Der Rollmops-Mörder

 

 

Kommissar Jan-Ole Kordts war schlechter Stimmung. Den Vormittag hatten seine Kollegin Lea Winter und er auf dem Schießstand verbracht und seine Leistungen waren unterirdisch gewesen. Erst gegen Ende der Übung hatte er etwas besser getroffen. Dennoch war das Gesamtergebnis so schlecht ausgefallen, dass sein Chef es sich nicht hatte verkneifen können, ein paar seiner mahnenden Weisheiten loszuwerden, verbunden mit einem ‚Nun-reißen-Sie-sich-aber-mal-zusammen!‘-Blick.

 Und jetzt noch dieser Anruf. Die Nachricht, die er gerade erhalten hatte, setzte diesem ohnehin gebrauchten Tag die Krone auf. Jan-Ole knallte den Hörer auf die Gabel. „Er hat schon wieder zugeschlagen. Verfluchte Scheiße!“

 Mit einem Anflug von schlechtem Gewissen merkte er, dass Lea Winter vor Schreck zusammengezuckt war. „Jetzt habe ich mich vertippt!“, schimpfte sie in seine Richtung.

 Sie war gerade dabei gewesen, mühsam und mit hervorlugender Zungenspitze auf der alten Schreibmaschine ein Formular auszufüllen. Jan-Ole beobachtete das sonst immer mit großem Vergnügen. Heute war es diesem Szenario allerdings nicht gelungen, seine Laune zu heben.

 Lea riss das Papier aus der Maschine, zerknüllte es und warf es gekonnt in den entfernt stehenden Papierkorb. Dann wandte sie sich mit einem alarmierten Blick Jan-Ole zu. „Schon wieder zugeschlagen? Meinst du etwa den Rollmops-Mörder?“

 Er atmete hörbar aus. „Allerdings. Wir müssen diesen verdammten Mistkerl endlich kriegen!“

 „Erzähl“, forderte sie ihn auf. „Wenn möglich ohne Kraftausdrücke. Was ist passiert?“

 „Diesmal hat es eine junge Frau erwischt. Ihre Freundin hat sie gefunden.“ Er stand auf und schnappte sich seine Jacke. „Den Rest erzähle ich dir unterwegs.“

 Sie fuhren ein Stück auf der Autobahn entlang, so ging es schneller. Jan-Ole merkte, dass Lea wieder einmal verkrampfte, wie immer, wenn er schneller als 120 fuhr. Einen Seufzer unterdrückend nahm er leicht den Fuß vom Gas, bis Leas Gesichtsausdruck sich wieder entspannte. Ein schlimmer Autounfall, der bereits einige Jahre zurücklag, hatte bei ihr Spuren hinterlassen.

 „Das Opfer heißt Melanie Schmitz“, berichtete Jan-Ole. „Sie war erst Mitte Zwanzig, studierte Medizin. Der Täter hat sie in ihrem eigenen Schlafzimmer gefesselt, ihr die Zunge herausgeschnitten und sie erdrosselt.“

 „Genau wie die drei anderen Opfer“, sagte Lea und rieb sich die Arme, als wäre ihr kalt.

 

Zehn Minuten später standen sie am Tatort und betrachteten die Leiche, die, an Hand- und Fußgelenken gefesselt, auf dem Bett lag. Ihr Gesicht war blutverschmiert, die Augen vor Entsetzen geweitet.

 „Wieso Rollmöpse?“, wunderte sich Dr. Linke, der Gerichtsmediziner, und starrte kopfschüttelnd auf den T-Shirt-bedeckten Bauch des Opfers. Darauf lag ein Rollmops.

 „Das würde ich auch gern wissen“, murmelte Jan-Ole. Er wandte sich an einen der Polizeibeamten, die als erstes am Tatort gewesen waren. „Gibt es Einbruchsspuren?“, fragte er.

 Der Mann schüttelte den Kopf. „Wir konnten keine feststellen. Es sieht so aus, als hätte das Opfer ihren Mörder in die Wohnung gelassen.“

 „Danke. Wo finden wir die Zeugin?“

 Der Polizist wies Richtung Wohnzimmer. Jan-Ole nickte. Gemeinsam mit Lea bahnte er sich einen Weg, vorbei an mehreren Beamten der Spurensicherung.

 Auf der niedrigen Couch im Wohnzimmer saß eine junge blonde Frau in Sportkleidung und schniefte in ihr Taschentuch. Als sie zu ihnen aufsah, konnte Jan-Ole Schmerz und Angst in ihren rotgeweinten Augen erkennen. Er stellte sich und Lea vor. Die Zeugin hieß Ella Vorbeck und war eine Kollegin des Opfers. Sie setzten sich und Jan-Ole bat die Zeugin, zu erzählen, was passiert war.

