WARNUNG! Die Lektüre dieses Buches kann zum Ausbruch von Gänsehaut oder zu Kauschäden an Fingernägeln führen! - Ein Ex-Knacki muss einen Mord begehen, um seine Familie zu retten;- Ein Mönch kommt einem Verbrechen im Kloster auf die Spur;- Eine reiche Erbin steht auf der Liste eines Auftragskillers- und ein Mord bei einer Hochzeit ruft die Buchhalterin Maria auf den Plan.Diese und weitere Krimis - von der Autorin Britta Bendixen wie gewohnt locker-leicht und mit einem Augenzwinkern erzählt - sorgen für kurzweilige Unterhaltung bei jedem Krimifan.

Ein ungewöhnlicher Name

 

 

Als Edith Thompson das Zimmer ihrer Mutter betrat, funkelten die eisblauen Augen der alten Frau gefährlich.

»Wo bleibt mein Essen?«, fuhr sie Edith an.

»Hab noch ein wenig Geduld, es ist bald fertig.« Edith reichte ihrer Mutter einen Brief. »Du hast wieder Post aus New York. Willst du mir nicht endlich erzählen, wer diese Meredith Fenworthy ist?“

 Mrs. Thompson riss ihrer Tochter den Brief aus der Hand. »Nein, will ich nicht. Das geht dich nichts an.«

 »Wie du willst.« Edith seufzte, dann wechselte sie das Thema. »Mutter, ich brauche Geld zum Einkaufen. Wir haben kaum noch etwas im Haus. Ich dachte, ich könnte gehen, wenn Dr. Jones kommt, um dich zu untersuchen. Dann hast du Gesellschaft.«

 »Schlag dir das aus dem Kopf. Ich will nicht mit dem Kerl allein im Haus sein.«

 Edith versuchte, ruhig zu bleiben. »Mutter, Dr. Jones ist -« 

 »Du bleibst hier, bis er gegangen ist, hast du verstanden? Und hol mir endlich mein Mittagessen, auch wenn es wieder grässlich schmeckt. Ich verhungere.«

 Ediths Hände ballten sich zu Fäusten. Sie verließ wortlos den Raum und stieg die schmale, knarrende Treppe hinunter. Wie sie das alte Weib verabscheute! Edith war fünfundvierzig und ihr einziger Lebensinhalt war die Pflege ihrer herzkranken und streitsüchtigen Mutter. Den Traum von einer eigenen Familie hatte sie längst begraben.

 Während sie die gekochten Kartoffeln stampfte, las Edith gedankenverloren das Titelblatt der Zeitung, die neben ihr auf dem Tisch lag.

 Die Suffragetten um Emmeline Pankhurst haben wieder von sich reden gemacht. In dem Artikel wurden zerbrochene Fenster und angezündete Briefkästen im Bereich des Parlaments erwähnt.

 Diese Frauen wehren sich wenigstens und kämpfen für das, was sie wollen, dachte Edith bedrückt. Ich lasse mich seit Jahren drangsalieren und tue absolut nichts dagegen. Aber wie sollte ich auch? Sie ist schließlich meine Mutter.

 

»Das Fleisch ist trocken«, sagte Mrs. Thompson. »Und das Püree schmeckt nach gar nichts. Wie schaffst du es nur, aus jeder Mahlzeit Schweinefutter zu machen?«

 »Entschuldige, Mutter. Du weißt, ich bin nicht besonders gut im Kochen.«

 »Wohl wahr.« Die alte Frau schob den Teller zurück und wischte sich den kleinen Mund mit der Stoffserviette sauber. »Gib mir die Schatulle.«

  Edith stand auf und holte die robuste, buchgroße Holzkiste aus dem Nachttisch. Behutsam legte sie sie auf die Bettdecke und stellte sich wie immer, wenn die Mutter die Kiste öffnete, ans Fußende des Bettes. Die alte Frau wollte unter keinen Umständen, dass Edith einen Blick hineinwerfen konnte. So lange sie denken konnte fragte sich Edith, was um alles in der Welt diese Schatulle enthielt.

 Die knochigen Finger der alten Frau tasteten derweil nach dem Schlüssel, den sie an einer Kette um den Hals zu tragen pflegte. Schweigend beobachtete Edith, wie ihre Mutter aufschloss, den Deckel hochklappte, ein paar Scheine aus der Schatulle nahm und den jüngsten Brief aus New York hineinlegte. Danach schloss sie sofort wieder ab.

 »Du kannst sie jetzt wegstellen«, sagte Mrs. Thompson und reichte Edith das Geld. »Hier, das sollte für den Einkauf reichen. Aber du bleibst, bis der Arzt gegangen ist.«

 »Natürlich, Mutter. Jetzt ruh dich aus, du hast doch wieder so schlecht geschlafen letzte Nacht.«

 

Dr. Jones kam pünktlich. Er untersuchte seine herzkranke Patientin gründlich, ermahnte sie, sich weiterhin zu schonen und verabschiedete sich. Edith brachte ihn zur Tür.

