Frühstücksgeplauder

Er schlürft schwarzen Kaffee und kaut mit langen Zähnen an seinem Schwarzbrot mit Blutwurst.
»Ich bin ausgelaugt«, jammert er zwischen zwei Bissen. »Immer mehr Menschen und damit immer mehr Arbeit. Etwas Unterstützung wäre gut. Junges Blut mit Kraft und Elan.«
Sie nickt und schmiert sich Sonnenblumenmargarine auf ihr Vollkornbrötchen. Dann lässt sie ihren geliebten goldenen Bienenhonig darauf tropfen und beobachtet, wie er auf der Margarine verläuft.
»Frag doch den Chef, ob du noch ein bisschen Unterstützung bekommen kannst.«
»Zum Beispiel für den Nahen Osten«, sagt er mit vollem Mund. »Momentan die anstrengendste Abteilung, wie du weißt. Alles zusammen ist allein kaum zu schaffen.«
»Ja, da gebe ich dir Recht. Dummheit, Ignoranz und Hass haben dort ganze Arbeit geleistet.«
Er legt das angebissene Brot auf den Teller. »Irgendwie habe ich keinen Appetit. Wo sind eigentlich Gier, Wut und Unglück?«
»Die sind längst unterwegs.« Mutter Natur nippt an ihrem Kamillentee und genießt die sich ausbreitende Wärme in ihrem Inneren. »Auch Trauer ist schon weg.«
»Und die anderen?«
»Glück und Frieden schlafen noch. Ach, und Liebe und Hoffnung sind bei einem Fortbildungsseminar. Das sei dringend nötig, sagten sie.«
Er seufzt. »Ich merke schon, ich werde heute kaum zum Ausruhen kommen. Stressiger war mein Job nur im 14. Jahrhundert, als mein alter Freund Pest seine beste Zeit hatte.«
Er sieht ins Leere, hängt vermutlich der Erinnerung an alte Zeiten nach, während er seinen Kaffee schlürft.
»Es ist erschreckend«, bemerkt sie.
»Was meinst du?«
»Ich meine deinen Gesichtsausdruck, während du an Elend, Qualen und Hoffnungslosigkeit denkst. Du siehst dann immer so ... zufrieden aus.«
»Ich mag meinen Beruf eben«, erwidert er eingeschnappt. »Er ist abwechslungsreich. Ich komme rum und lerne viele Menschen kennen.«
Sie hebt eine Augenbraue. »Ein ziemlich einseitiges Vergnügen, meinst du nicht? Schließlich sind sie tot, sobald sie die Ehre hatten, deine Bekanntschaft zu machen.«
»Jeder Job hat seine Schattenseiten.« Er reißt den Mund auf und beginnt, Blutwurstreste aus seinen Zähnen zu pulen.
»Unterlass das bitte«, bemerkt sie kopfschüttelnd. »Du weißt, ich mag das nicht.«
Er klappt den Mund wieder zu und greift nach seiner schwarzen Serviette. »Und? Was steht auf deinem Tagesplan?«
»Das Übliche«, antwortet sie und bemüht sich, optimistisch zu klingen. »Ich werde versuchen, mich gegen Gewinnsucht, Profitgier, Unvernunft und Leichtsinn zu wehren. Mal gelingt es, mal nicht. Vielleicht schafft es heute der hundertste Baum in diesem Jahr, seine Wurzeln durch gepflasterte Wege zu stoßen. Ich glaube, dann gönne ich mir zum Feierabend ein Glas Nektar.« Genüsslich beißt sie in ihr Brötchen.
Er lehnt sich zurück. »Auch dann, wenn der Regenwald erneut um ein paar fußballfeldgroße Flächen reduziert wird und tausende Meeresbewohner wegen der Wasserverschmutzung durch Plastik und Öl draufgehen?«
Sie runzelt verärgert die Stirn. »Musst du immer so negativ sein? Natürlich gibt es immer wieder Rückschläge. Umso mehr muss man sich doch über jeden kleinen Erfolg freuen.«
»Blödsinn! Du machst dir nur was vor. Früher oder später bist du erledigt. Die Menschen werden letztendlich gegen dich gewinnen, weil sie unersättlich sind und die Augen vor dem verschließen, was kommt, wenn sie dich vernichtet haben. So wie dieser blondierte Narzisst in Washington.« Seine knochigen Finger greifen nach der Kaffeetasse.
»Dennoch werde ich nicht einfach aufgeben«, murmelt sie trotzig. »Vielleicht geschieht ein Wunder. Ich glaube fest, dass die Menschen bald merken werden, dass sie im Grunde verlieren, wenn sie gegen mich gewinnen. Es gibt immer mehr von ihnen, denen das klar wird. Es gibt sogar eine Bezeichnung für sie. Sie nennen sich Ökologen.«
Er stellt mit einem Klirren die Tasse ab, so dass Kaffee auf den Tisch spritzt, und schnaubt. »Pah! Das ist doch nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Du bist naiv, das warst du schon immer. Früher oder später wirst du an meine Worte denken.«
Sie schluckt seine Bemerkung zusammen mit ihrem Honigbrötchen-Bissen hinunter, was nicht leicht ist, wenn sich die Kehle wie zugeschnürt anfühlt. »Du meinst, wenn ich in meinen letzten Zügen liege und du dann kommst, um mir das Licht endgültig auszuknipsen?«
Er lächelt zufrieden. »Es mag hart klingen, aber - Ja!«
»Pah! Wir werden ja sehen, wer Recht hat.«
Er schweigt, stützt nur sein blasses Gesicht in die knochigen Hände und senkt den Blick.
»Ich weiß, was dir durch den Kopf geht«, flötet sie heiter.
»So? Was denn?«
»Du hast die Fliege auf meinem Honigbrötchen im Auge und würdest sie am liebsten mit einem schnellen Schlag deiner Knochenhand zerquetschen.«
Er richtet sich auf. »Du kennst mich einfach zu gut.«
»Ich weiß.« Sie verscheucht die Fliege mit einem sanften Wedeln ihrer rundlichen Hand. »Du hättest es auch getan, wenn dann nicht deine ganze Hand voller Honig gewesen wäre.«
»Dieses klebrige, süße Zeug«, murmelt er angewidert, schüttelt sich, dass es klappert, und steht auf. »Igitt!«
»Musst du schon gehen?«
Er schnappt sich seine Sense. »Ja, es wird Zeit. Im Nahen Osten ist mal wieder der Teufel los.«
»Grüß ihn von mir«, bittet sie lächelnd. »Bis heute Abend!«

ENDE