 „Ich wollte Melanie zum Laufen abholen, wie jeden Montagmorgen“, begann sie. „Montags haben wir immer frei, wir arbeiten beide in ‚Beates Friseursalon‘ in der Innenstadt.“ Sie schnäuzte sich kräftig. „Als ich klingeln wollte, merkte ich, dass ihre Tür offenstand. Ich trat ein, rief nach Melanie, aber sie antwortete nicht. Also suchte ich nach ihr und …“ Erneut brach Ella Vorbeck in Tränen aus.

 „Wann haben Sie Ihre Freundin das letzte Mal lebend gesehen?“, fragte Jan-Ole.

 „Gestern Abend. Wir waren zusammen in einer Bar, wo es eine Karaoke-Bühne gibt. ‚Arenque‘ heißt sie. Melanie und ich hatten wegen irgendetwas gewettet und sie hatte verloren. Der Wetteinsatz war, dass die Verliererin sich auf die Bühne stellen und singen sollte. Ich weiß noch, sie stand da, stocksteif vor Lampenfieber, und meinte, ehe sie da raus geht, müsse ich sie betäuben.“ Ella Vorbeck lachte kurz und traurig auf. „Dann gab sie sich einen Ruck und sagte: ‚Ach, was soll’s? Wettschulden sind Ehrenschulden, richtig?‘ Ich sah, dass sie zitterte, aber sie ging auf die Bühne. Und soll ich Ihnen was sagen? Sie war fantastisch! Ich habe sie zuvor nie singen hören, aber sie hatte eine unglaubliche Stimme. Das Publikum jubelte ihr zu und sie kam fast besoffen vor Glück wieder von der Bühne gestolpert. Den restlichen Abend war sie richtig aufgedreht. Alle möglichen Leute haben das Gespräch mit ihr gesucht, ihr zu ihrer Leistung gratuliert. Einer meinte sogar, er wolle ihr helfen, Karriere zu machen. Ich habe sie noch nie so strahlen sehen.“

 Und nun ist sie tot, dachte Jan-Ole betroffen.

 

„Zwischen den Opfern gibt es mehrere Parallelen“, sagte Lea, als sie zurück im Präsidium waren. „Alle vier waren weiblich, jung, und lebten allein. Kein Opfer war verheiratet, nur eins geschieden. Nirgendwo gab es Einbruchsspuren, allen wurde die Zunge herausgeschnitten, ehe sie erdrosselt wurden. Bei keiner Leiche gibt es Hinweise auf ein Sexualverbrechen. Und auf jedem Opfer fanden wir einen Rollmops.“

 „Es muss noch etwas geben, was die vier verbindet“, sagte Ole nachdenklich. „Warum schneidet man jemandem die Zunge heraus?“

 „Im Mittelalter war das eine Strafe fürs Lügen“, meinte Lea.

 „Dann haben alle Opfer den Täter belogen und er hat sie sozusagen dafür bestraft?“

 Lea zuckte die Achseln. Dann runzelte sie die Stirn. „Vielleicht gibt es noch eine Gemeinsamkeit“, meinte sie langsam. „Lass uns noch einmal die Zeugen der anderen Mordfälle befragen.“

 „Die haben doch alle ausgesagt“, entgegnete Jan-Ole genervt. „Was versprichst du dir davon?“

 Lea lächelte geheimnisvoll.

 

Eine halbe Stunde später saßen sie in der Küche von Frau Koberlin. Sie war die Mutter von Maja, dem ersten Opfer.

 „Es hat ein weiteres Opfer des Rollmops-Mörders gegeben“, sagte Lea. „Ich möchte Sie etwas fragen, was uns bei den Ermittlungen vielleicht weiterhelfen könnte. Hat Ihre Tochter gesungen?“

 Jan-Ole schaute seine Kollegin überrascht an und kapierte dann, worauf sie hinauswollte. Vielleicht war dies endlich eine entscheidende Spur!

 Frau Koberlin wirkte irritiert. „Ja, Maja hat früher in einer Rockgruppe gesungen, dann aber damit aufgehört, als sie ihr Studium begann. Sie hatte keine Zeit mehr dafür.“

 „Wissen Sie, ob Maja jemals in einer Karaoke-Bar aufgetreten ist?“

 Frau Koberlin schüttelte den Kopf. „Nicht, dass ich –“

 „Ja, ist sie“, sagte jemand von der Tür her. Jan-Ole und Lea schauten auf. Ein junger Mann lehnte lässig am Türrahmen.

