Die Botschaft

„Ich kann das auf keinen Fall zulassen, verstehst du?“, sagte der Capo und fixierte Giovanni eindringlich mit den kohlschwarzen Augen, die heute noch kälter wirkten als sonst. „Wenn Enrico damit einmal durchkommt, wird er es wieder tun. Das siehst du doch ein, nicht wahr?“
„Natürlich, mio Capo.“ Die fröhliche italienische Musik aus den Lautsprechern passte so gar nicht zu diesem Gespräch. Giovanni rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. Es waren erst wenige Tage vergangen seit seinem Aufnahmeritual in die Omertá. Wie stolz er gewesen war, als er das brennende Bild des heiligen Gabriel in den Fingern hielt und kein Laut des Schmerzes über seine Lippen kam, sondern lediglich der Satz „So wie dieser Heilige brennt, so soll auch meine Seele brennen, wenn ich jemals die Fabriosi-Familie verraten sollte.“
Nach dem Ritual hatten der Boss und alle anderen ihn feierlich in die Familie aufgenommen und mit ihm angestoßen. Von den anderen war aber jetzt niemand da. Er saß ganz allein mit dem Capo am Stammtisch im „El Saluto“.
„Was meinst du, Giovanni, bist du schon so weit, einen Auftrag zu übernehmen?“ Der Boss musterte seinen jungen Soldaten mit geneigtem Kopf.
„Was …“, Giovanni räusperte sich, „… was soll ich tun, mio Capo?“
Sein Gegenüber lehnte sich zurück. „Keine Angst, ich verlange nicht von dir, dass du diesen elenden Verräter ausknipst. Du hilfst mir lediglich, Vergeltung zu üben. Zunächst einmal wirst du dieser Ratte eine Botschaft zukommen lassen.“
Giovanni gab sich Mühe, sich seine Erleichterung nicht anmerken zu lassen. „Und wie lautet die Botschaft?“
„Es ist ein Päckchen“, antwortete der Boss kaltlächelnd. „Und darin wird er ein Paar Nüsse finden. Du weißt, was ich meine, nicht wahr?“
Giovanni lief rot an und nickte.
„Niemand vergreift sich an meiner Tochter, ohne dafür zu büßen.“ Die Augen des Capo waren nur noch schmale Schlitze, und die Hand, die gerade noch ein Glas mit Rotwein gehalten hatte, war zur Faust geballt.
Giovanni schwieg. Er konnte Enrico verstehen, denn Sophia war ein hinreißendes junges Mädchen mit einer Figur zum Niederknien. Mit ihren zwanzig Jahren verstand sie es, Männer verrückt zu machen. Und es bereitete ihr sichtliches Vergnügen. Doch Enrico war zu dumm, um zu begreifen, dass man die Tochter des Capo zwar anschauen durfte, aber seine Finger unter Kontrolle haben musste. Giovanni schwor sich, dass er diesen Fehler niemals machen würde, und wenn Sophia ihn noch so bezauberte.
Und nun stand er vor dem Problem, dass er irgendein Tier kastrieren und Enrico diese Souvenirs zusenden musste. Die Botschaft, die dahintersteckte, war unmissverständlich. Enrico konnte sich entweder auf ein Leben als Eunuch freuen oder – was wahrscheinlicher war – er würde bei seiner eigenen Kastration draufgehen. Ein verdammt hoher Preis für ein paar Minuten himmlische Freude in Sophias Armen. Der Boss hatte Recht, er musste Vergeltung üben. Sonst würden sich die Männer bei Sophia die Klinke in die Hand geben.
Der Capo zückte sein Smartphone und warf Giovanni einen auffordernden Blick zu. Der nickte und stand auf.
„Ich erwarte, dass Enrico bis um Mitternacht das Päckchen erhalten hat“, sagte der Capo, dann wandte er den Blick ab und telefonierte.
Giovanni verließ das „El Saluto“ und atmete die milde Abendluft ein. Woher sollte er ein Tier nehmen, dem er die Eier abschneiden konnte? Würde er das überhaupt fertigbringen? Seine Finger spielten mit dem Klappmesser in seiner Hosentasche. Viel Zeit hatte er nicht, es war bereits neun Uhr durch. Am besten suchte er einen streunenden Hund. In dieser Gegend von Palermo fand sich immer ein abgemagerter Köter mit struppigem Fell, den niemand vermissen würde.
Zielstrebig machte sich Giovanni auf den Weg. Vielleicht hatte er im Park Glück. Der war nicht weit entfernt und meist trieben sich dort Hunde herum.
Auf den ersten Blick entdeckte Giovanni keinen, doch als er dem Weg durch den Park folgte, sah er einen Mischlingshund neben einem Gebüsch schlafen.
„Hey, Amici“, flüsterte Giovanni lockend und hockte sich hin. Der Hund öffnete die Augen, wedelte kurz mit dem Schwanz, machte aber keine Anstalten, aufzustehen. Giovanni verfluchte seine Gedankenlosigkeit. Warum hatte er keine Wurst aus dem Restaurant mitgenommen?
Andererseits – hier war derzeit niemand. Er konnte dem Hund hier an Ort und Stelle die Kehle durchschneiden und ihn anschließend kastrieren.
Sein Herz begann schneller zu schlagen. Vorsichtig näherte er sich dem daliegenden Hund, der einen leisen Laut von sich gab. Mit glänzenden braunen Augen schaute er Giovanni an und hob den Kopf.
„Ja, du bist ein ganz Feiner, Amici.“ Sanft streichelte er das weiche Fell hinter den Ohren. Wem machte er etwas vor? Er würde es niemals fertigbringen, diesem oder einem anderen Tier etwas anzutun. Wahrscheinlich würde er eher einen Bullen abknallen können. Die verdammte Policia tat alles, um der Familie das Leben schwer zu machen. Aber ein Tier töten?
Scheiße, dachte Giovanni. Was mach ich denn jetzt?
Er erhob sich und ging langsam rückwärts Richtung Parkausgang. Der Hund sprang auf und folgte ihm. Trabte schwanzwedelnd neben Giovanni her.
Der seufzte. „Vielleicht finden wir am Hafen jemanden, der uns zwei mitnimmt“, sagte er. Ganz offensichtlich war er nicht zum Mafioso geboren. Er würde zurück nach Mailand gehen, zu seiner Mamma und seinen Schwestern. Niemand aus der Fabriosi-Familie wusste, woher er kam. Die blöden Mafia-Filme, die er so gern geschaut und die ihn dazu gebracht hatten, nach Sizilien zu gehen, konnten ihm gestohlen bleiben.
Der Capo würde einen anderen finden müssen, der Enrico die Botschaft ausrichtete. Und er selbst würde dafür beten, dass ihn niemand aus der Omertá jemals finden würde. Denn sonst würde der Capo an ihm Vergeltung üben.
Am Horizont konnte Giovanni die Masten der Segelschiffe im Hafen erkennen. Er pfiff dem Hund leise zu. "Komm, beeilen wir uns lieber!"