"PatchWords a la carte"  - Kurzgeschichten zum Genießen

Irgendwann merkte ich, dass Kochen und Schreiben sowie Lesen und Essen erstaunlich viele Parallelen haben. Es geht um Genuss und Geschmack, Intuition und Phantasie. Da wie dort ist beides zu finden.

So entstand die Idee, meinen neusten Kurzgeschichtenband diesem Thema zu widmen. Entsprechend sind die Geschichten unterteilt in Kategorien wie 'Leichte Vorspeise', 'Mit Liebe zubereitet' oder 'Dessert Surprise'. Mein Cover-Designer Niklas-Philipp Gertl hat meine Idee von einem Cover, das an eine Menükarte erinnert, hervorragend umgesetzt.

 

In diesem Buch finden sich humorvolle Texte, spannende Krimis, romantische Lovestorys und auch Ausflüge ins Land der Phantasie.

 

 

 

Leseprobe aus "PatchWords - a la carte"

 

Glückskeks-Günni

 

Mitternacht. Bereits während der letzten Stunden konnten einige Ungeduldige es nicht abwarten und so knallte, zischte und donnerte es immer wieder mal im Laufe des Abends. Jetzt aber zieht es alle nach draußen und das Getöse erreicht seinen Höhepunkt.

 Ich bleibe allein drinnen. Hier ist es weniger laut und stinkig, dafür warm und gemütlich. Die bun­ten Explosionen am Himmel sehe ich durchs Fenster, das reicht mir. Im Fernsehen läuft eine dieser Silvester-Shows.

 Ich zappe ein bisschen und lande zuerst bei der x-ten Wiederholung von ›Dinner for one‹, um wenig später zum dritten Mal an diesem Abend Ekel Alfred zuzusehen, der lautstark »Das ist Punsch, du dusselige Kuh! Punsch! Punsch! Punsch!« brüllt.

 Amüsiert nehme ich einen der chinesischen Glückskekse vom Esstisch, entferne die Plastikverpackung und knacke ihn auf. Während ich mir ein Stückchen Keks in den Mund schiebe, falte ich den kleinen Zettel auseinander, der im Keks verborgen war. Jedes Mal erwarte ich den bekannten Spruch »Hilfe, ich werde in einer Glückskeksfabrik gefangen gehalten!«.

 Wieder nix. Scheinbar wird niemand gezwungen, Zettel in Kekse zu stopfen. Die machen das gerne.

 Ich nippe an dem Sekt, mit dem wir gerade auf das Neue Jahr angestoßen haben und lese: ›Nach einer nötigen Trennung beginnt faszinierendes Neues‹.

 Hm, ich soll mich also trennen. Von meinem Mann etwa? Um frei zu sein für einen anderen? Du liebe Güte! So eine Entscheidung von einem Keks abhängig zu machen, erscheint mir doch etwas zu krass.

 Ich lege den Zettel auf den Tisch und zünde eine Tischbombe an einer Kerze an, während der von seinem selbstgebrauten Punsch benebelte Alfred im Fernsehen mit seinem Schwiegersohn anstößt.

 Es knistert leise, die Lunte sprüht kleine Funken.

 BUMM!

 Der Knall ist viel lauter als sonst, es pufft und kracht, Rauch nebelt mich ein und Konfetti rieselt auf mich herab wie bunter Papierschnee. Dann höre ich zu meinen Füßen ein heiseres Husten.

 Verdattert schaue ich nach unten und sehe einen Hund in der Größe eines Hamsters. Er hat braunes Fell, Schlappohren, eine putzige Schweinsnase und ein Ringelschwänzchen.

 »Ach du dickes Ei!«, rufe ich und hebe ihn vom Boden auf. Er passt bequem in meine Hand. »Was bist denn du für ein Scherz der Schöpfung?«

 »Ich bin Günni«, sagt er. Die Stimme kommt mir bekannt vor. »Dein innerer Schweinehund«, fügt er noch hinzu.

 Verdattert starre ich das Wesen an, denn er spricht mit der deutschen Synchronstimme von George Clooney. Kein Wunder, dass ich ihm nie widerstehen konnte!