 „Das ist mein Sohn“, sagte Frau Koberlin.

 „Maja war einen Abend mit mir und ein paar Freunden unterwegs“, erzählte ihr Bruder. „Das war ein paar Tage vor ihrem Tod. Wir landeten in einer Karaoke-Bar und Maja war gut drauf. Sie ist auf die Bühne gegangen und hat einen Rock-Song geschmettert. Das Publikum ist total abgegangen.“

 „Wissen Sie zufällig, wie diese Bar hieß?“, fragte Jan-Ole.

 Der junge Mann schüttelte den Kopf. „War ein komischer Name, irgendwas Spanisches, glaube ich.“

 „Hieß sie zufällig ‚Arenque‘?“

 Schulterzucken. „Kann sein. Ich erinnere mich nicht.“

 

„Dass die herausgerissene Zunge aufs Singen hindeutet, hast du gut kombiniert“, lobte Jan-Ole seine Kollegin. Auch die anderen Zeugen hatten ihren Verdacht bestätigt. Jedes Opfer war einmal in der Karaoke-Bar gewesen und hatte einen beeindruckenden Auftritt hingelegt.

 „Danke. Du weißt ja, jedes Huhn trinkt mal ‘nen Korn“, erwiderte Lea grinsend. „Schön zu sehen, dass sich deine Laune ein bisschen gebessert hat.“

 Er lächelte schief. Als sie beim Wagen ankamen, hielt er ihr die Autoschlüssel hin. „Kannst du bitte fahren? Ich will was nachprüfen.“ Er zog sein Handy hervor.

 Sie seufzte und nahm den Schlüssel sichtlich widerstrebend entgegen. „Wenn es sein muss.“

 „Es muss“, sagte er. „Ich bin nämlich auf der Suche nach meinem Korn.“

 Vor dem ‚Arenque‘ hielt Lea an und war sichtlich froh darüber, dass sie die Fahrt heil überstanden hatte. „Entspann dich“, riet Jan-Ole beim Aussteigen. „Hat doch prima geklappt.“

 „Du hast Recht“, sagte sie und gab ihm den Schlüssel zurück. „Es lief jedenfalls besser als dein Schießtraining heute.“

 „Danke, dass du mich daran erinnerst“, erwiderte er grummelnd.

 „Entschuldige. Ist mir so rausgerutscht.“

 Er schwieg und stieß die Eingangstür auf. Die Bar hatte gerade erst geöffnet, sie waren die ersten Gäste. Die Bühne im hinteren Bereich lag noch im Dunkeln. Hinter dem Tresen standen ein Mann und eine Frau. Er hatte ein Notebook vor sich stehen, sie polierte Gläser.

 Es stellte sich heraus, dass es sich um den Besitzer und seine Frau handelte. Nick Klammer war sichtlich erschüttert, als er erfuhr, dass mehrere Frauen, die bei ihm gesungen hatten, ermordet worden waren. Lea zeigte ihm Fotos der Opfer. Er betrachtete sie eingehend und nickte wieder und wieder. An jede einzelne der jungen Frauen konnte er sich erinnern.

 „Wissen Sie, es gibt viele, die singen so grausam, dass man das Gefühl hat, man würde aus den Ohren bluten. Die vergesse ich meistens schnell wieder. Aber wenn jemand wirklich gut war, das merke ich mir. Und die hier waren alle gut. Stimmt’s, Tina?“

 Seine Frau warf einen flüchtigen Blick auf die Fotos. „Kann sein. Ich merke mir die Gesichter nicht.“

 „Meine Frau singt auch ganz gut“, sagte Nick Klammer, dann fügte er mit einem bedauernden Zungenschnalzen hinzu: „Ich weiß noch, dass ich diesen Mädels gesagt habe, sie sollen wiederkommen. Ich habe nämlich einen Freund, der ist Musikproduzent. Wenn ich jemanden finde, der Talent hat, kommt er vorbei und hört sich den Auftritt an. Von diesen Damen ist aber keine nochmal hergekommen.“ Er seufzte. „Jetzt weiß ich endlich, wieso.“

 „Was ist denn mit Ihnen?“, fragte Jan-Ole die singende Ehefrau. „Will der Produzent nicht mit Ihnen arbeiten?“

 Ihre Miene wurde abweisend. Nick Klammer schüttelte den Kopf. „Er sagt, sie ist zwar ganz gut, aber noch nicht gut genug. Da wäre noch Luft nach oben.“ Er lächelte seiner Frau zu. „Ich finde, du bist klasse, Baby.“