 »Doktor, meine Mutter schläft in letzter Zeit nicht sehr gut«, sagte sie, als sie dem Arzt seinen Hut reichte. »Was kann ich tun? Warme Milch und frische Luft helfen nicht.«  

 Dr. Jones überlegte, dann öffnete er seine Tasche und holte eine kleine Papiertüte hervor. »Das ist ein leichtes Schlafmittel. Geben Sie Ihrer Mutter abends eine Messerspitze davon in den Tee.«

 »Haben Sie vielen Dank, Doktor«, sagte Edith.

 Auf dem Weg zum Einkaufen kam sie am Hafen vorbei. Ein gewaltiges Schiff war eingelaufen. Edith stand staunend davor. Noch nie hatte sie ein Schiff dieser Größe gesehen. Sie beobachtete, wie Passagiere die steile Gangway auf- und abgingen oder sich über die Reling beugten. Edith seufzte sehnsüchtig. Damit zu reisen war gewiss wunderbar.

 

»Wo bist du so lange gewesen?«, fuhr ihre Mutter sie an, kaum dass sie zurück war. »Ich habe mich beschmutzt, und das ist allein deine Schuld.«

 Die nächste Stunde verbrachte Edith damit, das übelriechende Bett und die zeternde alte Frau zu säubern. Statt auf deren Vorwürfe einzugehen träumte sie sich auf das wunderschöne Schiff, das, wie sie gehört hatte, am nächsten Mittag auslaufen sollte.

 Am Abend gab sie etwas von der Medizin in den Tee, ehe sie ihrer Mutter das Abendbrot brachte. Es wirkte, die alte Frau schlief rasch ein.

 Als der Arzt ihr das Pulver gegeben hatte, war ein Plan in Edith gereift. Nun war es an der Zeit, ihn umzusetzen. Sie wartete noch ein Weilchen, dann holte sie, jedes Geräusch vermeidend, die Kiste hervor. Sie wollte endlich wissen, was ihre Mutter vor ihr verbarg.

 Die alte Mrs. Thompson rührte sich nicht, ihr Atem ging ruhig und gleichmäßig. Edith suchte vorsichtig im Ausschnitt des Nachthemds ihrer Mutter nach dem Schlüssel und steckte ihn in das Schloss. Es quietschte leise, als sie ihn herumdrehte. Edith ließ die alte Frau nicht aus den Augen. Das Mittel wirkte, sie wachte noch immer nicht auf.

 Mit hämmerndem Herzen verließ Edith die Schlafkammer und eilte in die Küche. Dort setzte sich an den Tisch und hob neugierig den Deckel an. Obenauf lag das Geld. Edith holte die Scheine heraus und zählte. Es waren mehrere hundert Pfund. Mit so viel hatte sie nicht gerechnet. Ihre Mutter tat regelmäßig, als nagten sie am Hungertuch. Es war Jahre her, dass Edith etwas Geld für Stoff erhalten hatte, aus dem sie sich ein Kleid schneidern konnte.

 »Du geizige alte Hexe«, murmelte sie und stöberte weiter in der Kiste.

 Sie fand einen Stapel Briefe darin. Alle waren sie von Meredith Fenworthy aus New York. Sie wollte gerade einen öffnen, als sie unter den Briefen teuer wirkenden Schmuck entdeckte. Mit offenem Mund nahm sie einen Rubinring heraus und probierte ihn an.

 Wie wunderschön das aussah! Ohne ihn abzunehmen ließ sie ihre Hände durch die Ketten und Broschen gleiten. Dabei entdeckte sie am Boden der Schatulle ein zusammengefaltetes Blatt Papier. Sie faltete es auseinander und begann zu lesen.

 Kurz darauf brachte sie die Kiste zurück an ihren Platz. Dann trat sie an das Bett und betrachtete das im Schlaf so friedlich wirkende Gesicht.

 »Jetzt weiß ich endlich, wer Meredith Fenworthy ist«, flüsterte sie, griff nach einem Kissen und drückte es fest auf Mund und Nase der schlafenden Frau. Dabei ging ihr wieder und wieder der Inhalt des Briefes durch den Kopf.

 

»Geliebte Schwester,

 ich danke dir, dass du dich um mein Baby kümmern willst, wenn ich nach Amerika gehe. George Fenworthy würde mich niemals heiraten, wenn er von dem Kind wüsste. Ich werde dir regelmäßig Geld schicken, du weißt ja, dass mein Verlobter vermögend ist. Den Schmuck, den Mutter mir vermacht hat, lasse ich nun dir, damit du ihn an meine Tochter weitergeben kannst, wenn sie alt genug ist.

In Liebe, Meredith.«

 

 Endlich nahm Edith das Kissen vom Gesicht der alten Frau. Sie atmete nicht mehr.

 »Schluss mit den Lügen, Mutter«, sagte Edith kalt. Dann verließ sie ein letztes Mal den Raum. Wenn jemand die tote Frau entdeckte, würde sie England längst für immer verlassen haben.

 Mit einem Koffer, in dem sich neben Kleidung auch der Schmuck, die Briefe und das Geld befanden, stand Edith am Hafen und holte tief Luft. Ein neues, wunderbares Leben lag vor ihr. Während sie die Gangway hinaufstieg, betrachtete sie lächelnd den strahlend weißen Schriftzug am dunklen Bug des Schiffes. Titanic, las sie. Was für ein ungewöhnlicher Name.

 

ENDE