 »Na los«, fordert er mich mit einem charmanten Lächeln auf. »Trink noch einen Schluck. Und die Chips sehen so lecker aus. Greif ruhig zu. Es ist schließlich Silvester.«

 »Ich habe mir dich immer größer vorgestellt«, sage ich.

 »Oh, das bin ich auch! Aber um in die Tischbombe zu passen musste ich schrumpfen. Setz mich doch mal ab.«

 Ich tue ihm den Gefallen und schaue mit offenem Mund zu, wie er immer weiter und weiter wächst, bis die Schweinsnase größer ist als eine Steckdose.

 Mein Mann kommt zur Tür herein, mit roter Nase von der Kälte und Schneeflocken in den Haaren.

 »Haben wir noch irgendwo ein Feuerzeug?«, will er wissen. »Meins ist kaputt.«

 »Oberste Küchenschublade«, sage ich automatisch und zeige mit dem Finger auf Günni. »Guck mal.«

 Er wendet seinen Blick in Richtung meines inneren Schweinehundes, der jetzt offenbar mein äußerer Schweinehund ist, und schaut dann verwirrt zu mir. »Was meinst du?«

 »Na, den Schweinehund. Siehst du ihn nicht?«

 Er grunzt leise, was ich irgendwie passend finde. »Du hattest wohl zu viel Sekt«, vermutet er und geht kopfschüttelnd Richtung Küche.

 »Er sieht mich nicht«, sagt der Schweinehund mit der sexy Stimme. »Niemand außer dir sieht mich.«

 »Und was willst du von mir?«

 »Gar nichts. Du sollst einfach so weitermachen wie bisher. Bei jeder Gelegenheit faulenzen, naschen und fünfe gerade sein lassen.«

 »Aber genau das will ich doch nicht mehr!«, rufe ich. »Das sind doch meine Vorsätze für das neue Jahr.«

 Er winkt ab, was ausgesprochen lustig aussieht.

 »Papperlapapp. Fitness und gesunde Ernährung werden ebenso überbewertet wie übertriebener Ehrgeiz und Fleiß. Du lebst viel länger, wenn du es gemütlich angehst.

 »Ja, genau«, sage ich sarkastisch. »Meine Knochen werden dann immer steifer, mein Bauch immer runder und in Nullkommanix bin ich Diabetikerin mit Arthritis in den Fingern und kann nicht mehr schreiben. Nee, nee, dann lieber ein kürzeres Leben ohne gesundheitliche Einschränkungen.«

 Günni geht zum Naschteller meiner Jüngsten und fischt mit seiner rüsselartigen Schnauze eine in Stanniol verpackte Engelsfigur aus Nougat heraus. Damit kommt er zu mir und wedelt mit dem Ringelschwanz. Ich nehme den Engel und lege ihn auf den Tisch. »Nein, danke«, sage ich kühl.

 »Ach, komm schon! Du weißt, wie sehr du Nougat liebst. Na los, leg die Füße hoch und genieße den sahnig-schokoladigen Geschmack auf der Zunge.«

 Diese schmeichelnde Clooney-Stimme macht mich beinahe schwach.

 Doch dann rufe ich mir ins Gedächtnis, wem die Stimme tatsächlich gehört, und zwar Detlef Bierstaedt, dem Synchronsprecher. Er ist gewiss ein sympathischer Mann, aber optisch kann er mit Clooney nicht mithalten. Zum einen trägt er Glatze und zum anderen - passend zu seinem Namen - einen Bierbauch.

 Wenn ich an ihn und nicht an George denke, überlege ich, kann ich vielleicht in Zukunft meinem Schweinehund widerstehen.

 Mein Blick fällt auf den Zettel aus dem Glückskeks. Trennung, denke ich und überlege.

 Dann stehe ich auf und packe Günni an einem seiner Schlappohren. »Komm mal mit«, sage ich freundlich und ziehe ihn zur Terrassentür.

 Er mustert mich misstrauisch. »Was hast du vor?«

 »Gassi gehen«, erwidere ich knapp, öffne die Tür und schubse ihn nach draußen. Dann knalle ich die Tür wieder zu.

 »So, im Neuen Jahr werde ich ohne dich klarkommen, kapiert? Mach’s gut, Günni!«

  

 ENDE