Hand ergreift, drücke ich seine so fest ich kann. Vermutlich ist der Druck nicht viel stärker als der einer Feder, die auf seiner Haut landet, doch er sieht überrascht auf.
»Na also«, sagt er zärtlich, »ich wusste doch, dass in dir eine Kämpferin schlummert.«
In Gedanken nicke ich ihm zufrieden zu. Ich bin zum Kampf bereit.

 

 

 

ENDE