 Jan-Ole hatte genug gehört. „Frau Klammer, wo waren Sie vergangene Nacht?“

 „Na, hier“, antwortete sie knapp. „Und anschließend im Bett.“

 Lea wandte sich an ihren Mann. „Können Sie das bezeugen?“

 Er sah verwirrt aus. „Ja, klar. Was soll das? Denken Sie etwa, meine Frau hätte –?“

 „Haben Sie einen tiefen oder einen leichten Schlaf, Herr Klammer? Hätte Ihre Frau sich wegschleichen können, als Sie eingeschlafen waren?“

 Verunsichert sah Nick Klammer von Lea und Jan-Ole zu seiner Frau. „Na, ich weiß nicht, ich meine, ich hatte ein paar Whisky und –“

 Jan-Ole winkte ab. „Schon gut. Sagen Sie, dürfte ich vielleicht mal Ihre Toilette benutzen? Die private, wenn’s geht, nicht die für Ihre Gäste. Öffentliche Waschräume rufen ein Trauma in mir hervor. Es gab da mal einen Killer, der … Sie verstehen.“ Er hielt sich seinen Zeigefinger wie einen Pistolenlauf an die Schläfe und machte ein verständnisheischendes Gesicht. Leas verwunderten Blick ignorierte er.

 Nick Klammer machte große Augen. „Aha, ja, logo, kein Thema. Hier durch, durch die Küche und dann rechts.“ Er wies auf die Tür hinter sich.

 „Danke.“

 Kaum war Jan-Ole in der Küche, machte er sich auf die Suche. Und es dauerte gar nicht lange, da hielt er das in den Händen, wonach er Ausschau gehalten hatte. Zufrieden ging er zurück in den Schankraum.

 „Wer von Ihnen isst denn gern Rollmöpse?“, fragte er, das große, noch etwa halbvolle Glas hochhaltend.

 „Na, ich“, sagte Nick Klammer mit einem breiten Lächeln. „Ich liebe Rollmöpse.“

 „Deshalb haben Sie Ihre Bar auch ‚Arenque‘ genannt, nicht wahr? Das bedeutet Hering auf Spanisch“, erläuterte er an Lea gewandt. Sein Blick glitt hinüber zu Tina Klammer, die ihre Lippen zusammenpresste und das Geschirrhandtuch in die Spüle warf.

 „Ich verstehe“, sagte Lea langsam und betrachtete sie. „Sie waren eifersüchtig auf die Frauen, die besser sangen als Sie, nicht wahr? Damit Sie eine Chance haben, als Sängerin durchzustarten, mussten die anderen – so dachten Sie sich - ausgeschaltet werden. Und als kleinen Abschiedsgruß haben Sie einen Rollmops an den Tatorten hinterlassen. Habe ich Recht?“

 Die Mundwinkel von Tina Klammer zuckten. „Ich hab diese Weiber gehasst“, zischte sie. „Sie hätten sehen sollen, wie Nicks Augen leuchteten, als sie gesungen haben. Er war hin und weg von ihnen. Redete davon, ihnen bei ihrer Karriere behilflich zu sein. Aber er ist mein Mann, verdammt. Er sollte lieber mir helfen, Karriere zu machen. Ich wollte nicht, dass er seine Zeit mit diesen Tussis verschwendet. Also habe ich sie nach ihren Namen gefragt, sie aufgesucht und ihnen erzählt, dass sie für einen Plattenvertrag 50.000 € bekommen würden. Natürlich ließen sie mich rein, diese geldgierigen Bitches. Es war ein Leichtes, sie zu überwältigen. Und dann hab ich dafür gesorgt, dass sie nie wieder singen werden und von meinem Mann nichts weiter bekommen als einen seiner verdammten Rollmöpse!“ Sie funkelte Nick an. „Eins wollte ich dir schon immer mal sagen: Ich hasse diese ekligen, stinkenden Dinger!“ Damit gab sie dem Glas, das Jan-Ole auf dem Tresen abgestellt hatte, einen kräftigen Stoß. Es klirrte, als das Glas auf dem Boden zerschellte. Tina drehte sich auf dem Absatz um und floh in die Küche, während sich der fischige Inhalt auf dem Boden verteilte.

 „Verfluchter Mist!“, schimpfte Jan-Ole, und eilte ihr hinterher, so schnell man eben laufen konnte, wenn man aufpassen musste, dass man nicht auf glitschigen Rollmöpsen ausrutschte.

 Lea sah Nick Klammer an. „Schnell, gibt es einen Hinterausgang?“

 Der Barbesitzer schien von der Wendung der Dinge verwirrt, antwortete aber: „Äh, ja, auf der anderen Seite des Hauses.“

 Lea rannte zum Ausgang. Jan-Ole hatte die Küchentür erreicht und stieß sie auf. Was er sah, ließ ihn erneut leise fluchen. Tina hatte ihren Vorsprung genutzt und alles, was sich bewegen ließ, als Hindernis-Parcours in Jan-Oles Weg gestellt. Kartons und Kisten übersteigend und zur Seite schiebend eilte er ihr hinterher. In einiger Entfernung hörte er eine Tür, die krachend ins Schloss fiel.  

 Als er die Küche hinter sich gelassen hatte, war der Weg endlich hindernisfrei. Er sprintete drauflos, entdeckte die Hintertür und riss sie schwer atmend auf. In einigen Metern Entfernung entdeckte er Tina Klammer. Kreischend vor Wut rangelte sie mit Lea, die inzwischen um das Haus herumgelaufen war, um deren Dienstwaffe. Jan-Ole zog seine, konnte jedoch nicht schießen. Die Gefahr, versehentlich Lea zu treffen, war zu groß. Er brauchte ja nur an den Vormittag auf dem Schießstand zu denken. Dennoch trat er näher und hob die Pistole. „Aufhören!“, brüllte er. „Geben Sie auf, Frau Klammer. Sie haben keine Chance!“

 In dieser Sekunde entglitt Lea ihre Waffe, die polternd auf dem asphaltierten Boden landete. Tina Klammer stieß Lea grob zur Seite und stürzte sich mit einem triumphierenden Schrei auf die Pistole. Jan-Oles Herz schlug schneller. Dies war seine Chance! Natürlich durfte er seine Gegnerin nicht töten, er musste so treffen, dass sie kampfunfähig wurde. Seine Hände zitterten. Er umklammerte die Waffe fester. Zielte. Verdammt, dachte er, halt still! Dann drückte er ab.

 Tina Klammer stieß einen hellen Schrei aus und sackte zusammen. Jan-Ole ließ die Waffe sinken. Er fühlte sich wie ausgepumpt.

 Lea hatte sich inzwischen aufgerappelt und ihre Dienstwaffe an sich genommen. Jan-Ole und sie tauschten einen Blick. Dann steckte er die Waffe zurück ins Holster und zog sein Handy hervor.

 

Als die vor Schmerzen stöhnende Tina Klammer in den Krankenwagen gehoben wurde, schauten Lea und Jan-Ole zu. Er war erleichtert. Das Schieß-Training hatte sich ausgezahlt, die Kugel war wie erhofft in ihren Oberschenkel eingedrungen und hatte sie nicht lebensgefährlich verletzt.

 Der Krankenwagen fuhr los und Jan-Ole ging neben Lea zu seinem Wagen.

 „Ein guter Schuss“, sagte sie.

 Er sagte nichts.

 „Über eins komme ich allerdings nicht hinweg“, meinte sie, als er den Wagen aufschloss.

 Neugierig schaute er sie an. „Und das wäre?“

 „Dass du auf der Fahrt hierher offenbar nichts weiter getan hast, als das Wort ‚Arenque‘ zu übersetzen. Nur deshalb musste ich fahren? Du weißt, wie sehr ich das hasse.“

 „Glaub mir, je öfter du fährst, umso schneller kommst du über dein Trauma hinweg“, sagte er und lächelte ihr zu.

 „Apropos Trauma.“ Lea hielt sich einen Zeigefinger an die Schläfe. „Gibt es da etwas, das ich nicht weiß?“

 Er lächelte und schüttelte den Kopf. „Natürlich nicht. Aber von den öffentlichen Toiletten in der Bar wäre ich nicht in die Küche gekommen. Und da wollte ich schließlich hin.“

 „Um auch mal das Huhn zu sein, dass ein Korn findet beziehungsweise einen Korn trinkt?“

 „Du hast es erfasst. Aber Korn mag ich nicht. Was hältst du davon, wenn ich dich auf ein Glas Wein zum Italiener einlade, um unseren Erfolg zu feiern?“

 Sie hakte sich bei ihm ein. „Das nehme ich gern an, solange es auch was zu Essen gibt. Ich habe einen Riesenhunger und könnte praktisch alles vertilgen.“ Sie zog eine Schnute. „Alles außer Rollmöpse.“

 

ENDE